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Ostholsteiner Anzeiger

17. Dezember 2017 | 18:53 Uhr

Je ausgefallener, desto besser

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 20.Nov.2014 | 11:22 Uhr

Ein weiterer Monat meines Auslandssemesters in Helsinki ist vorbei und obwohl das Wetter im Moment trüb und grau ist, ist die Stadt mir ans Herz gewachsen. Als zukünftige Kulturarbeiterin gibt es für mich hier viel zu entdecken und kennen zu lernen.

Helsinki versucht sich das Bild einer hippen, modernen und kreativen Stadt zu geben, und das gelingt ihr auch ganz gut. Viele Festivals und Veranstaltungen laden Einheimische und Besucher gleichermaßen ein, Teil der urbanen Kultur zu werden.

Gleich an meinem ersten Abend hier fand die Night of the Arts als Abschluss des einmonatigen Helsinki-Festivals statt. An diesem Abend haben die meisten Museen freien Eintritt, aber die spannenden Sachen passieren auf der Straße.

Jede und jeder kann mitmachen, indem er oder sie sich einfach online mit einer Ausstellung, einem Konzert, einer Show oder was sonst noch so einfällt, anmeldet. Es gibt Open-Air-Opern, Lesungen und Konzerte. Auf dem Senatsplatz wurden riesige Architekturmodelle aus Kartons gebaut (und wieder abgerissen), es gab ein Reden-Karaoke, bei dem unter anderem die berühmte Rede Martin Luther Kings jr. oder die von Aragorn aus „Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs“, mitgesprochen werden konnten. Oder man konnte mit Hilfe eines EEGs seine Gehirnwellen ein Gedicht kreieren lassen. Es gab also lauter kreative und verrückte Ideen zu entdecken, für die ich die Finnen so liebe.

Eine weitere richtig gute Idee ist der Siivuspäiva (Reinigungstag), bei dem Helsinki in einen riesigen Flohmarkt verwandelt wird. Wiederum online (denn die meisten Finnen sind sehr technikbegeistert) kann sich jede Person kostenlos registrieren und ihren Stand auf der Karte eintragen. An zentralen Orten sind Container aufgestellt, wo nicht verkaufte Sachen am Ende das Tages abgegeben werden können. Diese Idee belebt sowohl die Nachbarschaften, unterstützt Nachhaltigkeit und lässt alle mal ihre Wohnung ausmisten. (Siivuspäiva findet zweimal im Jahr statt. Der nächste wird am 23. Mai 2015 sein)

Anfang September fand außerdem die Design-Week Helsinki statt und Mitte September das Film-Festival Rakkautta & Anarkiaa (Liebe und Anarchie), bei
dem ich unter anderem finnische Kurzfilme und einen sehr beeindruckenden Film über die schwedische Bergbaustadt Kiruna gesehen habe, die bis 2040 komplett
um fünf Kilometer verlegt werden soll, weil sich das Eisenerzbergwerk zu tief unter die eigentliche Stadt gefressen hat. Das internationale Festival findet seit 1988 jährlich statt und hat einen Schwerpunkt auf japanische Filme gelegt.

Und das ist noch nicht alles: Ich freue mich schon auf den Restaurant-Day, der in Helsinki von Finnen gegründet, vier Mal im Jahr inzwischen in 30 Ländern stattfindet. Auch hier sind alle zum Mitmachen aufgefordert. Für einen Tag darf jeder sein eigenes Restaurant aufmachen. Das kann dann im Park, auf der Straße, aus einem Auto heraus oder in der eigenen Wohnungen sein. Je ausgefallener die Idee, desto besser.

Die urbane Kultur boomt also in Helsinki. Aber auch in klassischeren Feldern wie bildender oder darstellender Kunst gibt es viel zu entdecken. Obwohl in Helsinki leider viele Dinge teurer sind als in Deutschland, gibt es viele kostenlose Angebote. Fast alle Museen haben zum Beispiel an einem Tag im Monat freien Eintritt. So bin ich schon in Genuss des Naturkundemuseums gekommen, in dem ich endlich ein (ausgestopftes) Flugeichhörnchen sehen konnte. Ich habe im Architekturmuseum die Liebe der Finnen zum Holz kennen gelernt und im Kiasma zeitgenössische Kunst bewundert.

Generell habe ich hier das Gefühl, dass es weniger Berührungsängste mit zeitgenössischer Kunst gibt als in Deutschland. Vielleicht liegt das daran, dass Finnland ein vergleichsweise junges Land ist (Staatsgründung 1917) und auch die autonome finnische Kultur (also ohne Einfluss von Schweden oder Russland) erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts so richtig losgelegt hat. Also ist selbst die alte Kunst neu und niemand muss beim Anblick alter Meister zu Ehrfurcht erstarren. Vielleicht ist Kultur aber auch eine Möglichkeit, mit der dunklen Jahreszeit umzugehen und sich zu beschäftigen.

Bei Mad House Helsinki hatte ich selber die Möglichkeit, Teil eines Projekts zu sein. Mein Studium hier an der Arcada ist nämlich noch praktischer ausgelegt als in Potsdam und deswegen habe ich bereits parallel zu meinen Kursen ein Praktikum gemacht.

Mad House war die erste Probespielzeit für ein Produktionshaus für Performance-Kunst in Helsinki. Einen Monat lang hat es auf dem Gelände eines stillgelegten Kraftwerks jeden Tag Aufführungen, Diskussionen, Workshops und Konzerte gegeben. Die Themen waren sehr vielfältig und reichten von Altern und Tod über Überwachung zu Weltuntergangsszenarien.

Für mich war das eine tolle Möglichkeit Praxiserfahrungen zu sammeln und wunderbare Menschen kennen zu lernen. Ich habe hauptsächlich die internationalen Gäste betreut und bei meinen Fahrten zum Flughafen und den Unterkünften gleich die Stadt noch besser kennen gelernt.

Und jetzt im November geht es schon weiter mit dem Baltic-Circle-Theater-Festival, bei dem ich als Freiwillige am Besuchereinlass arbeiten werde. Hier geht es schwerpunktmäßig um Kulturaustausch zwischen den baltischen Ländern. Und auch hier gibt es nicht nur Aufführungen zu sehen, sondern es wird unter anderem diskutiert, wie freie Kunst im Nachbarland Russland möglich
ist und in welchem Verhältnis
Kultur und Politik miteinander
stehen.

Nach dem ganzen Trubel tut es aber auch gut mal raus aus der Stadt zu kommen. Fast alles Finnen mögen es, sich in die Natur zurück zu ziehen um auszuruhen und neue Kräfte zu sammeln. Deswegen fahre ich Ende November mit ein paar Freundinnen nach Lappland. Wir werden den Weihnachtsmann besuchen, der ja bekannterweise dort wohnt, und hoffentlich Nordlichter sehen.

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