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Ostholsteiner Anzeiger

23. November 2017 | 08:45 Uhr

Kapstadt – Die Stadt der Kontraste

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Johanna Gehrmann, Schülerin aus Lütjenburg, ist seit September 2016 in Südafrika und schildert ihre Eindrücke vom Leben vor Ort

von
erstellt am 08.Mai.2017 | 12:50 Uhr

Kapstadt ist wie zwei Städte. Die wunderschönste Stadt Südafrikas, die ich in meinem Leben je gesehen habe. Hierher kommen jährlich Millionen Touristen aus aller Welt, um sich wunderschöne Strände und das „Kap der guten Hoffnung“ anzusehen, den „Tafelberg“, eines der sieben neuen Weltwunder, zu besteigen und um zu essen in feinen Restaurants zu angenehmen Preisen.

Die andere Seite ist, dass Kapstadt eine der gefährlichsten Städte der Welt ist, wo die Polizei kugelsichere Westen trägt und manchmal die Armee als weitere Sicherheit benötigt. In der Nacht beherrschen meist junge Männer die Stadt mit Pistolen und verteilen Heroin, Kokain, Crystal Meth und Angst.

Diesen Kontrast erlebe ich seit mehr als sieben Monaten tagtäglich, da ich mich im September 2016 dafür entschieden habe, als Freiwillige in einem Township in Kapstadt in einer Tagesstätte für beeinträchtigte Kinder und Jugendliche zu arbeiten. Ich versuche am Vormittag während der Arbeit zu akzeptieren, dass die Welt so unglaublich ungerecht ist und ich in diesem Kontrast leben lernen muss.

Es ist nicht immer einfach und am Anfang hat es seine Zeit gedauert, bis man sich in dieser unfassbaren Stadt zurechtfindet und sicher fortbewegen kann, aber inzwischen bin ich in meinem neuen Zuhause angekommen und genieße jede Sekunde, egal ob auf der Arbeit oder in meiner Freizeit. Besonders mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung zur Erzieherin, war es am Anfang schwer für mich, die Unterschiede in Sachen Erziehung, Kultur und Schulbildung zu akzeptieren.

Wenn ich nach sieben Monaten die Arbeitstür zur Tagesstätte öffne, dann erwarten mich lachende Kinder, die mir in die Arme laufen und meinen Namen rufen. Die Tagesstätte besuchen etwa 65 Kinder täglich im Alter von 4 bis 17 Jahren. Ich versuche den Kindern täglich lebenspraktische Fähigkeiten beizubringen wie die eigene Essenszubereitung und Körperhygiene. Ich habe jedes einzelne Kind lieben gelernt und diese Entscheidung, für ein Jahr in einer Tagesstätte in Südafrika zu arbeiten nicht bereut.

Wenn ich in der Tagesstätte bin, versuche ich in der Zeit, wo ich mit den Kindern arbeite, ihnen möglichst viel Liebe, Anerkennung und Aufmerksamkeit zu schenken. Ich würde mich selber betrügen, wenn ich nur daran denken würde, dass ich mit einem Freiwilligendienst die Welt verbessern könnte. Man lernt hier vor allen jeden einzelnen Moment zu schätzen. Nirgendwo auf der Welt habe ich den Kontrast zwischen Arm und Reich so stark wahrgenommen wie in Kapstadt. Es leben etwa 4 Millionen Menschen in Kapstadt, davon zwischen 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen in den Townships. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 25 Prozent und die Lebenserwartung gerade mal bei etwa 44 Jahren.

Es scheint mir so, als würde eine Mittelschicht kaum existieren oder nur sehr wenige Menschen gehören dieser an. Entweder fährst du mit deinem eigenen Auto an wunderschöne Strände, hast ein tolles Haus mit Meerblick, gehst jeden Tag im Supermarkt einkaufen und trinkst den tollen Wein aus der Region.

