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Ostholsteiner Anzeiger

17. Oktober 2017 | 08:44 Uhr

„Kann die Polizei eigentlich alles?“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Heiko Hüttmann hat seinen Ruhestand verschoben: Der Leitende Polizeidirektor ließ sich die Chance auf eine historische Herausforderung nicht entgehen

von
erstellt am 08.Mär.2016 | 18:32 Uhr

Eigentlich wollte Heiko Hüttmann Ende März in den Ruhestand gehen. Doch die dramatisch wachsenden Zahlen an Flüchtlingen seit Sommer vergangenen Jahres veränderten die Lebensplanung des langjährigen Chefs der Polizeidirektion Lübeck. Der Leitende Polizeidirektor folgte im Oktober der Bitte von Landespolizeidirektor Ralf Höhs aus dem Kieler Landespolizeiamt, zusammen mit dem Stellvertretenden Leiter des Landespolizeiamtes, Joachim Gutt, und dem Leitenden Polizeidirektor Thomas Schettler die „Besondere Aufbauorganisation Flüchtlinge“ (BAO) zu lenken.

Die war im August im Landespolizeiamt eingerichtet worden. Sie sollte Aufnahme, Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge organisieren. Rund 160 Mitarbeiter, vorwiegend Polizisten, aber auch Verwaltungsbeamte und Tarifbeschäftigte aus dem gesamten Bereich der Landespolizei, gehörten zur BAO.

Die Einsatzlage um das G-7-Treffen in Lübeck sollte eigentlich der „Schlusspunkt“ in der Karriere von Heiko Hüttmann sein. Als er aber vom Landespolizeidirektor gefragt wurde, ob er die BAO leiten wolle, habe er nicht lange überlegen müssen und sofort zugesagt, sagt Hüttmann. „Diese Chance, nach der Grenzöffnung vor gut 25 Jahren nun zum zweiten Mal als Polizist anlässlich einer historischen Begebenheit an zentraler Stelle und so richtig mittendrin bei der Lösung von Aufgaben mitzuwirken, habe ich mir nicht entgehen lassen wollen“, sagt der 60-Jährige.

Nach 16 Jahren als Behördenleiter und Chef der Polizei in Lübeck und Ostholstein sei der Reiz, sich dieser Herausforderung zu stellen, zu groß gewesen. Und da er in Lübeck mit Ulf Witt einen erfahrenen Vertreter habe, sei ihm der Wechsel nach Kiel leicht gefallen. In der Folge sei dann auch seine Pensionierung um ein halbes Jahr bis zum September aufgeschoben worden.

Und in Kiel habe eine spannende Aufgabe auf ihn gewartet. „Ich bin in einen Apparat gelangt, der schon voll am Laufen war“. Schnell habe sich eine anfängliche Unsicherheit in Begeisterung verwandelt. Er habe in seinen 40 Dienstjahren schon einiges erlebt, aber wie die Polizei sich auch dieser Herausforderung gestellt und sie letztlich gemeistert habe, sei für ihn erneut verblüffend gewesen, so Hüttmann. „Schließlich hatte sich ein bunt zusammengewürfeltes Team mit Mitarbeitern aus allen Teilen des Landes, die vorher noch nicht zusammengearbeitet hatten und sich zumeist noch nicht einmal kannten, schnell zueinander gefunden.“

Um das Ziel zu erreichen, habe sich zügig eine Gemeinsamkeit und ein Plan zur Bewältigung dieser Mammutaufgabe entwickelt. Schließlich sei es Aufgabe der BAO und damit der Landespolizei gewesen, in der Hochphase täglich 500 Flüchtlinge und mehr zu transportieren sowie Unterkunft und Verpflegung sicherzustellen.

Dafür mussten Liegenschaften gefunden und Unterkünfte errichtet werden. „Und das sind eigentlich Aufgabenfelder, die polizeifremd sind“, unterstreicht der 60-Jährige. Die Dimension dieser Aufgabe bei der Flüchtlingsversorgung habe sogar den Lübecker Einsatz beim G-7-Außenministertreffen bei weitem übertroffen. So sei vor allem eine intensive Zusammenarbeit mit anderen Institutionen wie dem Landesamt für Ausländerangelegenheiten, dem Gebäudemanagemant (GMSH), dem Innen- und Finanzministerium, den Bürgermeistern vor Ort, aber auch mit verschiedenen Hilfsorganisationen, Catering-Firmen, der Bundeswehr und dem Technischen Hilfswerk notwendig gewesen.

„Aus dieser vielfältigen Mischung eine Einheit zu formen, das war hochspannend“, bekennt Heiko Hüttmann. Es habe ihn jedoch positiv überrascht, dass es trotz dieser Konstellation gelungen sei, „von jetzt auf gleich“ etwas auf die Beine zu stellen. So sei es in Einzelfällen gelungen, in nur zwei Wochen freie Grundstücke mit einzugsbereiten Unterkünften für Hunderte Flüchtlinge fertigzustellen. Ziel der BAO und allen dabei einbezogenen Kräften sei es gewesen, den Flüchtlingen den größtmöglichen Schutz vor Kälte zu bieten, aber gleichzeitig die Unterbringung in Zelten und Großunterkünften zu ersparen. „Dieses Ziel ist erreicht worden“, zeigt sich Hüttmann zufrieden. In den heute landesweit 14 Liegenschaften gebe es Unterkünfte in Gebäuden und Containern für 12  800 Menschen und sogar noch Reserve für über 20  000 Flüchtlinge.

