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Jugendamtmitarbeiterin las Gutachten erst nach Juris Tod

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

shz.de von
erstellt am 08.Feb.2017 | 00:50 Uhr

War Ramona R. (34) aus Eutin mit ihrem Sohn Juri überfordert – und wenn ja, warum wurde es erst bemerkt, als es zu spät war? Im Prozess vor dem Lübecker Landgericht betonte eine Jugendamtsmitarbeiterin keinerlei Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung entdeckt zu haben. Gleichwohl habe sie Unterstützungsbedarf bei der Mutter erkannt. Doch zu einer Familienhilfe kam es nicht mehr: Drei Wochen nach dem letzten Hausbesuch war der zwei Jahre alte Junge tot – erdrosselt mit seinem Schlafsack.

Die psychiatrische Gutachterin kam zu dem Schluss, dass Ramona R. eine normal intelligente Frau ist, die allerdings in großen Teilen ihres Verhaltens auf dem Entwicklungsstand einer Zwölfjährigen stehen geblieben ist. Sie sprach „von einer emotionalen Teilstörung“, die nur durch tiefgehende, langandauernde Therapie in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden könne. Anzeichen für diese Persönlichkeitsstörung, wie etwa den hohen Grad an Aggression, Wut und Impulsivität, habe es schon in der Kindheit der Angeklagten gegeben. Ramona R. selbst gab vor der Gutachterin an, sich immer unter Druck gefühlt zu haben, besonders vom Vater, der oft grob zu ihr war. Es seien „einfach strukturierte Menschen, die mit der Erziehung ihrer Tochter überfordert waren, deshalb mit Strenge und Härte reagierten“, so die Gutachterin. Sie schilderte Lernprobleme, die Ramona R. schon in der Grundschule hatte, sprach von Eltern, die den Zugang zu ihrer Tochter gänzlich verloren, von einer Schülerin, die sich stundenlang lesend in ihr Zimmer zurückzog und von frühen, depressiv wirkenden Verhaltensweisen. Mit etwa 13 Jahren sei sie bereits das erste Mal für längere Zeit in psychiatrischer Behandlung gewesen. Schon damals sei diagnostiziert worden, dass für die Angeklagte eine strukturierte Umgebung das beste sei. Auch aus späteren Gutachten zur Erziehungsfähigkeit gehe hervor, dass dies ein Problem sei. Ramona R. habe furchtbare Angst alleine zu sein und suchte sich immer „eher problematische Partner“, in die sie sich sehr schnell verliebe. Eine positive Zuwendung genügte und sie habe die Menschen in ihr Leben eingebaut. „Aber ohne zu wissen, was Liebe ist, was Beziehung bedeutet und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.“

Die Angst vor Einsamkeit gehe sogar soweit, dass die Gutachterin sagt: „Egal, ob Mensch oder Tier, irgendjemand muss immer bei ihr sein. Das Objekt ist dabei austauschbar. Das ist eigentlich ein kindliches Verhaltensmuster.“ Ein eigenes Leben, mal abgesehen von ihren Kindern und Partnern mit eigenem sozialen Umfeld habe die Angeklagte nie gehabt, nur oberflächliche Kontakte. „Heute habe sie nur ihren Lebensgefährten Michael S., sonst niemanden mehr.“

Mit ihrem Verlobten Michael S. hatte Ramona R. sich kurz vor Juris Tod gestritten, dabei soll es auch um eine Trennung gegangen sein. Und nach einem Streit im Februar hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihrer eigenen Mutter, der regelmäßige Austausch brach weg. Zudem wurde beim letzten Kinderarzttermin deutlich, dass Juri in seiner geistigen und motorischen Entwicklung hinterherhängt. All das habe laut Gutachterin Stress verursacht. „Damit konnte sie möglicherweise nicht umgehen. Druck hat schon früher zu völligem sozialen Versagen geführt. Die emotionale Entgleisung gehört zu ihrem Störungsprofil“, so die Gutachterin.

Liegt eine Schuldunfähigkeit vor? „Es ist von einer verminderten Steuerungsfähigkeit, nicht aber von einer verminderten Einsichtsfähigkeit auszugehen.“ Und ohne Therapie bestehe das Risiko für erneute Taten.

Bleibt die Frage, weshalb die Behörden nichts unternommen haben, obwohl sogar in den Gutachten zur Erziehungsfähigkeit von Übergriffen auf ihren ersten Sohn die Rede ist? „Erst als Ramona R. das alleinige Sorgerecht für Juri beantragt hat, habe ich eine Akte für ihn angelegt“, schildert eine Mitarbeiterin des Jugendamtes des Kreises Ostholstein. Rund fünf Akten gebe es für die drei Kinder von drei Vätern – doch Querverweise in den Juri betreffende Akten habe es nicht gegeben. Ihr sei zwar bekannt gewesen, dass die älteren Geschwister bereits 2006 in Obhut genommen worden seien, ob das aber die Kollegen gewusst hätten, die den ersten Hausbesuch gemacht haben, nachdem Nachbarn Schläge und Schreie gemeldet hatten, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen. Sie selbst gab an, erst nach Juris Tod die Gutachten zur Erziehungsunfähigkeit gelesen zu haben. Sie sei seit Sommer 2015 zuständig für Juri, und habe erst im Februar 2016 alle Akten der Mutter auf dem Tisch gehabt, „aber im Alltag schafft man es nicht, drei lange Gutachten nebenbei zu lesen“. Und: „Wir konnten bei dem zweiten Besuch keine Anzeichen auf Misshandlungen feststellen.“ Kleine punktuelle Einblutungen unter dem Auge, ähnlich wie sie der Rechtsmediziner aufgrund der Strangulation festgestellt hatte, habe sie entdeckt, die Erklärung der Mutter, er sei gegen eine Tischkante gelaufen, aber für plausibel gehalten.

Aber: Ein vom Jugendamt entdeckter roter Striemen hinterm Ohr – die Mitarbeiterin erklärte ihn sich als Storchenbiss – tauchte in der Obduktion drei Wochen später nicht mehr auf. Es muss also eine Verletzung gewesen sein. „Ein Storchenbiss wäre noch da gewesen“, so der Rechtsmediziner.

„Wir haben unsere Möglichkeiten und Vorschriften, mit denen wir umgehen müssen und auch unsere Erfahrungen“, betont die Mitarbeiterin vor Gericht. Therapeuten und der Kinderarzt hätten Juri regelmäßig gesehen – und niemand habe etwas bemerkt.Der Prozess wird Freitag fortgesetzt.




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