Oder du machst dir Sorgen, dass du dir nicht einmal die öffentlichen Verkehrsmittel, die etwa umgerechnet einen Euro kosten, leisten kannst, du dir Sorgen machst, wie du die Schulbildung für dein Kind bezahlen kannst, das Einkaufen in dem Shop fast neben deiner Haustür manchmal lebensgefährlich ist, weil die Gangs wieder einmal schießen und du deshalb Angst um dein eigenes Leben hast. Irgendwo dazwischen habe ich gelernt mich zurechtzufinden.

Ich lebe in einem kunterbunten Stadtteil mit dem Namen „Observatory“, in Kapstadt. Hier leben Schwarz und Weiß friedlich zusammen, und ich mag es wirklich sehr gern hier. Hier hört man viel Reggae-Musik, trinkt den süßen Cider und die Tanzabende kannst du mit afrikanischen Beats erleben.

Meine Freizeitgestaltung ist in dieser Stadt sehr vielfältig. Ich gehe viel surfen, wandern oder versuche immer wieder neue Plätze in Kapstadt und Umgebung zu erkunden. Der endlose Sommer gefällt mir richtig gut und am liebsten würde ich ihn sorgenfrei genießen, wenn es nicht das Problem mit der Wasserknappheit geben würde. Fährt man auf der Autobahn entlang, sieht man überall blinkende Warnschilder, in fremden Cafés oder Restaurants warnen einen die nicht zu übersehenden Schriftzüge davor, jeden einzelnen Tropfen Wasser zu sparen. Also putze ich mir unter der Dusche die Zähne und der Waschgang dauert höchstens drei Minuten.
All’ das ist das Resümee
einer Dürre, die Kapstadt in diesem Jahr heimgesucht hat.

Das alles ist hier trotzdem super nach meinem Geschmack. Pünktlichkeit wird nicht unbedingt groß geschrieben, woran ich mich schnell und ganz leicht gewöhnen konnte. Und trotzdem funktioniert alles irgendwie auf eine eigene Art und Weise. Es dauert nur eben seine paar Wochen länger.

Fortbewegen tue ich mich oft mit den sogenannten Mini-Bus, in dem eigentlich nur für etwa zwölf Menschen Platz vorgesehen ist, aber meistens teilt man sich eine Rückbank mit sieben anderen Menschen, afrikanischer Musik und ganz viel Berührungen mit dem Nebenmann aufgrund des fehlenden Platzes. Die Alternative wäre mit einem VW-Chico ohne Servolenkung, Klimaanlage und ratterndem Motor durch Kapstadt zu düsen. Ich mag’s richtig gern hier!

Trotzdem ist nicht alles Gold was glänzt und so musst du dir die ganze Zeit darüber bewusst sein, wenn du dein Handy, Portemonnaie oder Kamera dabei hast, einen besonders wachsamen Blick auf dein Hab und Gut zu haben. An jeder Ecke wirst du gewarnt, in der Dämmerung oder manchmal auch am Tag, nicht alleine durch die Straßen zu laufen. Wenn dich der Taxifahrer nach Hause bringt wartet er, bis du alle Gittertüren verriegelt hast. Auch der Rassismus ist nach dem Ende der Apartheid nicht wegzudenken, sodass ich täglich die Aufteilung nach Hautfarben miterlebe.

Ich bin sehr froh und dankbar darüber, dass ich in diesem Jahr die Erfahrung machen durfte, fast das komplette südliche Afrika auf eigene Faust bereist zu haben. Egal, ob Mozambique, Botswana, Swasiland, Südafrika oder Namibia – Afrika ist so unglaublich vielseitig und wenn man einmal Luft geschnuppert hat, dann ist man plötzlich süchtig nach diesem Kontinent.

Ich habe mich dazu entschieden, ein Jahr meine Heimatstadt, Freunde und Familie hinter mich zu lassen und etwas Neues kennen zu lernen, Perspektiven zu erweitern – das Leben in einer anderen Kultur. Man lernt mit Einschränkungen und Veränderungen umzugehen und hinterfragt sich selber. Ich habe gelernt, dass Heimat nicht nur ein Ort sein muss und dass ich mich bereits jetzt entschieden habe, nach meinem Studium wieder zurückzukehren – nach Kapstadt! Für wie lange? Ich weiß es noch nicht.
Blog: jojoskapdergutenhoff nung.wordpress.com

 

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