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Ostholsteiner Anzeiger

22. Oktober 2017 | 21:35 Uhr

Inklusion nicht bezahlbar?

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Um allen Schülern die Teilhabe am Unterricht zu gewährleisten, muss Malente erhebliche Herausforderungen bewältigen

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2014 | 16:59 Uhr

Die Zeiten, in denen Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen ausschließlich in für sie geschaffenen Schulen unterrichtet werden, sollen sich dem Ende zuneigen. „Inklusion“ lautet das Schlagwort, um allen Schülern gemeinsames Lernen an einem Ort zu ermöglichen. Doch dass dies bei Schulgebäuden, die bereits vor Jahrzehnten geplant und gebaut wurden, eine immense Herausforderung ist, erlebt gerade die Gemeinde Malente.

Ein Schüler, der aufgrund einer Erkrankung voraussichtlich bald auf einen Rollstuhl angewiesen sein wird, will die Schule an den Auewiesen mit Beginn des nächsten Schuljahres Ende August besuchen. Aus pädagogischer Sicht bestehen keine Bedenken, das Schulamt hat keine Einwände und auch die Eltern sind mit den Einschränkungen einverstanden, die für ihr Kind aufgrund der baulichen Gegebenheiten zu erwarten sind.

Doch im Finanzausschuss der Gemeinde sorgten die finanziellen Folgen der beabsichtigten Einschulung nun für eine lebhafte Debatte. Denn im – ohnehin stark defizitären – Nachtragshaushalt hat die Verwaltung eine Summe von 20 000 Euro eingestellt. „Das Geld ist für Maßnahmen vorgesehen, damit das Kind sicher beschult
werden kann“, erläuterte Bauamtsleiterin Britta Deubel. Gemeint sei damit ein Brandschutznachweis, jedoch noch keine baulichen Maßnahmen.

Angesichts der zahlreichen Treppen im Schulgebäude und der zu erwartenden Kosten eines Umbaus ging CDU-Fraktionschef Hans-Werner Salomon auf die Barrikaden: „Inklusion ja, aber nicht um jeden Preis“, brachte er seine Position auf den Punkt. Er verwies auf ein Gespräch, dass er mit Schulrat Manfred Meyer geführt habe. „Wir können sagen: Zurzeit ist das an unserer Schule nicht möglich ohne sehr große Kosten.“ Dann müsse der Kreis eine andere Schule suchen. Salomon: „Man kann uns politisch nicht zwingen, das Geld in die Hand zu nehmen, nur weil das Kind hier angemeldet ist.“

Dem widersprach Bürgermeister Michael Koch, der sich ebenfalls auf Schulrat Meyer berief: „Man hat ganz klar gesagt: Ihr habt die Voraussetzungen zu erfüllen!“. Da sich der Widerspruch nicht kurzfristig klären ließ, entschied der Ausschuss auf Vorschlag von Koch, den Betrag im Nachtragshaushalt mit einem Sperrvermerk zu versehen. Koch sagte zu, die Situation im Gespräch mit dem Schulrat zu klären. Damit erscheint es im Moment fraglich, ob der Schüler, der bislang eine Förderschule besuchte, ab August in Malente zur Schule gehen kann.

Schulrat Meyer zeigte sich auf OHA-Anfrage überrascht von der Entwicklung: „Aus Sicht des Brandschutzes haben wir das noch nie betrachtet.“ Bereits am 21. Februar hätten sich Schule, Eltern und Schulträger in einem Koordinierungsgespräch darauf geeinigt, dass der Schüler in Malente zur Schule gehen solle. Einen Widerspruch der Gemeinde habe es nicht gegeben, sagte Meyer. Denn dann hätte der sogenannte Förderausschuss getagt, in dem er als Schulrat das letzte Wort habe. So weit sei es aber gar nicht gekommen.

Das scheint der Aussage von Bürgermeister Koch im Finanzausschuss zu widersprechen. Er betonte: „Die Frage entscheidet nicht der Schulträger, sondern ein anderes Gremium. Dort haben wir unsere Bedenken vorgetragen.“

Grundsätzlich sei die Schule zwar verpflichtet, die Voraussetzungen für Inklusion zu schaffen, erläuterte Meyer weiter. Wenn der Schulträger jedoch sage, er könne das nicht umsetzen, dann müsse er als Schulrat einen anderen Standort suchen. Demzufolge scheint auch viel vom Einzelfall abzuhängen. In Malente seien die einzelnen Ebenen über Rampen von außen zu erreichen, erläuterte die kommissarische Schulleiterin Astrid Fock auf Anfrage. Das gelte allerdings nicht für den Keller, wo der Unterricht an PCs stattfinde. Dann könne der Schüler aber alternativ im Lernbüro sitzen. Die Entscheidung, was getan werden müsse, um für diesen Schüler die nötige Sicherheit zu gewährleisten, liege allerdings bei der Gemeinde, betonte Astrid Fock. Das Kollegium sei selbstverständlich bereit, ein körperbehindertes Kind zu unterrichten.

Scharfe Kritik äußerte unterdessen Hans-Werner Salomon am Land Schleswig-Holstein. Dieses fordere zwar Inklusion, wolle aber das dafür notwendige Finanzierungsgesetz erst im Jahr 2016 auf den Weg bringen. „Ich sage: Land, stelle uns dieses Geld zur Verfügung. Dann bin ich der Letzte, der sagt: Wir fangen nicht damit an“, machte Salomon deutlich. Er sei aber nicht gewillt, sich ständig von der Kommunalaufsicht sagen zu lassen, wo überall noch gespart und Steuern erhöht werden müssten, wenn das Land der Gemeinde auf der anderen Seite neue Aufgaben ohne Gegenfinanzierung aufdrücke. „Das machen wir nicht mit.“

Grünen-Gemeindevertreter Klaus-Peter Sauvant, der auf seine eigene Gehbehinderung hinwies, stellte die Eignung der Schule an den Auewiesen für Rollstuhlfahrer generell in Frage. „Wir müssen dort investieren – wenn wir 2016 die Mittel haben.“ Gegenwärtig tue man den betroffenen Schülern mit dem Standort Malente keinen Gefallen: „Wir muten diesen Menschen etwas zu, was man ihnen nicht zumuten darf.“

Bürgermeister Michael Koch brachte die baulichen Voraussetzungen für eine barrierefreie Schule drastisch auf eine Formel: „Ob wir das hinkriegen? Ich sage es Ihnen ganz deutlich: An dieser Schule nicht. Abreißen und neu bauen wäre ein Weg.“

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