Kandahar (II)

Kinder in der Stadt, die sich ihr eigenes Eis machen.JPG
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Kinder in der Stadt, die sich ihr eigenes Eis machen.JPG

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12. Juni 2014, 18:18 Uhr

Die Stadt und die Region um Kandahar ist der Ort, an dem die USA und ihre Verbündeten wie zuvor auch die Sowjetunion das Scheitern gelernt haben. Kandahar ist das beste Beispiel dafür, dass der Westen – sowohl das westliche Militär als auch die westliche Presse – nie verstanden haben, dass man ein Land wie Afghanistan nicht einfach angreifen und besetzen kann. Afghanistan ist nicht Afrika oder irgendein Land aus der „dritten Welt“.

Wenn der Westen nicht bereits seit Jahrhunderten in indirekter oder direkter Weise hier Kriege anzetteln würde, dann wäre Afghanistan vermutlich fortschrittlicher als Amerika. Ich war in vielen Landesteilen Afghanistans, und meiner Ansicht nach ist Afghanistan in jeder Hinsicht wesentlich schöner, stolzer und talentierter als viele andere Länder. Außerdem ist Afghanistan, was die Rohstoffvorkommen anbetrifft, steinreich.

In ihrem Mut und ihrer Großherzigkeit sind Afghanen ohnehin weltweit unübertroffen. Das wird jeder, der jemals als Gast und nicht als Angreifer oder Besatzer hier gewesen ist, bestätigen.

Wenn man den Fortschritt eines Landes nur anhand des Prozentanteils der Menschen, die lesen können, beurteilt, dann sind westliche Länder sicher fortschrittlicher als Afghanistan. So einfach kann man sich das Ganze aber nicht machen. Die meisten Menschen in Deutschland beispielsweise können zwar lesen, wissen aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einmal den Namen ihres Bundespräsidenten. Wenn man bei einer Umfrage unter Studenten in Deutschland fragen würde, wie der Bundespräsident oder der Finanzminister heißt, würde man viele ratlose Blicke ernten. Das sind aber elementare Fragen, die eigentlich jeder Bürger eines Landes in jeder Lebensphase beantworten können sollte. Man muss doch wissen, von wem man regiert wird und mit welchen Motiven.

Was nützt einem die Eigenschaft, lesen zu können, wenn man in keiner Weise davon Gebrauch macht? In Afghanistan hingegen sind viele Menschen wandelnde Geschichtsbücher. Sie können einem die Weltgeschichte in all ihren Zusammenhängen in kürzester Zeit schildern. Das liegt einfach daran, dass sie diese Weltgeschichte in den vergangen Jahrzehnten und Jahrhunderten am eigenen Leib erfahren haben.

Afghanistan wurde mehrfach von Großmächten angegriffen und somit auch zum Zentrum der Weltpolitik. Auch viele hochkomplizierte weltpolitische Zusammenhänge können bereits Kinder und Jugendliche in unglaublicher Präzision erklären und jedem verständlich machen.

Dass in Afghanistan ein Teil der Menschen und besonders die ältere Generation die Fähigkeit des Lesens nicht erlernen konnte, lag schlicht und ergreifend daran, dass dieses Land – wie es leider auch heute der Fall ist – immer wieder angegriffen wurde von Groß- oder Regionalmächten. Wenn man seine Heimat verteidigen muss, hat man verständlicherweise keine Zeit zum Lesen. Viele Menschen haben von Kindesbeinen an Waffen getragen und ihr Heimatland verteidigt.

Fortschritt im Westen bedeutet heutzutage vor allem, sich an Konsum zu ergötzen. Diese Art von Fortschritt möchte man hier in Afghanistan überhaupt nicht haben. Die Menschen genießen es hier vielmehr, sich beispielsweise bei einen gemeinsamen Tee und frisch geernteten Mandeln und Rosinen zusammen mit der Familie oder mit Freunden auf eine Wiese zu setzen, die nicht selten umgeben ist von atemberaubend schönen Bergen und Flüssen,und über das Leben oder die Politik zu plaudern.

Dass besonders westliches Militär in Kandahar so verhasst ist, hat seine Gründe. Die Kandaharis werden beispielsweise die Gräueltat des US-Army Staff Sergeant Robert Bales nicht vergessen, der vor knapp zwei Jahren in der Nacht des 11. März 2012, in einem kleinen Dorf bei Kandahar kaltblütig 16 Zivilisten umbrachte, darunter neun Frauen und drei Kinder. Das Ganze ist als das sogenannte „Kandahar-Massaker“ bekannt geworden. Eine solche Tat ist an Unmenschlichkeit kaum zu übertreffen.

Die Menschen hier werden auch die Schändung von Leichen durch amerikanische Soldaten nicht vergessen. Vor knapp zwei Jahren ging ein Video um die Welt, das Soldaten der US-Armee dabei zeigte, wie sie auf die Leichen von angeblichen Taliban-Kämpfern urinierten.

Das sind nur zwei Beispiele von Gräueltaten, die in den vergangenen Jahren von westlichen Soldaten hier begangen worden sind. Die Liste dieser Taten ist noch sehr lang und das würde an dieser Stelle zu viel Platz einnehmen.

Mein Mitarbeiter jedenfalls, der Kandahar als Soldat vor einigen Jahrzehnten aus einer ganz anderen Perspektive kennen gelernt hatte, war so beeindruckt und
fasziniert vom heutigen Kandahar, dass er mich zum Schluss dazu überreden
wollte, noch etwas länger dort zu bleiben.

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