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Ostholsteiner Anzeiger

23. September 2017 | 23:59 Uhr

Eutin : Keine Notfallbetreuung für Senioren

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Johanniter kündigen den Bewohnern der Seniorenresidenz Wilhelmshöhe aus Kostengründen den 24-Stunden-Dienst.

shz.de von
erstellt am 25.Aug.2017 | 04:00 Uhr

Nach dem Hin- und Her beim Eigentümerwechsel kommt auf die restlichen Bewohner der Seniorenresidenz Wilhelmshöhe die nächste schlechte Nachricht zu: Die Johanniter kündigen die bestehenden Betreuungsverträge „zur Sicherstellung ständiger Hilfsbereitschaft und Dauer-Altenpflege“ zum 31. Oktober. Der Grund: Seit Jahren ist die Rund-um-die-Uhr-Betreuung für die Johanniter ein Zuschussgeschäft, denn die Beiträge, die die nunmehr 40 Bewohner zahlen, stehen in keinem Verhältnis zu den Kosten, erklärt der zuständige Regionalvorstand der Johanniter, Kai Preuß, auf Nachfrage.

„Wir haben die Betreuungsverträge 1990 mit der Seniorenresidenz unter dem damaligen Eigentümer Ohlmann geschlossen und die Beiträge von rund 170 Euro waren mit 240 Bewohnern kalkuliert“, sagt Preuß. Doch seit Jahren sank die Zahl der Bewohner, auch mit den alten Eigentümern Ohlmann sei die Problematik besprochen worden. Derzeit lebt nur noch ein Bruchteil in der Anlage – Johanniter und Mieterfreunde sprechen von knapp 40 Bewohnern, die offizielle Auskunft der Residenzleiterin Katja Hüstreich lautete 50. Hinzu komme, dass auch Wohnungen der Anlage ohne Betreuungsverträge vermietet werden. „Jeden Monat schießen wir einen höheren vierstelligen Betrag zu, das ist auf Dauer nicht leistbar“, so Preuß. Die Johanniter haben lange gewartet, mit jedem Eigentümer Kontakt aufgenommen und sich vertrösten lassen. Doch vom neuen Geschäftsführer der RHG Wilhelmshöhe, Eduard Reidel, sei nie ein Signal ausgegangen, dass es sich für die Johanniter lohnen würde, zu bleiben. „Unsere Versuche, ihn telefonisch zu erreichen, scheiterten. Auf Briefe und E-Mails erhielten wir keine Antwort“, so Preuß. Einmal habe es Kontakt zwischen dem neuen Eigentümer und den Johannitern gegeben. „Da wurde uns erklärt, dass sie sich Angebote von anderen Anbietern einholen wollen und auch uns nach einem Angebot fragen werden“, sagte Preuß. Aber es sei nie zu einer Anfrage gekommen. Er bedauere die Entscheidung für die Bewohner. Einige, so Preuß, werden dann ohne den Bereitschaftsdienst in eine stationäre Einrichtung müssen, andere greifen das Angebot der Johanniter auf und nehmen künftig einen sogenannten Notrufknopf in Anspruch. „Aber der ist dann nur für echte Notfälle gedacht und nicht für die Serviceleistungen, die wir bisher machen, wie nachts auf die Toilette begleiten oder andere alltägliche Hilfestellungen“, sagt Preuß.

Eduard Reidel bedauert die Entscheidung der Johanniter, sagt aber: „Wir verdienen gerade alle kein Geld, sondern müssen investieren, weil es in den letzten Jahren so heruntergewirtschaftet wurde.“ Derzeit werden Wohnungen renoviert und saniert, so Reidel. „Wir wollen die Anlage wieder aufpeppen, aber das geht nicht von heute auf morgen.“ Reidel sei derzeit mit drei großen Anbietern, deren Namen er noch nicht nennen wolle, in Verhandlungen für eine Betreuungslösung ab Oktober. „Wir werden die Rund-um-die-Uhr-Betreuung für unsere Bewohner weiterhin haben“, sagt Reidel. Ob sie nahtlos klappt, ab Dezember oder noch später, blieb gestern mangels bisherigem Vertragsabschluss offen.

Anfragen von Interessenten seit dem Eigentümerwechsel gebe es genug, sagt Residenzleiterin Katja Hüstreich. „Wir haben im September zwölf neue Einzüge, seit der Schaltung der Werbung habe ich allein 80 Besichtigungen gehabt. Es geht wieder aufwärts“, sagt Hüstreich.

Preuß jedoch bleibt skeptisch: „Die Notrufanlage der Seniorenresidenz weist ständig Störungen auf. Wir haben mehrfach darauf hingewiesen, sogar selbst Kontakt mit einer Firma gehabt, die das mal eingebaut hat. Doch die kommt wegen ausstehender Zahlungen noch aus Ohlmanns Zeiten nicht.“ Die Johanniter bleiben den Bewohnern in der ambulanten Pflege erhalten, die Dauerbesetzung vor Ort sei nicht mehr zu leisten.

Für einige Angehörige ist die Kündigung der Johanniter das Tüpfelchen auf dem i. „Die Kinder holen die Eltern jetzt in ihre Nähe. Es gab und gibt einige Auszüge“, berichtet Ingrid Bock. Sie war einst Mietervertreterin, ist jetzt noch mit betagten Bewohnern verbunden und kümmert sich um kleinere Angelegenheiten. „Das Konzept gefiel mir damals unter Ohlmann gut. Betreutes Wohnen im Alter auf einer schönen Anlage mit Kultur und Service als Rund-um-Sorglos-Paket. Aber das ist es leider nicht mehr“, sagt Bock. Die Kultur-Angebote fanden zwischenzeitlich nicht statt, kommen jetzt hin und wieder, und auch die Serviceverträge seien immer teurer für immer weniger Service geworden. „Wer hätte gedacht, dass ich mit 77 aus einer Anlage in eine Mietwohnung ziehe?“, sagt sie. Sie habe Glück, dass es ihr so gut gehe. Die meisten der rund 40 Bewohner seien aber zwischen 85 und 103 Jahre alt. Nur eine Handvoll kann die wieder eröffnete Schwimmhalle überhaupt noch nutzen. Dass saniert werde, sei gut, immerhin habe es noch Sitzbadewannen gegeben. Betroffene Bewohner klagen jedoch über den Lärm. Kopfschütteln muss sie allerdings, als sie den neuen Werbeflyer sieht, der jetzt die Interessenten anlocken soll: „Die Bilder vom Schwimmbad und Inneneinrichtung entsprechen gar nicht der Realität, die sind nicht von dort. Aber so macht man das wohl heute“, sagt sie und legt den Flyer beiseite.

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