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25 Jahre Mauerfall : Kaufrausch im Zonenrandgebiet

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

OHA-Redakteur Harald Klipp hat die Grenzöffnung 1989 im Kreis Herzogtum Lauenburg als rasender Reporter erlebt.

shz.de von
erstellt am 01.Nov.2014 | 13:12 Uhr

Hupe und Lichthupe sind im Dauerbetrieb. Auf der B 207, der alten Salzstraße, die von Lüneburg nach Lübeck führt, herrscht im November 1989 der Ausnahmezustand. Trabis, Wartburgs und Dacias mischen sich unter die Masse der VW, Daimler Benz, Fiat, Renault und Opel, die Fahrer winken sich hüben wie drüben freudig zu. Der Kreis Herzogtum Lauenburg erlebt die Grenzöffnung – und ich bin als rasender Reporter mittendrin.

Im Möllner Stadthaus schwirren bis dahin unbekannte Ortsnamen durch meinen Kopf: Lübtheen, Roggendorf, Schlagsdorf, Utecht… Orte, die ganz nah waren und doch 40 Jahre ganz weit weg. „Wir kommen aus Lübtheen, direkt von der Nachtschicht“, sagt Frank Krauskopf, der erste DDR-Bürger, der mir am 10. November begegnet. Er ist mit zwei Arbeitskollegen aus einem Fahrzeugwerk sofort nach Feierabend gen Westen aufgebrochen: „Wir konnten nicht glauben, dass die Grenze wirklich offen ist. Heute Abend geht es wieder nach Hause und am Montag natürlich wieder zur Schicht.“

Voraussetzung für die 100 D-Mark Begrüßungsgeld im Westen sei ein Registrierschein und der Reisepass, so lautet die erste Auskunft im Stadthaus. Also: Kein Geld? Kurz vor 12 Uhr die Änderung, die Kreisverwaltung in Ratzeburg gibt grünes Licht. Begrüßungsgeld gibt es gegen Vorlage des Personalausweises, in den ein Stempel hineinkommt. Ein Familienvater sagt: „Ich habe gerade ein Haus gebaut. Meine junge Familie ist noch in Schwerin. Einmal gucken wollte ich schon, doch hierbleiben werde ich nicht.“

Mit der Öffnung der Grenze wird im Herzogtum Lauenburg alles anders: Schon am 12. November wird die Straßenverbindung zwischen Ratzeburg und Roggendorf wieder hergestellt, ein Übergang eingerichtet.

Die Grenzkontrolle findet an einem Tisch unter freiem Himmel statt, an dem ein missmutiger Grenzsoldat der DDR-Grenztruppen Ausweise kontrolliert und stempelt. In Ratzeburg wird die Auszahlung des Begrüßungsgeldes den Sparkassen und Banken übertragen, die auch am Sonntag öffnen. Die Supermärkte haben Hochkonjunktur. In Mölln muss der Aldi zeitweise schließen, damit die Regale wieder aufgefüllt werden können. Auf dem Parkplatz stehen schon morgens um 6 Uhr Trabis und Wartburgs mit beschlagenen Scheiben. Die Menschen haben offensichtlich im Auto übernachtet, um die Ersten zu sein, wenn die Eingangstür aufgeht. Sie wollen nicht wahrhaben, dass die Waren nie ausgehen. Der Winterschlussverkauf im Januar 1990 bei Karstadt in Mölln erlebte einen wahren Ansturm von Käufern.

In Mustin war die Bundesrepublik damals für mich zu Ende. Ich hatte mir dort beim Citroën-Händler einen 2 CV, eine Ente, zugelegt. Als ich am Dienstag, dem 21. November, am Nachmittag in Ratzeburg von der Seedorfer in die Schweriner Straße einbiege, erlebe ich mein blaues Wunder. Eine Endlosschlange von Trabis bläst eine gigantische Abgaswolke in die Luft. Noch sieben Kilometer bis Mustin, nur zwei Stunden bis zum Anpfiff des historischen Handballspiels Lauenburger SV gegen den VEB Motor Boizenburg. Ungewöhnliche Umstände erfordern unkonventionelle Handlungen: Ich steuere den Wagen kurz entschlossen auf den Radweg und brettere zur Werkstatt, um das Leihauto gegen meinen 2 CV zu tauschen, der zur Inspektion war.

Nach dem Tausch kurve ich auf der Landstraße entlang der DDR-Grenze nach Lauenburg. Mit Mühe und Not finde ich einen Parkplatz, hetze mit fliegender Fototasche in die Hasenberghalle. Dort drängen sich 1000 Leute, eigentlich haben nur knapp 300 Menschen Platz. Das Wort vom „historischen Handballspiel“ macht die Runde, ein Pokal soll an den Tag erinnern. 25 Jahre später ein Anruf bei Markus Reich, dem Vorsitzenden der Lauenburger Handballabteilung. Handballspiele zwischen Lauenburg und Boizenburg gebe es oft, Lauenburger und Boizenburger begegnen sich zu Hauf in Punktspielen. Ein Spiel als Erinnerung an den 21. November 1989 – ist kein Thema.

Seit 22 Jahren bin ich beim Ostholsteiner Anzeiger als Redakteur für den Lokalsport zuständig. 1992 habe ich mich gewundert, wie wenig Zwei-Takter-Geruch in Malente und Eutin in der Luft schwebt, wie wenig meine Kollegen mit der Euphorie anfangen konnten, die mich damals bewegt hat. Heute weiß ich, dass in Eutin und Mölln, Malente und Ratzeburg seit zwei Jahrzehnten unaufhaltsam zusammenwächst, was zusammen gehört – und das ist gut so.

 

 

 

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