Jordanier sollen an die Pflegebetten

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Vorstoß von Dana-Senioreneinrichtungen soll dem Mangel an Fachkräften entgegenwirken / Geschäftsführer kritisiert Sozialministerium

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25. Mai 2018, 12:37 Uhr

Der Fachkräftemangel in der Pflege nimmt dramatisch zu. Ein nahezu leer gefegter Arbeitsmarkt zwingt die Heimbetreiber zu ungewöhnlichen Schritten. Dr. Yazid Shammout, Geschäftsführer der Dana-Senioreneinrichtungen in Hannover, ist jetzt in Jordanien fündig geworden. In einem auf mindestens zwei Jahre ausgelegten Pilotprojekt will er in seinen 13 Pflegeheimen – davon sieben in Schleswig-Holstein – 30 Pflegefachkräfte aus Jordanien einsetzen. Für Shammout ist das ein „Beitrag gegen willkürliche und unkontrollierte Auswanderung“. Doch: Was in Niedersachsen behördlich bereits unterstützt wird, scheint in Schleswig-Holstein nur im zweiten Anlauf umsetzbar zu sein.

Persönlich hat Shammout bisher 23 junge Männer im Alter von 20 bis 35 Jahren im jordanischen Amman ausgesucht. Sie müssen dort bereits ausgebildet oder ein entsprechendes Studium absolviert und mindestens ein Jahr Berufserfahrung in der Pflege haben, bevor sie in Jordanien auf Dana-Kosten für sechs Monate einen intensiven Sprach- sowie Kultur- und Integrationskursus absolvieren. Sie erlernen die deutsche Sprache im B1-Plus-Niveau, also zusätzlich mit einer Fachsprache in der Pflege.

Shammout: „Nur Teilnehmern, die ihre Qualifizierung in Jordanien erfolgreich absolviert haben, soll mit Abschluss eines verbindlichen Arbeitsvertrages die Einreise nach Deutschland ermöglicht und der sofortige Zugang zum Deutschen Arbeitsmarkt eröffnet werden.“ Übrigens: Nach Statistikern jordanischer Arbeitsämter meldeten sich dort jedes Jahr weitere 1500 ausgebildete Pflegefachkräfte arbeitslos.

Bei den bisherigen Bewerbern in Jordanien handelt es sich ausschließlich um unverheiratete Männer, denn – so Shammout – viele jordanische Frauen fühlten sich nicht in der Lage, ein selbstständiges Leben im Ausland zu führen. Shammout erwartet von seinen ausländischen Mitarbeitern den Respekt für die Sitten des Landes, in dem man lebt. Es gebe Hygienevorschriften und Arbeitskleidung – ein Kopftuch sei Glaubenssache und habe nichts mit Arbeit in einem Pflegeheim zu tun, sagt Shammout, der selbst Palästinenser und Muslim ist.

Niedersachsens Ministerpräsidenten Weil, die zuständigen Ministerien, SPD und CDU sowie das Auswärtige Amt in Berlin hätten den Antrag auf Anerkennung der Pflegefachkräfte aus Jordanien wohlwollend mit der Zusage der Unterstützung der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis aufgenommen. Derzeit werde in Niedersachsen schon geprüft, ob die Qualifikation der Jordanier dem Ausbildungsniveau in Deutschland entspricht.

So schnell geht es offenbar im Sozialministerium von Heiner Garg in Schleswig-Holstein nicht. Sein zuständiges Landesamt für soziale Dienste teilte Shammout lediglich mit, dass er mit einer Bearbeitungszeit von drei bis vier Monaten zu rechnen habe. Der reagiert sauer und schüttelt den Kopf: „Wir lassen als Träger nichts unversucht, um die Versorgung der uns anvertrauten Bewohner sicherzustellen und gehen selbst über Grenzen Europas hinweg, und das Ministerium lässt sich trotz des gravierenden Fachkräftemangels für die Bearbeitung so lange Zeit.“ In Jordanien könne aber erst nach der Anerkennung in Schleswig-Holstein der sechsmonatige Sprachunterricht beginnen und nach der Prüfung das Arbeitsvisum beantragt werden, rechnet Shammout so mit einer einjährigen Wartezeit in Schleswig-Holstein. Doch nach seinem Verständnis sei jeder Tag, mit dem die Jordanier in Deutschland früher beginnen können, „eine Entlastung unserer Mitarbeiter vor Ort“.

Das Landesamt für Soziale Dienste hatte sich allerdings die Mühe eines Besuches der Dana-Homepage gemacht. Kritisiert worden sei erst einmal, dass Dana über das Medium lediglich sechs Pflegefachkräfte suche und nicht zehn, wie beantragt. „Uns wurde aus Kiel gesagt, wir sollten die Arbeitsverträge mit den Jordaniern vorlegen und dass jedes einzelne Verfahren 700 Euro kostet“, schüttelt Shammout den Kopf. Wie solle er Arbeitsverträge mit Jordaniern schließen, wenn noch nicht einmal feststehe, ob sie in Schleswig-Holstein überhaupt anerkannt würden? „Offenbar nimmt es das Sozialministerium in Schleswig-Holstein doch nicht so ernst mit dem erdrückenden Fachkräftemangel in den Pflegeeinrichtungen“, fürchtet der Dana-Geschäftsführer.

Für Sozialminister Dr. Heiner Garg ist indes klar: „Pflegekräfte leisten einen unschätzbar wertvollen Dienst in unserer Gesellschaft. Dabei ist entscheidend, dass sie ihren Beruf gerne und gut machen und nicht, woher sie kommen.“ Klar sei, dass sowohl die fachliche als auch die sprachliche Qualifikation vergleichbar sein müsse. Garg begrüßt das Projekt von Dana ausdrücklich „als eine Möglichkeit, Fachkräfte zu gewinnen“. Mittlerweile hatten das Landesamt für Soziale Dienste und Dana Kontakt und „die Missverständnisse“ ausgeräumt, sagte Pressesprecher Christian Kohl. Es sei Einvernehmen erzielt worden und das Landesamt prüfe die weiteren Schritte in Abstimmung mit Dana: „Weder das Landesamt noch das Ministerium sehen hier spezifische Probleme, sondern vielmehr wird dies grundsätzlich begrüßt.“





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