Kind als Sündenbock: Sie rief an, er schlug zu

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26. Juli 2018, 00:17 Uhr

Weil Mia* (6) ein Fenster geöffnet hat, durch das ihre jüngeren Geschwister nach draußen geklettert waren, bekam
sie derart den Hintern versohlt, dass er laut Anklage „massive Hämatome“ aufwies.

Stiefvater Sven S.* (29) musste sich deshalb gestern wegen körperlicher Misshandlung vor dem Eutiner Amtsgericht verantworten. Doch in der Verantwortung für diesen Aussetzer, wie es Richterin Anja Farries nannte, stehen beide Elternteile, das wurde in seinen Ausführungen deutlich. Sven S. sprach von einer stressbelasteten Beziehung zu seiner späteren, mittlerweile getrennt lebenden Frau. Diese brachte Mia mit in die Beziehung. Beide bekamen dann zusammen noch Zwillingstöchter. Damit sei die Mutter, später aber auch er, überfordert gewesen. „Ich bin von der Arbeit nach Hause, durfte da mit allem weitermachen“, sagte Sven S. Dass sei irgendwann zuviel gewesen, deshalb habe er sich getrennt, aber immer noch Kontakt zu allen drei Kindern gehabt.

Anfang April, am Tag seines Ausrasters, rief die Mutter seiner Kinder bei ihm an, Mia habe das Fenster geöffnet, die Kinder seien aus dem Erdgeschoss zum Nachbarn gekrabbelt, ob er nicht einmal kommen und sie bestrafen könne. Sven S. kam, schnappte sich die Älteste, ging ins damalige Schlafzimmer und haute ihr mehrfach auf den Po. „Ich bin eigentlich gar nicht der Typ für so etwas, aber es hatte sich vermutlich so viel angestaut“, sagte er vor Gericht. Auch bei der Polizei habe er sich reumütig gezeigt. Die mittlerweile Sechsjährige habe sich später bei ihm entschuldigt, für ihr Verhalten, verlas die Richterin und merkte an: „Kinder in dem Alter können keine Verantwortung für Zweijährige übernehmen. Sie sind auch nicht schuld an irgendetwas.“ Die Mutter, die den Vater zur Bestrafung rief, habe beim Telefonieren im Wohnzimmer gesessen, das Rausklettern zu den Nachbarn auch erst auf Hinweis der Nachbarn bemerkt. Sie war es auch, die den Vater ihrer Zwillinge später anzeigte. Sven S. habe sich bei Mia entschuldigt, hätte auch gern wieder Kontakt zu ihr, doch soweit er wisse, lebe sie mittlerweile bei ihrem leiblichen Vater, die Zwillinge bei seiner Noch-Ehefrau, die sich mittlerweile auch Hilfe beim Jugendamt gesucht habe.

Richterin und Staatsanwalt kamen überein, dass eine Geldstrafe für den Hotelhausmeister in diesem Fall genüge. „Sie sind durch ihr eigenes Fehlverhalten betroffener, als ein Urteil sie treffen könnte“, so Farries. Mit einer Zahlung von 300 Euro in Raten zu Gunsten des Kinderschutzbundes werde das Verfahren eingestellt.


* Namen geändert

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