zur Navigation springen
Ostholsteiner Anzeiger

22. September 2017 | 04:57 Uhr

Integration durch politische Bildung

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Migranten tauschten sich am Wochenende mit örtlichen Politikern über Europa-Themen und Hindernisse im Alltag aus

von
erstellt am 14.Apr.2014 | 13:23 Uhr

Die meisten von ihnen dürfen in Deutschland gar nicht wählen, denn nur etwa zehn der 42 Seminarteilnehmer haben einen deutschen Pass. Und trotzdem interessieren die Migranten, die am Wochenende an einem politischen Bildungsseminar der Arbeiterwohlfahrt Schleswig-Holstein teilnahmen, sich sehr dafür, wie Politik in Deutschland funktioniert.

Das Seminar ist einer von insgesamt drei Bausteinen eines Teilhabeprojektes der Awo, in dem Migranten mit ihren Möglichkeiten der Beteiligung am politischen Geschehen vertraut gemacht werden sollen. Im Mittelpunkt des Seminarwochenendes stand das Thema „Europapolitik“, und genau zu diesem Komplex befragten die Teilnehmer in kleinen Gruppen gestern Eka von Kalben (Grüne), Babett Schwede-Oldehus (CDU), Ayse Fehhimli (Linke), Ekkehard Klug (FDP), Tobias von Pein (SPD) und Lars Harms (SSW).

Zuvor aber hatten sich die aus Ländern wie Afghanistan, Syrien, Kuba, Iran, Eritrea, Russland, der Ukraine, dem Irak oder Brasilien stammenden Teilnehmer in Workshops mit der Flucht nach Europa oder den neuen rechten Parteien in Europa beschäftigt. Wichtiger Teil war auch das eigene Bild der Teilnehmer von Europa. Und Bild war in diesem Fall wörtlich gemeint, denn die Migranten drückten ihre Vorstellung von Europa mit Stift und Papier aus. „Es ist auffällig, dass viele Europa als fest verwurzelten Baum oder als Friedenstaube sehen“, sagt Awo-Mitarbeiterin Katharina Wulf.

Auch für den 18 Jahre alten Afghanen Said ist Europa ein mit prallen Äpfeln behängter Baum. Ein Baum allerdings, an dessen Früchte er trotzdem nicht heran reicht. Dass er dieses Gefühl mit vielen der anderen Seminarteilnehmern gemein hat, wurde in den Gruppengesprächen mit den Politikern deutlich. Etwa bei dem jungen Afghanen Abdulmalek, der zwar die Möglichkeit einer Ausbildung hätte, dann aber keine finanzielle Unterstützung vom Sozialamt mehr bekäme und nur von der Ausbildungsvergütung allein nicht leben könnte.

Ausbildungsbeihilfe bekommen Ausländer in Deutschland erst, wenn sie bereits länger als vier Jahre hier leben. Eine Situation, die der SPD-Landtagsabgeordnete Tobias von Pein auch nicht nachvollziehen konnte. „Das ist falsch und muss abgeschafft werden. Man kann von jungen Leuten doch nicht erwarten, dass sie erst nach vier Jahren arbeiten“, so von Pein. Eine Einstellung, die er mit dem früheren Schleswig-Holsteinischen Bildungsminister Ekkehard Klug (FDP) teilt. Die Politik müsse Barrieren herabsetzen und Migranten so das Arbeiten in Deutschland ermöglichen, forderte der SSW-Landtagsabgeordnete Lars Harms. Außerdem dürfe Integration nicht dazu führen, dass Ausländer ihre Identität aufgeben müssten. Vielmehr sollten sie eine zweite Identität hinzu gewinnen. „Wir als dänische Minderheit sind ja auch nur dem Pass nach Deutsch und verstehen, wie es ist, anders zu sein.“

Doch auch die aktuelle Situation in der Ukraine war ein häufiges Thema in den Gesprächsrunden. Ihr bereite das Thema Bauchschmerzen, gab Babett Schwede-Oldehus, CDU-Kandidatin für die Europawahl, zu. Sie habe die Sorge, dass Russland sich in seinen Bestrebungen immer weiter gen Westen wenden werde. Ganz so düster sah Klug die Situation nicht. „Ich habe das Prinzip Hoffnung und gehe davon aus, dass Russland von alleine aufhört.“ Seiner Meinung nach habe ein großer Fehler aller vorherigen ukrainischen Regierungen zum jetzigen Konflikt geführt: „Die Ukraine ist innerlich zerrissen und keine der Regierungen hat sich um einen Ausgleich bemüht.“


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen