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Ostholsteiner Anzeiger

22. November 2017 | 22:59 Uhr

„Keiner hat eine reine Identität“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der Balkan und die kaum nachvollziehbaren Konflikte: Ein lehrreicher wie unterhaltsamer Abend mit Miljenko Jergovic und Miroslav Nemec

von
erstellt am 17.Aug.2017 | 16:00 Uhr

Seine unverwechselbare vertraute Stimme machte den Einstieg leicht in die literarische Geschichtsschreibung. Der prominente Schauspieler und Autor Miroslav Nemec las Dienstagabend im ausverkauften Kino Binchen aus dem neuen Roman „Die unerhörte Geschichte meiner Familie“ von Miljenko Jergovic. Im Literatursommer war dies die dritte Station der befreundeten Multitalente im hohen Norden nach Auftritten in Lütjenburg und Kiel.

Der Literatursommer präsentiert dieses Jahr bedeutende Schriftsteller vom Balkan. Dr. Wolfgang Griep, Vorsitzender des Kulturbundes, moderierte das „gute Veranstaltungsstück mit zwei Hauptpersonen“ souverän und blieb im Zeitplan von eineinhalb Stunden. Die allerdings vergingen wie im Fluge. Nemec las verschiedene Abschnitte aus dem opulenten Roman, der Fakten und Fiktion vermischt, alles Wichtige der Weltgeschichte in familiärer Verstrickung findet und in der Jergovic das Trauma einer Einwandererfamilie auf dem Balkan schildert.

Es ist die Geschichte seiner Mutter, die sie ihm auf dem Sterbebett erzählt. Die Beziehung zur Mutter sei eine komplizierte gewesen. Dr. Griep fragte den Autor im Gespräch, ob das Schreiben ein Befreiungsschlag für ihn gewesen sei. Unterstützt wurde er dabei von Renata Steindorff, die auf charmante Weise Fragen und Antworten übersetzte.

Miljenko Jergovic erklärte: „Meine Mutter hatte das Bedürfnis, mir die Schuld zu geben an ihrer Krebserkrankung. Kinder haben aber keine Schuld am Melanom ihrer Eltern. Es war unerträglich für mich und ich begann, sie nach ihren Vorfahren auszufragen. So kamen wir uns zum ersten Mal näher. Etwas davon steckt in diesem Buch. Ich habe mich von nichts befreit, das gibt es nicht.“ Im Gegenteil, ein Autor wache stets eifersüchtig über seine Traumata und nutze sie: „Umso unglücklicher, umso besser.“

Jergovic ist 1966 in Sarajevo als bosnischer Kroate geboren, 1993 floh er aus seiner belagerten Heimatstadt und lebt seitdem in Zagreb. Er ist bekannt als Schriftsteller, Redakteur und Kolumnist und wird von Literaturkritikern hoch geschätzt. Auf mehr als 1000 Seiten folgt er dem Alltagsgeschehen auf den Spuren seiner aus unterschiedlichen Kulturen zusammengewürfelten Familie, entwirft ein Sittengemälde mit feinem Humor und Witz.

Da geht es um den Anstieg auf einer steilen Gasse, den Berg Sepetarevac empor, verbunden mit menschlichen Schicksalen, um Schlachttage auf dem Land oder den Beginn der Straßenbeleuchtung 1878 in Sarajevo. Er berichtet aber auch eindringlich von den Folgen, wenn Nationalismus in Fanatismus umschlägt. Sein Ziel sei es nicht gewesen, über Politik, sein Land und dessen Historie zu schreiben, aber bei einer Familiengeschichte sei nun mal alles mit drin.

Von Griep auf die geschichtliche Entwicklung bis zu den heutigen Separatstaaten auf dem Balkan angesprochen, erklärte der Autor nicht ganz ohne Ironie: „Seit 20 Jahren machen wir Europa wahnsinnig. Europa hat nicht die Zeit, sich die vielen Unterschiede zwischen uns zu merken. Nationalismus auf dem Balkan ist schwer zu verstehen und von großem Selbsthass begleitet. Keiner von uns hat eine reine Identität, jeder ist auch der Andere, und den hassen wir in uns. Aber mein Buch handelt nicht davon...“

Angesichts des Frauenüberschusses im Binchen blieb manchem die Frage, ob das Kino auch ausverkauft gewesen wäre ohne den aus der Krimireihe „Tatort“ bekannten Nemec auf der Bühne, der sich angenehm zurückhaltend auf seine Rolle als Vorleser reduzierte und nicht an den Gesprächen beteiligte. Müßig. Miljenko Jergovic und sein Buch hätten es auch allein geschafft. Einige letzte Exemplare, laut Dr. Griep sei es nahezu vergriffen, gab es zu erwerben, der Autor signierte.

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