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Ostholsteiner Anzeiger

20. August 2017 | 08:18 Uhr

Jedes 5. Kind nicht schulfähig

vom

Experten warnen vor sinkender Reife bei Erstklässlern und fordern Flexibilität bei späterer Einschulung

kiel | 22 000 Erstklässler werden in dieser Woche in Schleswig-Holstein eingeschult. "Doch nicht alle von ihnen sind schulreif", warnt Dr. Martina Mesing . Die Kinder- und Jugendärztin aus Bad Schwartau hat ein Bündnis aus über 130 Fachkollegen sowie Psychologen und Psychiatern geschmiedet, das eine Abkehr von der Zwangseinschulung mit sechs Jahren fordert.

In den kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen würden "immer öfter Entwicklungsverzögerungen oder Verhaltensauffälligkeiten festgestellt, durch die Kinder den Anforderungen des Regelunterrichts nicht gewachsen sind." So schildern es die Experten in einem offenen Brief an Bildungsministerin Waltraud Wende.

Bei 21 Prozent aller Schulanfänger fänden sich Verhaltensauffälligkeiten, betont Ute Thyen, Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum in Lübeck. Die Professorin wertet die jährlichen Einschulungsberichte im Auftrag des Landes aus. In der Motorik zeigten 14 Prozent der Schulanfänger Auffälligkeiten, bei den sprachlichen Fähigkeiten 13,8 Prozent. Insgesamt hätten im nördlichsten Bundesland 25 Prozent aller Kinder einen erhöhten Förderbedarf.

Thyen verweist da rauf, dass 2003 noch fünf Prozent eines Erstklässlerjahrgangs wegen Entwicklungsverzögerungen zunächst vom Schulbesuch beurlaubt worden seien. 2007 wurde diese Möglichkeit abgeschafft. Anlass war die Einführung der dreijährigen flexiblen Eingangsphase. Sie eröffnet die Möglichkeit, die erste und zweite Klasse je nach Leistungsvermögen in ein bis drei Jahren zu absolvieren. Seitdem muss jedes Kind, das bis zum 30. Juni eines Jahres sechs Jahre alt wird, im darauf folgenden Schuljahr eingeschult werden.

Diese Regelung sei "in Kraft getreten, ohne den Wechsel vorzubereiten oder ausreichend pädagogisch und strukturell abzusichern", kritisiert Thyen in einem Schreiben an den Bildungsausschuss des Landtags. Der hat auf Antrag von FDP und CDU für kommenden Donnerstag eine vierstündige Anhörung von gut einem Dutzend Experten zu dem Thema angesetzt. Davon hängt ab, ob die Forderung nach einem flexiblen Einschulungsalter in der Landespolitik eine Chance bekommt.

"Es nützt nichts, den Schulbeginn für alle an einem Stichtag festzumachen, wenn dadurch die Wartezimmer bei Ärzten, Psychologen und Therapeuten überfüllt werden und Einzelne Probleme bekommen", findet die bildungspolitische Sprecherin der FDP, Anita Klahn.

Professorin Thyen empfiehlt für das künftige Schulgesetz, dass ein Kind ein Jahr zurückgestellt werden kann, wenn Kinderärzte des Gesundheitsdienstes erhebliche Zweifel an einem erfolgreichen Schulbesuch äußern. Unterstützung dafür kommt auch vom Landeselternbeirat für Grundschulen und Förderzentren, dem Elternverein sowie dem Landesverband der Kinder- und Jugendärzte.

"Es ist extrem schwierig, eine glückliche Schulzeit zu haben, wenn der Anfang nicht gelingt", weist Kindermedizinerin Mesing auf einen Dominoeffekt hin. Dass sich die Schulreife in Einzelfällen verzögert, erklärt sie mit schlechteren Startbedingungen von Kindern im heimischen Umfeld. Mangelnde Zuwendung durch Zeitmangel und schwierige Familienverhältnisse forderten ihren Tribut.

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erstellt am 07.Aug.2013 | 03:59 Uhr

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