zur Navigation springen

25 Jahre Mauerfall : „In der DDR wollte ich nicht bleiben“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Karin Otto ist mit ihrer dreijährigen Tochter und ihrem Mann kurz nach dem Mauerfall nach Eutin gekommen. Fliehen war für sie keine Option – aus Angst.

Karin und Thomas Otto sind im Monat des Mauerfalls offiziell der DDR verwiesen worden. Für sie eigentlich ein Grund zur Freude. Doch selbst bei der letzten Zugfahrt von Leipzig nach Eutin fuhr die Angst noch mit.

Karin Otto: „Wir hatten ja nichts mehr außer ein Stück Papier auf dem ‚Identitätsbescheinigung‘ stand.“ Als das der letzte Grenzer in Schwanheide in die Hand nahm und herzhaft lachte, dachte die damals 22-Jährige: „Es ist noch nicht vorbei.“

Doch von vorn: Karin Otto, heute 47, ist in Talheim im Erzgebirge (Sachsen) geboren und aufgewachsen. Schon früh widerstrebten ihr die Vorschriften des DDR-Regimes. „Ich wollte lieber eine Konfirmation als eine Jugendweihe, die habe ich letztlich nur meiner Eltern zuliebe gemacht.“ Der Frust, so erzählt sie, staute sich auf, über Jahre. „Eines kam zum anderen und ich wollte schließlich nur noch weg.“ Das war ihr noch vor dem Kennenlernen ihres Mannes Thomas klar. 1985 heirateten beide, 1986 wurde ihre Tochter geboren.

Ihre Tochter sollte getauft werden. In der DDR war das aber nicht vorgesehen, hier wäre die sozialistische Namensweihe als Ersatzfest lieber gesehen worden. Doch die Taufe fand statt. „Mein Mann wurde laufend bedrängt, endlich in die Partei einzutreten.“ Aber das wollte er keinesfalls. 1987 wurde ihr verwehrt, ihre Verwandtschaft in Eutin und Bosau zu besuchen. Der Frust summierte sich und gipfelte schließlich im festen Entschluss, den Ausreiseantrag als Familie zu stellen. Das war im April 1989. Als sie aus Stolberg von der Abteilung Inneres zurück kamen, haben sie gemerkt, wer ihre „Freunde“ waren oder wie Karin Otto es formuliert: „Wo trübes Wasser ist“. „Plötzlich wich uns eine flüchtige Bekannte nicht mehr von der Pelle, wollte wissen, was es Neues bei uns gibt, bohrte ständig nach“, erinnert sie sich. Der zweite Aha-Effekt kam dem Paar nach der Umsiedlung, als sie ihre Eltern in Sachsen besuchten. „Als wir unserem langjährigen Nachbarn sagten, dass wir noch vor unserem Urlaub Akteneinsicht beantragt haben, war das Gespräch beendet.“

Es war ein Fake. Beide haben keine Einsicht in die Akten der Staatssicherheit beantragt, wollen – wie so viele Einwohner der damaligen DDR – nicht nachträglich enttäuscht werden.

Mit dem Stellen des Ausreiseantrags ging der Stress erst los: „Wir wurden regelmäßig in die Abteilung Inneres bestellt. Hier wurde uns erzählt, wie toll alles in der DDR geregelt ist, dass die Menschen im Westen unter Brücken schlafen müssen und wie viele doch lieber in der DDR leben würden.“ Irgendwann entgegnete ihr Mann Thomas: „Ich habe schon bei Möbel Kraft einen Drei-Mann-Karton bestellt, damit wir unter der Brücke ein Dach überm Kopf haben.“ Ein Satz, der das Leben der Ottos in der DDR nicht gerade einfacher machte.

