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Ostholsteiner Anzeiger

19. August 2017 | 22:41 Uhr

„Ihre Angaben sind mangelhaft“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Schienenhinterlandanbindung zur Beltquerung: Treffen in Lübeck offenbart weiteren Gesprächsbedarf – und Konfliktpotientiale

Lärm, Erschütterungen und Emissionen: Um die Auswirkungen der Hinterlandanbindung auf Mensch und Umwelt sollte es gestern eigentlich im Rahmen eines „Scoping“-Verfahrens gehen. Auf Einladung des Eisenbahnbundesamtes waren rund 100 Vertreter des Kreises Ostholstein, der Gemeinden, von Verbänden und Bürgerinitiativen in die Bundespolizeiakamdemie in Lübeck gekommen. Doch die waren mehr an Informationen zu Trassenverläufen und zahlreichen Details interessiert, machten gegenüber der Bahn-Vertretern ihren Bedenken Luft.

Vor gut einem Monat hatte es zuletzt ein Forum in Bad Schwartau gegeben, bei dem Bernd Homfeldt, Projektleiter Schienenanbindung FBQ der DB-Projekt-Bau GmbH, vier gegenüber dem Ergebnis des Raumordnungsverfahrens optimierte Trassenführung vorgestellt hatte, „die im Rahmen der Planfeststellung als durchsetzbar erscheinen und darauf verzichten, in den betroffenen Bereichen auf die Bestandstrasse zu schwenken“, so Homfeldt. Als eine Stufe vor den Planfeststellungsverfahren sei das „Scoping“ – ein Abstimmungs-
Gespräch – dazu gedacht, Konfliktpotentiale zu erkennen, sagte Homfeldt.

Und die scheint es reichlich zu geben. Planer Peter Hermanns, Geschäftsführer von TGP-Landschaftsarchitekten, sprach von einer „überraschend hohen Zahl von Zuschriften“, die die Planer erreicht hätten. Allein sieben Seiten mit Einwänden legte gestern in Lübeck die Bürgerinitiative Pönitzer Seenplatte vor. Und Rechtsanwältin Dr. Michéle John, die 15 Gemeinden rechtlich vertritt, brachte gleich eine ganze Reihe von Bedenken zur Sprache. So seien die Optimierungsvarianten durchaus plausibel, doch hätten die neuen Trassenverläufe zu Unsicherheiten in den Gemeinden geführt. Am Beispiel Scharbeutz sagte die Juristin in Richtung Bahn-Vertreter: „Es darf nicht der Fall sein, dass Sie mit der östlichen Variante ins Planfeststellungsverfahren gehen.“ Für alle Varianten müssten zudem die gleichen Betrachtungsweisen gelten. Auch andere Teilnehmer teilten die Bedenken, dass die „optimierten Varianten“ Planungsgrundlage sein könnten.

Und gerade in diesem Punkt hatten viele der Anwesenden so ihre Zweifel: Sechs Planfeststellungsabschnitte soll es zwischen Lübeck und Fehmarn geben – die marode Fehmarnsundbrücke sei jedoch in den Trassen-Planungen separat aufgeführt. „Daraus kann sich ein anderer Untersuchungsrahmen ergeben, sagte Lisa Rehm, Stadtplanerin der Stadt Fehmarn. Auch Michéle John plädierte dafür, die Brücke ins Planfeststellungsverfahren mitaufzunehmen. „Da treffen Verfahren aufeinander, die eigentlich zusammen verhandelt werden müssen“, sagte John.

Zu den Gründen für losgelöste Planungen rund um die „Kleiderbügel“ titulierte Brücke äußerte sich Bahn-Vertreter Homfeldt nicht weiter, wies aber darauf hin, dass frühestens ab 2028 mit einer neuen Brücke gerechnet werden könne. „Solange müssen wir auf der alten Brücke fahren“, sagte Homfeldt. Es werde separate Verfahren inklusive extra-„Scoping“ in Sachen Brücke geben.

Ob neue Brücke oder Tunnel am Sund: Großenbrodes Bürgermeister Jens Reise sieht jeweils unterschiedliche Eingriffe in die Umwelt auf die Region zukommen. Einwände für das „Scoping“ wurden insofern auch von anderen Teilnehmern beinahe unter Vorbehalt gemacht, da vieles nicht klar oder abhängig vom jeweiligen Trassenverlauf sei. „Es fällt schwer, etwas zum Scoping zu sagen, weil ihre Angaben mangelhaft sind“, sagte Michéle John in Richtung Bahn. Wobei Homfeldt entgegnete, dass die Planungen insgesamt den rechtlichen Rahmen einhalten und auch längerfristig – ins Jahr 2030 – reichen würden.

Auch die Geschwindigkeiten der Züge wurden Thema. So wurden von verschiedenen Teilnehmern Fakten zum Zugverkehr gefordert. Kerstin Fischer von der Umweltinitiative in Ratekau hinterfragte die Zuganzahl auf der Bestandsstrecke. Bernd Homfeldt entgegnete, dass das von den jeweiligen Geschwindigkeiten abhänge, wie viele Züge fahren könnten. Teilweise sei die Strecke auf 160 km/h ausgelegt, mittlerweile gebe es Überlegungen von seiten des Bundes, sogar 200 km/h zu ermöglichen, so Homfeldt. Letzteres jedoch nur auf den Neubaustrecken.

Die Tempo-Thematik erntete weitere Fragen rund um den Schallschutz, zu Erschütterungen und den geänderten Planungen – denn bei 200 km/h auf der Strecke müssten viele Querungen neu überdacht werden, hieß es aus dem Plenum.

Mehr und mehr schien sich das „Scoping“-Verfahren vom eigentlich Umwelt-Thema hin zu Verfahrensfragen zu verlagern. Es wurde kritisiert, dass die sechs einzelnen Planungsabschnitte lediglich die Gesamtkosten verschleiern und dass touristische Aspekte nicht ausreichend berücksichtigt würden.

Da bei dem „Scoping“-Verfahren der vorläufige Untersuchungsrahmen der Umweltverträglichkeitsstudie festgelegt wird, lenkte Cornelia Petzold vom Eisenbahnbundesamt das Abstimmungs-Gespräch letztlich wieder mehr in Richtung der zu betrachtenden Schutzgüter Mensch, Tiere, Klima und Boden. Holger Schädlich, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, plädierte für
einen stärkeren Schutz des Bodens. „Es muss die Bestandstrasse ausgebaut werden“, sagte Schädlich. Andere Varianten würden zu viel wertvolle Agrarflächen in Anspruch nehmen.

Ratekaus Bürgermeister Thomas Keller schlug in seinem Wortbeitrag eine ähnliche Richtung ein. So wünschte Keller sich Informationen, in welchem Umfang es zu Kies- und Sandabbau im Zuge der Bauarbeiten für die Trasse kommen werde. „Das wäre eine neue Verlagerung von Interessen“, sagte Keller.

Planer Peter Hermanns schien die Bedenken zu teilen: „Wir müssen zu einer flächensparenden Lösung kommen.“

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erstellt am 19.Feb.2015 | 14:21 Uhr

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