Bericht aus Kabul : Khaled Waziri: Afghanistans Politik zum Tee

„Salziger Markt“ heißt „Shor Bazar“, wo Khaled Waziri den Händler Noor Gul traf.
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„Salziger Markt“ heißt „Shor Bazar“, wo Khaled Waziri den Händler Noor Gul traf.

Khaled Waziri berichtet exklusiv für shz.de aus Kabul. Dabei zeichnet er ein authentisches Bild der Lage in dem Land.

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04. Dezember 2014, 16:19 Uhr

Die Präsidentschaftswahl in Afghanistan ist nach langem politischem Gezerre zwischen den beiden Kontrahenten Abdullah und Ghani und verschiedenen weiteren Fraktionen zu einem Ende gekommen: Ashraf Ghani wurde neues Staatsoberhaupt Afghanistans und Abdullah Abdullah zum neuen Ministerpräsidenten des Landes ernannt. Kurz nach der Stichwahl war ich aus Kabul abgereist, die anschließenden politischen Ränkespiele zwischen den politischen Lagern der beiden Kontrahenten habe ich von Deutschland aus verfolgt.

Mittlerweile bin ich seit über einem Monat wieder in Afghanistan. Ich habe in den vergangenen Wochen versucht, ein Stimmungsbild und die Einstellung der Menschen zu dem Ausgang der Präsidentschaftswahl zu sammeln. Ich habe dazu mit so vielen Menschen wie möglich gesprochen, angefangen beim Kfz-Mechaniker über Obstverkäufer, Schüler und Studenten bis hin Parlamentsabgeordneten. Meistens habe ich bei Tee sowie einer Schüssel Rosinen und Mandeln, wie es der afghanischen Sitte und Gastfreundschaft entspricht, mit Gesprächspartnern zusammen gesessen, um möglichst viele Meinungen der Menschen über die aktuelle Lage und den Wahlausgang zu hören.

Die Meinung vieler Menschen über den Verlauf der Präsidentschaftswahl hat meiner Ansicht nach der Händler Noor Gul am besten erläutert. Ich habe ihn an seinem Verkaufsstand im alten Kabuler Stadtviertel „Shor Bazar“, was so viel heißt wie „Salziger Markt“, befragt. Nach ein paar Fragen hat er mich zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen.

Ich muss zugeben, dass es mir nicht leicht gefallen ist, die Einladung anzunehmen. Solche Einladungen bekomme ich zuhauf, wenn ich meiner journalistischen Tätigkeit hier nachgehe. Sie stellen für mich stets ein zweischneidiges Schwert dar. Auf der einen Seite weiß ich die unglaubliche Gastfreundschaft der Afghanen, für die sie weltweit bekannt sind, wirklich zu schätzen. Eine Einladung von einem Menschen, den man nicht kennt, kann in einem Land, in dem seit vielen Jahrzehnten Krieg herrscht, aber auch mit Gefahren verbunden sein.

Nach kurzem Abwägen habe ich mich aber dazu entschieden, die Einladung anzunehmen – und ich habe es nicht bereut. Zu später Stunde begab ich mich in das genauso wie „Shor Bazar“ sehr alte und historische Kabuler Stadtviertel „Murad Khani“,wo mich Noor Gul in einem einfachen Lehmhaus empfing. Überall im Haus waren alte Öllampen aufgestellt. Wie so häufig in Kabul war wieder stundenlang Strom ausgefallen. Ich setzte mich neben Noor Gul auf eine typisch afghanische Matte, die zumeist sehr gemütlich sind, und nach dem Austausch einiger Höflichkeiten, die in der afghanischen Gesellschaft dazugehören, begannen wir ein interessantes Gespräch.

Als ich Noor Gul an seinem Verkaufsstand traf, hatte ich das Gefühl, dass er gerne meine Fragen ausführlicher beantwortet hätte, aber aus irgendeinem Grund gehemmt war. Deshalb fragte ich ihn jetzt, weshalb er am Markt meine Fragen nicht ausführlicher beantwortet hat. Er nahm einen tiefen Schluck von seinem grünen, mit Kardamon angereicherten Tee, räusperte sich kurz und bat mich, kein Bild von ihm oder seiner Familie zu veröffentlichen. Ich stimmte zu und er begann mir seine Geschichte zu erzählen. Er schilderte mir, dass zwei seiner Söhne bei der afghanischen Nationalarmee (Ana) sind, die von der Nato ausgestattet und ausgebildet wurde. Ein größerer Teil seiner Familie sympathisiere aber mit den Taliban. Deshalb stecke er in einem Dilemma. Selbst innerhalb seiner Familie hätten sich Fronten gebildet. Das sei auch der Grund gewesen, weshalb er nicht so offen und ausführlich meine Fragen am Verkaufsstand habe beantworten wollen.

Es war ihm anscheinend nicht ganz wohl bei dem Gedanken, in der Öffentlichkeit und der Anwesenheit der anderen Verkäufer über die aktuelle Politik in Afghanistan zu sprechen. Er erzählte mir, dass die beiden Söhne, die Soldaten sind, von ihrem Gehalt kaum ihre Familien ernähren könnten. Während ich ihn verdutzt und überrascht anblickte, fragte er mich, ob die Soldaten in Deutschland von ihrem Gehalt leben könnten?

Ich fragte ihn, ob er wählen gegangen sei. Am Markt war er der Frage noch ausgewichen. Nun bejahte er mit sichtbarem Stolz in den Augen meine Frage, um mir jedoch anschließend zu schildern, wie enttäuscht er vom gesamten Ablauf der Wahl sei und wie sehr er sich betrogen fühle um seine Stimme. Er habe versucht, seinen Gang ins Wahllokal geheim zu halten und niemandem davon erzählt. Einigen seiner Verwandten in der Provinz Helmand seien sogar die Finger abgehackt worden von den Taliban, weil sie zur Wahl gegangen seien.

Dennoch habe er genauso wie seine Verwandten auch bei der zweiten Wahlrunde, der Stichwahl, seine Stimme abgegeben. Spätestens nachdem der US-Außenminister John Kerry eingeflogen sei und verkündet habe, dass alle Stimmen erneut ausgezählt werden müssten und dies einige Wochen in Anspruch nehmen werde, sei allen bewusst geworden,was für eine Farce diese Wahl darstellte, sagt Noor Gul.

Ich habe sehr lange über das Gespräch nachgedacht. Ich finde, dass die Geschichte von Noor Gul viel verrät über die aktuelle Situation in Afghanistan und auch die Zerrissenheit in vielen Familien.

Seit mehr als 13 Jahren sind ausländische Truppen hier, und nicht einmal in der Hauptstadt Kabul gibt es so etwas wie eine ausreichend funktionierende Infrastruktur und Sicherheit. Das liegt nicht daran, dass die Menschen hier keinen Aufbau und Frieden gewollt haben. Aber es gibt immer mehr Stimmen, die der Nato anlasten, dass sie vom ersten Tag an mit bekannten und berüchtigten Warlords wie beispielsweise Rashid Dostum zusammengearbeitet und damit Gewalt, Korruption und Kriminalität in jeder Form Tür und Tor geöffnet haben.

Hier geht es zu Khaled Waziris Blog aus Kabul.

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