In den Kernmonaten des Flüchtlingszuganges habe es gegolten, in der BAO die Dichte an Informationen und Tätigkeiten, den Zeitaufwand sowie den täglichen Entscheidungsbedarf mit Abstimmungen in unterschiedlichste Richtungen zu bewerkstelligen. Hinzu sei enormes mediales Interesse gekommen. Aber besonders herausfordernd habe er es empfunden, bei der Suche nach Liegenschaften die Kommunalverantwortlichen vor Ort für die jeweiligen Pläne zu gewinnen. „Das war nicht immer einfach und oft sehr emotional“, erklärt Heiko Hüttmann.

Die Entscheidung, die Landespolizei mit der Leitung der BAO zu beauftragen, sei aber nachvollziehbar gewesen. „Schließlich ist es die Polizei gewohnt, aus dem Stand heraus zu improvisieren, eine Rahmenorganisation aufzubauen und in der Lage schnell mit Verantwortung umzugehen“, erklärt der langjährige Lübecker Polizeichef.

Beeindruckend sei auch die vorbehaltlose Bereitschaft aller Beteiligten gewesen, einfach mit anzupacken, ohne nach Zuständigkeiten oder Arbeitszeiten zu fragen, oft seien die Grenzen der Belastbarkeit erreicht worden. „Aber letztlich war es für alle befriedigend, zur Lösung von Problemen beitragen zu können und bei den Flüchtlingen in dankbare glückliche Gesichter zu sehen“.

Hüttmann weiter: „Auch die Entscheidung, an 13 großen Flüchtlingsunterkünften Polizeistationen einzurichten, war goldrichtig“. Es sei wichtig gewesen, den in den Unterkünften ansässigen Menschen nach ihrer langen und entbehrungsreichen Flucht Orientierungs- und Haltepunkte zu geben. Die Flüchtlinge hätten es dankbar angenommen, dass sich ihnen jemand friedlich zuwende und ihnen das Gefühl von Sicherheit und Ordnung gebe, weiß Heiko Hüttmann. Dabei seien von der Uniform spürbar positive Signale ausgegangen.

Vor allem aber vom Auftreten der Polizeikräfte in den Unterkünften zeigt sich Hüttmann angetan. „Die Kolleginnen und Kollegen fühlten sich von Beginn an der Aufgabe verpflichtet und haben eine unglaubliche Bereitschaft an den Tag gelegt, anzupacken und die Aufgabe mit großer Fürsorge angenommen und sind den Flüchtlingen mit großem Einfühlungsvermögen begegnet“, lobt er. Sie hätten sich als „Freund und Helfer“ im besten Sinne präsentieren können.

Vor allem das Schicksal der vielen Flüchtlingskinder sei den Helfern sehr nahe gegangen. Bemerkenswert sei ebenso, wie die Mitarbeiter auf den „normalen Dienststellen“ die Situation bewerkstelligt hätten. „Schließlich mussten und müssen sie das Fehlen ihrer Kolleginnen und Kollegen im polizeilichen Alltagsbetrieb durch erhebliche Mehrbelastung schultern. Aber auch sie fühlten sich erkennbar der gemeinschaftlichen Sache verpflichtet“, sagt Hüttmann anerkennend. Ministerpräsident Torsten Albig habe sich auch beeindruckt von der Rolle der Landespolizei und der BAO gezeigt. „Kann die Polizei eigentlich alles?“ habe Albig bei einem Informationsbesuch vielsagend gefragt.

Angesichts aktuell sinkender Zahlen von ankommenden Flüchtlingen blickt Hüttmann nach vorn: In absehbarer Zeit werde die Aufgabe der BAO dort angesiedelt werden müssen, wo sie hingehöre, nämlich im eigentlich zuständigen Landesamt für Ausländerangelegenheiten. „Es wird Zeit, dass sich die Landespolizei schon bald von ihren logistischen Aufgaben, dem Transport und der Unterbringung von Flüchtlingen, wieder lösen kann, um sich ihren Kernaufgaben zuzuwenden.“ Eine Auflösung der BAO in der bisherigen Form stehe in Kürze bevor.

Und wie geht es mit Hüttmann weiter? Am 11. April wird er offiziell als Leiter der Polizeidirektion Lübeck verabschiedet und die Verantwortung an Norbert Trabs übertragen. Vor seinem Wechsel in den Ruhestand im September wird Hüttmann noch Restaufgaben aus der BAO wahrnehmen, Urlaubstage nehmen und Überstunden abbauen.

„Ich bin zur Polizei gegangen, weil ich einerseits etwas erleben wollte und andererseits auch etwas über Menschen in außergewöhnlichen Situationen erfahren wollte. In beider Hinsicht wurde mir in den vergangenen 40 Jahren und nicht zuletzt in der Tätigkeit in der BAO jede Menge geboten. Ich würde mich jederzeit wieder für diesen Beruf entscheiden“, resümiert Heiko Hüttmann zufrieden.

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