Beispiel für Integration : In Eutin angekommen

Die aus Syrien stammende Hanadi Alher, hier beim Blutdruckmessen, hat nach einem Praktikum eine Lehrstelle bekommen.
Die aus Syrien stammende Hanadi Alher, hier beim Blutdruckmessen, hat nach einem Praktikum eine Lehrstelle bekommen.

Eine 33-jährige Mutter aus Syrien hat eine Lehrstelle in einer Arztpraxis bekommen.

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13. September 2018, 15:21 Uhr

„Sie ist bei weitem nicht das einzige Beispiel, aber ein ganz herausragendes“, sagt Kathrin Kunkel. Die Beauftragte für Chancengleichheit des Jobcenters ist mit ihrer Begeisterung über den Weg, den Hanadi Alher aus Syrien schon bewältigt hat, nicht allein: „Sie passt einfach zu uns, ihre Art, ihre Ausstrahlung“, sagt Reimar Busse.

In der Arztpraxis von Busse und Dr. Gerd Petersen hat die 33-Jährige vor sechs Wochen eine Ausbildung als Medizinische Fachangestellte begonnen, wie Arzthelferinnen heute heißen. Drei Jahre nach der Flucht der jungen Familie aus der aktuell stark umkämpften syrischen Stadt Idlib hat die Mutter von drei Mädchen, elf Jahre alt und zehn Jahre alte Zwillinge, den Sprung in deutsche Arbeitswelt geschafft.

Eine Arztpraxis lag nahe: Sie habe in Syrien eine ähnliche Ausbildung begonnen, aber noch nicht praktisch gearbeitet, erzählt Hanadi Alher. „Man merkt, dass sie Vorbildung hat“, bestätigt Reimar Busse. Die Entscheidung, ihr eine Lehrstelle anzubieten, sei während eines Praktikums schnell gefallen. Die Eignung für den Beruf und ausreichende Sprachkenntnisse seien dabei eine Voraussetzung gewesen. Und: „Wir finden es selbstverständlich, einer Frau, die mit dem Erlebnis einer Flucht belastet ist, die praktisch alles aufgeben musste, eine Chance zu geben.“

Hanadi Alher verfüge über eine bewundernswerte Zielstrebigkeit und Hilfsbereitschaft, betonte Kathrin Kunkel. Neben der Verantwortung für ihre Kinder und den großen Willen, in Eutin Fuß zu fassen, habe sie andere Frauen bei Behördengängen unterstützt und auch dem Jobcenter mit Übersetzungen geholfen.

Als Übersetzerin ist sie jetzt auch in der Praxis regelmäßig bei Patienten aus dem arabischen Sprachraum gefragt. Viele deutsche Patienten reagierten sehr neugierig auf ihre Herkunft: „Ganz viele wollen wissen: Wo kommen Sie her? Wie haben Sie das geschafft?“

Hanadi Alher ist unter den 16 Angestellten der Praxis die einzige, die eine Ausbildung macht, und Reimar Busse hat nicht den geringsten Zweifel, dass sie sowohl die beruflichen Anforderungen meistert als auch die familiären. Denn ihr Mann, der bislang bei der Kinderbetreuung geholfen hat, beginnt Anfang Oktober ebenfalls zu arbeiten.

Hanadi Alher und die Praxis Petersen/Busse seien Vorbilder im Bemühen um Fachkräftesicherung, Integration und familienfreundliche Jobs. Das betonte Jobcenter-Chef Karsten Marzian.

Hanadi Alher gehört zu 250 anerkannten Asylbewerbern in Ostholstein, die dieses Jahr mit Hilfe des Jobcenters einen Arbeitsplatz erhalten haben, sagt Karsten Marzian. 60 absolvierten eine Ausbildung. Sein Jobcenter betreue aktuell rund 1300 anerkannte Asybewerber, 600 seien in einem Sprach- oder Integrationskurs oder nutzten Qualifizierungsangebote. Gemessen an der Zahl der anerkannten Asylbewerber habe das Jobcenter Ostholstein mit rund 18 Prozent von allen Jobcentern in Schleswig-Holstein aktuell die höchste Integrationsquote in Ausbildung und Arbeit, ergänzte Marzian stolz. Die Integration von Flüchtlingen, aber auch von arbeitslosen Eltern sei dringend: „Bis 2025 sinkt die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 65 Jahren in Ostholstein um rund 15 000 oder zwölf Prozent, im Landesschnitt mit minus sechs Prozent nur halb so stark. Die Personalnachfrage der Firmen sei schon jetzt sehr hoch.

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