Keine Chance mehr für Oldenburg

Ministerin Kristin Alheit: „Die 30-Minuten-Frist ist nicht bindend.“
Ministerin Kristin Alheit: „Die 30-Minuten-Frist ist nicht bindend.“

OHA-Interview mit Gesundheitsministerin Kristin Alheit zum Streit um das Aus für die Geburtshilfe an der Sana-Klinik in Oldenburg

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11. Juli 2014, 10:54 Uhr

Die zum 1. August geplante Schließung der Geburtshilfe an der Sana-Klinik in Oldenburg sorgt seit Monaten für politische Aufregung über Ostholstein hinaus. Zu dem Thema nahm gestern Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) im Interview mit OHA-Redakteur Hartmut Buhmann Stellung.


Frau Alheit, besteht noch eine Chance, die Schließung der Geburtshilfe Oldenburg zu verhindern?
Nein, leider nicht. Die Klinik hat frühzeitig mitgeteilt, die erforderlichen medizinischen Standards nicht aufrecht halten zu können. Sie sind der Maßstab für eine sichere Geburt. Zu den Gründen zählt in erster Linie der Geburten-Rückgang. Es gibt abgesehen davon auch keine rechtliche Handhabe, einen Weiterbetrieb zu erzwingen.

Welche Rolle spielt die 30-Minuten-Frist, die seit kurzem in den Diskussionen auftaucht? Gibt es einen Anspruch, eine Geburtsklinik in dieser Frist zu erreichen?
Es gibt es keine verbindliche zeitliche Vorgabe. Die von manchen zitierte angebliche 30-Minuten-Frist entstammt einer wissenschaftlichen Veröffentlichung, die sich mit der Wirtschaftlichkeit von geburtshilflichen Abteilungen befasst, sie ist in keiner Weise bindend.

Hat das Ministerium die Möglichkeit, einen Sicherstellungszuschlag anzuordnen, um die Geburtsstation in Oldenburg aufrecht zu erhalten?
Unabhängig davon, dass mehr Geld auch nicht mehr Geburten schafft: Dies geht nicht, da die rechtlichen Voraussetzungen nicht vorliegen.
Welche sind denn das?
Neben eher formellen Hürden – es liegt kein Antrag vor und die Klinik kann auch kei-nen stellen, da deren Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen bereits abge-schlossen sind – ist eine gesetzliche Voraussetzung, dass kein anderes geeignetes Krankenhaus die notwendigen Leistungen erbringen kann. Die Klinik Eutin erbringt die Leistung der Geburtshilfe aber bereits heute für viele, die eigentlich in Oldenburg entbinden könnten.
Das würde ich gerne einmal in Zahlen hören. Gibt es dazu eine Statistik?
Im Einzugsgebiet von Oldenburg gibt es rund 540 Geburten, tatsächlich nutzen aber nur 180 werdende Eltern die Klinik Oldenburg pro Jahr. Ein Grund ist sicher der hö-here medizinische Standard mit angeschlossener Kinderklinik in anderen Kliniken wie in Eutin oder in Lübeck.


Zum Notfallkonzept: Eine Zusatzfortbildung für Notfallsanitäter kann kaum eine Geburtsklinik ersetzen - ist das Konzept aus Ihrer Sicht ausreichend?
Wir dürfen nicht vergessen, dass eine Geburt im Normalfall kein Notfall ist, sondern sich rechtzeitig ankündigt. Unabhängig davon: Der für den Rettungsdienst verant-wortliche Kreis hat wiederholt bestätigt, dass der Rettungsdienst bereits heute in der Lage ist, die zukünftige Aufgabe zu übernehmen und dass die Fortbildungen zusätzlich erfolgten. Wir brauchen die Situation aber nicht schön reden: Natürlich kann eine halbe Stunde längere Fahrt unangenehm werden. Es wird daher noch wichtiger, dass sich Frauen eng mit ihrer Hebammen oder Ärztinnen und Ärzten abstimmen und im Zweifel lieber einmal früher losfahren oder das Boarding-Angebot nutzen. Der Kreis hatte den Runden Tisch initiiert, um mögliche offene Fragen zum Rettungskonzept zu klären.
Wie oft kam es bisher im Land vor, dass Frauen im Rettungswagen gebären?
Es kommt immer wieder – selbst in großen Städten – einmal vor, dass Kinder auf dem Weg in die Klinik zur Welt kommen, aber eine Statistik dazu ist uns nicht be-kannt.
Welche Geburtshilfe schließt als nächste im Land?
Zurzeit liegen uns keine Anzeigen von den verantwortlichen Krankenhausbetreibern zu weiteren Schließungen vor. Wir müssen aber akzeptieren, dass die demografische Entwicklung, verbunden mit einem – berechtigterweise – hohen medizinischen Anspruch werdender Eltern, Folgen wie auf Sylt oder in Oldenburg haben. Mein Ziel ist es, diesen Prozess so gut wie möglich für die Betroffenen zu gestalten: Daher wollen wir dazu beitragen, Netzwerkstrukturen weiter auszubauen, in denen Hebammen und niedergelassene Ärztinnen und Ärzte mit Anbindung an ein regionales oder überregionales geburtshilfliches Zentrum zusammenarbeiten.


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