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Eutin / Malente : Kiebitzhörn: Fortbildung hat Pause

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Neueste Entwicklung: Die Landespolizeischule soll bis mindestens Ende September als Auffanglager des Landes für Flüchtlinge dienen.

von
erstellt am 18.Aug.2015 | 04:00 Uhr

In einer Ecke des großen Foyers ist eine Spielecke eingerichtet. Zwei kleine Kinder und ihre Mutter sitzen dort. An einem Tisch blättern ein Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes und ein Mann gemeinsam in Dokumenten. Auf dem Sportplatz spielen zwei Männer Fußball.

Zu Besuch in der Landespolizeischule Kiebitzhörn. Es deutet wenig darauf hin, dass die Fortbildungseinrichtung der Landespolizei seit Mitte Juli ein provisorisches Auffanglager für Flüchtlinge ist.

88 Menschen sind Mitte vergangener Woche gekommen. Es ist bereits die dritte Gruppe, die das Seminarhaus bezieht. „In den ersten Tagen nach der Ankunft ist es sehr ruhig hier, die Menschen ruhen sich erst einmal aus. Man kann ihnen die erlittenen Strapazen ansehen“, erzählt Gunnar Petersen von der Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung und die Bereitschaftspolizei (PDAFB), zu der Kiebitzhörn gehört.

Die aktuelle Gruppe, die vor allem aus Afghanen, Syrern und Irakern besteht, wird nicht die letzte sein: „Nach neustem Stand soll die Landespolizeischule mindestens bis Ende September für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt werden“, sagt Petersen.

Als die erste Gruppe kam, sollte die Landespolizeischule in dem ehemaligen Herrenhaus zwischen Sielbeck und Nüchel bis zum Ende der Sommerpause genutzt werden und der Schulbetrieb Mitte August wieder aufgenommen werden. Dann kam schon eine Verlängerung bis Ende August, nun ist von Ende September die Rede.

Nach den jüngsten Aussagen des Innenministers Stefan Studt (SPD), dass dieses Jahr in Schleswig-Holstein eher mit 25  000 als mit 20  000 neuen Flüchtlingen zu rechnen sei (OHA von gestern), könnte auch das obsolet werden.

Die Konsequenz für die Landespolizei: „Erste Fortbildungskurse wurden abgesagt“, erklärt Gunnar Petersen. Für die Fortbildung von Polizeibeamten fehlen in Kiebitzhörn zurzeit schlicht die Unterbringungsmöglichkeien. Auf der Eutiner Hubertushöhe gibt es auch keine Ausweichmöglichkeiten: Die Liegenschaft der Polizeidirektion platzt aus allen Nähten. Nicht umsonst sind in der benachbarten Seniorenresidenz Wilhelmshöhe Wohnungen für Polizeischüler angemietet worden.

Die Versorgung von Flüchtlinge stellt das Personal der Landespolizeischule vor ungeahnt Herausforderungen. Das wird sofort nach dem Betreten der Geschäftsstelle deutlich, im Flur lagert eine große Zahl an Kindersitzen. Angela Hansen, die in der Geschäftsstelle arbeitet und in Nüchel wohnt, hat die Sitze organisiert, und das sehr schnell und unproblematisch:

„Als aus der ersten Gruppe Familien abreisen sollten und die Busse kamen, hatten wir für die vielen Kinder keine Kindersitze. Spontan holte ich die Sitze meiner Enkelkinder aus dem Auto und danach die Sitz-Erhöhungen der Jugendfeuerwehr. Und fragte dann über Whats-app-Gruppe ,Nüchel Info‘, in der inzwischen 75 Nücheler Mitglied sind, ob noch jemand einen Sitz zu verleihen hat. Sofort erhielt ich mehrere Antworten. Die Sitze wurden teilweise sogar direkt und sofort nach Kiebitzhörn gebracht. Echt super, so eine Gruppe.“

Erfahrungen über eine große Hilfsbereitschaft hat die PDAFB auch an andere Stelle gemacht: Sowohl Polizisten als auch Bürger spendeten spontan, was Flüchtlinge so brauchen können, vor allem Kleidung. Die Hilfswelle war so groß, dass die PDAFB um eine Kanalisation bemüht war und öffentlich darum bat, Spenden in der DRK-Kleiderkammer in Eutin abzugeben – und nicht bei Polzeistationen oder in Kiebitzhörn oder an der Wache auf Hubertushöhe.

Vor Herausforderungen steht auch das Küchenpersonal: Die meisten Flüchtlinge sind muslimischen Glaubens, deshalb ist Schweinefleisch tabu. Stattdessen werden plötzlich ungewöhnlichen Dinge begehrt, zum Beispiel Ziegenmilch. Gunnar Petersen: „Es sind Kollegen losgefahren und haben in den Supermärkten nach Ziegenmilch gesucht.“ Als gute Quelle habe sich ein Markt in Malente erwiesen.

Die ungeplante Versorgung von zusätzlich fast 100 Menschen bringt natürlich für das Personal noch andere Herausforderungen, vor allem mehr Arbeit. „Das Küchenpersonal arbeitet an der Grenze der Belastbarkeit“, sagt Petersen.

Dankbar sei die PDAFB, dass für die Liegenschaft ein Sicherheitsdienst beauftragt worden sei und diese Aufgabe nicht auch noch von der Polizei übernommen werden müsse. Und um die Betreuung der Flüchtlinge bemühen sich ehrenamtliche Kräfte des Deutschen Roten Kreuzes (DRK).

„Die Kreisgeschäftsstelle koordiniert die ganzen Einsätze im Kreis“, erzählt Jürgen Gutzmann vom Malenter DRK. Neben Rotkreuz-Mitgliedern aus Eutin, Malente und Süsel, die unter anderem Sprachunterricht organisieren, sind in Kiebitzhörn auch Jugendrotkreuzgruppen aus Bad Schwartau und Ratekau bei der Kinderbetreuung aktiv.

Eingebunden ist auch die Kleiderkammer. Es gibt für jeder Gruppe einen „Kleiderbasar“, mit dem der Kleidungsbedarf der Flüchtlinge gedeckt werden soll, erklärt Hanelore Dräger. „Da darf sich dann jeder ein oder zwei Stücke aussuchen“.

Und es sind auch Busse des DRK, mit denen die Flüchtlinge aus Kiebizhörn in die Gemeinden gebracht werden, in denen die weitere Unterbringung erfolgt. „Die Verteilung geht von hier in das ganze Land“, sagt Gutmann. Bis zu 14 Tage lang waren die beidem ersten Gruppen in Kiebitzhörn, bevor die Menschen im Land verteilt wurden. Und auch die aktuelle Gruppe soll bis Mitte kommender Woche wieder aus Kiebitzhörn abreisen – und Platz machen für das nächste Kontingent.

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