Besuch beim Kinderschutzbund Ostholstein : Integration ist kein Kinderspiel

Mit dem Fingerzeig fällt beim Trionimos der nächste Spielzug besser ins Auge, der die meisten Punkte einbringt.
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Mit dem Fingerzeig fällt beim Trionimos der nächste Spielzug besser ins Auge, der die meisten Punkte einbringt.

Stille Helfer oder gute Seelen, wie Ehrenamtliche oft genannt werden, die im Verborgenen Gutes tun, gibt es viele. Der Ostholsteiner Anzeiger möchte bis Weihnachten vier solcher Projekte vorstellen.

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17. Dezember 2014, 12:00 Uhr

Mohammed hat seine Ordner gut sortiert. Deutsch und Mathematik, er ist mit Recht stolz auf seine Leistungen und seine Noten. „Er will den Hauptschulabschluss schaffen“, sagt Rüdiger Tuschewski vom Deutschen Kinderschutzbund Kreisverband Ostholstein, der Bereichsleiter für die stationären Einrichtungen ist. Im Kinderhaus leben vor allem junge Menschen, die unbegleitet nach Deutschland geflüchtet sind und hier Asyl beantragen.

Mohammed spricht leise, er ist höflich und erklärt seine Aufgaben. Er besucht die Kreisberufsschule in Eutin. Aber seine Mathematikaufgaben wolle er lieber allein bearbeiten, sagt er.

„Zeig’ doch bitte einmal dein Zimmer“, schlägt Tuschewski vor. Das ist eine prima Idee, Mohammed öffnet die Tür zu dem Zimmer, das er selbst gestaltet hat. Eine Ecke ist voller Fußballfotos: der WM-Pokal, ein Portrait von Pele, dahinter Ronaldo daneben Zinedine Zidane, darüber Ronaldinho, darunter Ronaldo. Mit flinken Armbewegungen führt er den Blick über die Mannschaftsfotos. Ohne Zögern zählt er die Länder auf: „Frankreich, Chile. Brasilien, Kolumbien, Bosnien-Herzegowina...“ Und auch einzelne Spieler kann er auf Anhieb nennen: „Kompany spielt für Belgien, Hulk für Brasilien, er hat aber viel Pech gehabt bei der WM“, stellt Mohammed fest, der aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. Er hat viele WM-Spiele am Bildschirm geguckt, die deutsche Nationalmannschaft hängt auch an der Wand. Götze und Lahm fallen ihm als erste Namen ein.

In der Ecke liegt ein Kicker-Sonderheft zur Champions League, Mohammed kennt alle Mannschaften, angefangen bei Borussia Dortmund und Bayern München bis hin zum FC Maribor und Schachtjor Donezk. „Mein Lieblingsverein ist aber Schalke 04“, sagt der 17-Jährige, der auch Bayer Leverkusen gut findet. An den Wänden zeigt sich das künstlerische Talent. Er hat nach einer Vorlage aus freier Hand ein Weltkarte auf die Wand gemalt, daneben einen Fischer, gegenüber hat Mohammed Vögel und andere Motive auf die Wand gemalt.

In der Küche hat sich eine Hand voll Jugendlicher versammelt. „Habt ihr Lust auf eine Runde Triominos?“ Rüdiger Truschewski packt das Spiel aus, das dem Domino ähnlich ist, die Steine sind drei-, statt viereckig. Die Regeln sind nicht schwer, aber das Spiel hat es doch in sich. Man muss schauen, welchen Stein man anlegen kann, dazu die Augen auf dem Stein zusammenzählen, dann Zusatzpunkte für besonders schwierige Anlegevarianten hinzurechnen. Die Jungen suchen nach Lösungen, geben Tipps, wollen gewinnen und lachen oft.

Die Vorgeschichten der Jugendlichen sind so verschieden wie ihre Herkunft. Sie kommen aus den Krisenregionen dieser Welt – allein, ohne Vater oder Mutter, die dort geblieben sind oder die sie auf dem Weg verloren haben. Zwei der jungen Leute, die scheinbar unbeschwert Triominos spielen, sind über Lampedusa nach Deutschland gekommen. „Es ist für uns kaum vorstellbar, was viele der Jungen auf dem Weg zu uns durchgemacht haben“, weiß Rüdiger Tuschewski.

Mohammed sitzt am anderen Ende der Essecke. Er liest still für sich – und ist doch ganz nah dabei. Manchmal ist das das größte Geschenk...

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