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Ostholsteiner Anzeiger

21. Oktober 2017 | 12:34 Uhr

Keine Angst vor Begegnungen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Veranstaltung „Gemeinsam in Eutin zu Hause“ zeigte Engagement und Hürden von Flüchtlingshelfern / Wohnraum dringend gesucht

shz.de von
erstellt am 25.Okt.2015 | 10:48 Uhr

Bunte Menschen sitzen um duftenden Kuchen und Kaffee im Gemeindehaus zusammen. „Gemeinsam in Eutin zu Hause. Gespräche über Kommen, Gehen und Bleiben“– zu dieser Veranstaltung hatte der Friedenskreis und der Arbeitskreis 27. Januar am Freitagnachmittag geladen. Es sollte 70 Jahre nach der Gründung der Vereinten Nationen um die Bedeutung der Menschenrechte gehen – in Zeiten von Fragen, wie viele Flüchtlinge ein Land verkraftet. Doch die Planung der Veranstaltung wurde von der Realität überholt und so standen Menschen im Mittelpunkt, die sich aktiv um Flüchtlinge in Eutin kümmern und teils selbst einen Migrationshintergrund haben.

Yasmin Mokhtari beispielsweise ist Zahnärztin in Eutin und über ihre Praxis zur Flüchtlingshilfe gekommen. Vor etwa einem Jahr saßen Haia Alsalakh und ihr Mann Alaa Abooun auf ihrem Behandlungsstuhl. „Sie sagte, dass ihre Familie bald kommen würde und sie noch keine Wohnung für sie hat“, erinnert sich Mokhtari, die als Tochter einer Perserin und eines Deutschen in beiden Kulturkreisen sozialisiert wurde. „Ich fühle mich dem Orient nah und es war für mich klar, dass ich jeden freien Wohnraum, den ich hatte, den Syrern zur Verfügung stellen würde.“ Mittlerweile sucht sie für die achtköpfige Familie eine Wohnung, um ihre einer neuen Familie anbieten zu können. „Sie sind wirklich gut integriert, es ist ein sehr freundschaftliches Verhältnis entstanden. Sie haben sich gut eingelebt und ein Netzwerk aufgebaut“, sagt Mokhtari. Doch die Hürden, geeigneten Wohnraum zu finden, seien enorm. Ruft der Familienvater selbst auf Anzeigen hin an, werde meistens gleich aufgelegt, kümmert sich Mokhtari darum, werden Dinge wie die Schufa-Auskunft vor der Vertragsunterzeichnung verlangt. „Die gibt es aber gar nicht für diese Menschen.“

Selten habe eine Familie so viel Glück wie die 21-jährige Haia Alsalakh, die mit ihrem Mann und ihrem Sohn in einer eigenen Wohnung lebt und vor etwa zwei Jahren in Eutin ankam. Beide lernen Deutsch, er arbeitet nebenbei noch bei einem Party-Service. Ihr Traum: „Wir sind beide sehr gute Köche und wollen uns gern selbstständig machen.“ Ihr Sohn Dani geht in die Kita. Seine Mutter ist stolz auf ihn: „Wenn ich ihn etwas frage, antwortet er mir auf Deutsch. Unter den zehn Worten, die er spricht, sind acht deutsche.“ Sie fühle sich wohl in Eutin: „Ich habe eine kleine Wohnung und hoffentlich bald Arbeit und alles, was ich für meine Familie brauche.“ Sie verstehe die Unsicherheiten der Menschen, appelliert aber auch, den direkten Kontakt zu suchen, um Vorurteile auszuräumen und die Flucht nach Deutschland zu verstehen : „Wir sind normale Menschen, die auch nur ein normales Leben in Frieden führen wollen. Man darf nicht immer nur die Unterschiede sehen wollen.“

Wie individuell die Arbeit mit Flüchtlingen ist, betont auch Heide Stock, Helferin der ersten Stunde. Sie unterrichte derzeit Frauen privat und erlebe, dass es nicht bei der Sprache bleibt, „man stolpert in Einzelschicksale und versucht zu helfen, wo man kann“. Ein Problem, an dem derzeit aber nahezu alle scheitern, ist die Hilfe für Traumatisierte. „Da müssen Experten ran, doch die sind schwer zu kriegen“, lautete der Tenor im Gemeindesaal.

„Was hättest du für einen Wunsch, wenn du einen frei hättest“, wollte Klaus Wächtler vom Arbeitskreis von Heide Stock abschließend wissen. „Ich wünsche mir, dass mehr ehemalige Lehrer den Schritt wagen und sich zum Deutsch-Unterricht bereit erklären. Vielleicht haben manche Angst vor der Begegnung, doch das brauchen sie nicht. Man muss nur etwas offen sein“, sagte Stock.

Gülcin Holtzermann bestätigte den Spaß bei ihrer Arbeit mit Flüchtlingen. Die gebürtige Türkin ist Teil der Willkommensgruppe, die die Neuankömmlinge am Eutiner Bahnhof empfängt und bei den ersten Behördengängen hilft. Klaus Wächtler lobte den großen Kreis derer, die sich ehrenamtlich engagieren und mahnte mit Blick auf die Vergangenheit: „Das darf trotz Krisen nicht abebben, es steht eine Menge auf dem Spiel.“

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