Abwechselnd wurden sie während der Arbeitszeit zur Stasi gerufen, die versuchte, beide Eheleute gegeneinander auszuspielen. Ohne Erfolg. „Sogar meine Eltern wurden unter Druck gesetzt. Das haben sie mir erst vor einem Jahr erzählt, um es uns damals nicht noch schwerer zu machen“, sagt Karin Otto. Trotz allem kam
eine Flucht für beide nicht in Frage: „Sie hatten uns gedroht, uns unsere Tochter wegzunehmen. Die Angst war einfach zu groß.“

Sie warteten. Ihr Onkel musste drei Jahre von Antragsstellung bis Ausreise warten. Die Ottos nur sieben Monate. Die 47-Jährige erinnert sich: „In der Woche nach dem Mauerfall stand plötzlich ein Mann vor der Tür und bat uns in die Kreisverwaltung Abteilung Inneres, um unsere Pässe und Ausweise abzugeben. Wir bekamen stattdessen ein großes DIN-A4-Blatt, auf dem Identitätsbescheinigung stand.“ Die Kisten wurden verplombt und zur Deutrans – der damals einzigen internationalen Spedition in der DDR – geschafft. „Hätten wir gewusst, dass die Grenze so schnell geöffnet wird, hätten wir uns das alles sparen und unsere Sachen einlagern können“, erzählt Karin Otto heute.

Doch der Mauerfall am 9. November brachte ihnen auf keinen Fall die gewünschte Erlösung. „Unser Motto war: Bloß nicht auffallen und abwarten.“ Am 21. November kam der erhoffte offizielle Landesverweis: „Binnen 48 Stunden sollten wir das Land verlassen.“ Endlich hielt es die Familie in den Händen. „Aber zu diesem Zeitpunkt mussten wir immer noch 48 Stunden überstehen.“

Die Erleichterung sei erst gekommen, als sie die Füße auf Eutiner Grund gesetzt hatten und sich mit der Bosauer Patentante ihrer Tochter glücklich in den Armen lagen. „Ohne diese Unterstützung hier vor Ort, hätten wir nicht so einen tollen Start gehabt“, sind die Ottos noch heute dankbar. Weil sie eine Adresse vorweisen konnten, mussten sie nicht – wie alle anderen Übersiedler ohne Verwandtschaft – in ein Auffanglager, von wo aus die Menschen in die einzelnen Gemeinden des Landes verteilt wurden. Bei allen Fragen half die Patentante aus Bosau: Wohin muss ich, um Arbeit zu finden, wo gibt es das Begrüßungsgeld, wie und wo muss ich mich anmelden?

An das erste Telefonat, das Karin Otto vom Westen aus führte, erinnert sie sich heute noch. Sie rief ihren Onkel in Bayern an, die Eltern hatten noch kein Telefon. Ihr Satz, der sich ins Gedächtnis einbrannte: „Ich möchte hier nicht mehr weg. Hier riecht es so gut.“ Noch heute muss sie lachen, wenn sie diese Worte wiederholt. Am beeindruckendsten war die Welt der Düfte in den Drogerien.

Dass die Schaufenster hier voll und schön dekoriert waren, kannte sie schon von ihrem einzigen Sieben-Tage-Urlaub bei der Patentante Anfang der 80er. Wohl deshalb hatte die Stasi mit ihrer Zermürbungstaktik keine Chance bei dem Paar. „Wir wussten ja durch unsere Verwandten und weil wir es selbst gesehen hatten, dass die Behauptungen nicht stimmen.“

Was waren die krassesten Vorurteile, mit denen sie konfrontiert wurden? Karin Otto: „Ossis können nicht zusammenhängend arbeiten, weil sie immer nur ein Ersatzteil hatten“ oder die Frage ihrer ersten potentiellen Arbeitgeberin: „Haben Sie überhaupt Lust zu arbeiten?“ Am Anfang, so erzählt Karin Otto, hat sie das noch persönlich verletzt. „Ich habe immer versucht mich zu rechtfertigen. Aber ich kann mich nicht für alle rechtfertigen.“

Und wie ist das Lebensgefühl heute? „Ich bin Deutsche, ganz klar. Und wenn ich wegfahre, habe ich Heimweh nach Sieversdorf und nicht nach Sachsen“, sagt sie entschlossen.

 

 

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen