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Ostholsteiner Anzeiger

21. Oktober 2017 | 18:11 Uhr

„Ich habe ihn nicht erdrosselt“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ramona R. bricht ihr Schweigen vor Gericht, kann sich an Details nicht erinnern / Verteidiger beantragt neue Begutachtung

shz.de von
erstellt am 10.Feb.2017 | 11:11 Uhr

„Ich habe diese Tat nicht begangen, weil so etwas nicht in meiner Natur liegt“, sagt Ramona R. (34). Der dreifachen Mutter aus Eutin wird vorgeworfen, dass sie ihren jüngsten Sohn Juri im April mit dem Schlafsack erdrosselt haben soll. Bei der Polizei hatte sie den Tod des zweieinhalb Jahre alten Jungen als Unfall dargestellt. Im Prozess vor dem Lübecker Landgericht schwieg sie bisher.

Gestern schilderte sie den letzten Tag in Juris Leben als „ganz normal“ – an entscheidende Details der Nacht könne sie sich nicht erinnern. „20.30 Uhr habe ich ihn ins Bett gebracht und mich danach aufs Sofa gesetzt und Fußball geschaut“, sagte die 34-Jährige. Anschließend sei sie ins Bett gegangen, habe gegen Mitternacht noch einmal nach Juri gesehen. Erst am Morgen, als sie Juri wecken wollte, habe sie festgestellt, dass er nicht mehr lebt. „Ich habe sofort den Notarzt gerufen, die haben geschaut, ob sie noch etwas für ihn machen können.“ Tränen. „Für mich ist an diesem Tag die Welt stehen geblieben“, sagte Ramona R..

Auf Vorhaltungen des Gerichts, dass ihre Schilderungen verglichen mit der bisherigen Beweisaufnahme „fast harmonisch“ klängen, sagt sie: „So war es auch. Ich habe ihn nicht erdrosselt. Das stimmt hundertprozentig nicht. Das liegt gar nicht in meiner Natur.“

Erst als der Richter minutengenaue Auszüge der Chatverläufe per Whatsapp verlas, sprach sie vom Streit mit Michael S., daran, dass jeder in seiner Ecke auf dem Sofa saß und die Kommunikation ausschließlich über das Handy erfolgte. „Ich würde alles für dich tun, sogar sterben“, schrieb die Angeklagte ihm demnach kurz vor halb acht Uhr abends. „Die Beziehung stand auf der Kippe, das stimmt. Aber wir haben uns bisher immer wieder zusammengerauft“, räumte Ramona R. ein.

Zwischen 19.57 Uhr und 20.40 Uhr ist im sonst so häufigen Whatsapp-Chat eine Pause. Genau für diesen Zeitspanne bis maximal 22 Uhr hatte der Rechtsmediziner den Todeszeitraum des Jungen bestimmt. „Da hatte ich mein Handy in der Hosentasche, als ich Juri ins Bett gebracht habe.“ Auch an diesem Abend musste Juri das Aufstehen-Hinsetzen-Spiel bis zur Ermüdung „spielen“. „Es war vielleicht nicht die beste Erziehungsmethode“, sagt sie, „aber er wurde irgendwann müde und brachte mir das Schäfchen aus seinem Bett.“ Sie habe ihm den Schlafsack angezogen, Juri sei noch einmal zu Michael S. ins Wohnzimmer gelaufen und habe ihn dann in sein Bettchen gelegt. „Wie hat er da gelegen?“, wollte der Vorsitzende Richter wissen. „Ich habe ihn auf den Rücken gelegt, ob er noch auf dem Rücken lag, als ich raus bin, weiß ich nicht mehr.“ Auch an die Situation, wie sie Juri morgens aufgefunden habe, habe sie keine genauen Erinnerungen. „Ich weiß es nicht, es ist alles schon so lange her“, sagte die Angeklagte gestern. Ihre Angaben bei der Polizei kurz nach Juris Tod waren detaillierter: blaue Lippen, ihr Lebensgefährte habe helfen müssen, ihn auf das elterliche Bett zu legen, sein Körper sei ganz kalt gewesen. Wann immer es Widersprüche mit der polizeilichen Vernehmung gab, kam die Antwort: „Ich weiß es nicht mehr, ich kann mich nicht erinnern.“

Der Richter gab sich damit nicht zufrieden: „Was ist denn Ihre Erklärung, wie Juri gestorben ist? Ihr Lebensgefährte war nicht im Zimmer, ein Unfall wurde vom Gutachter ausgeschlossen. Wie soll es passiert sein?“ Sie habe keinerlei Ahnung. „Ja, ich war manchmal überfordert mit ihm und ja, ich war auch lauter, als ich hätte sein dürfen. Aber ich habe ihn geliebt, er war mein Ein und Alles. Seit Juris Tod steht die Welt für mich still“, sagte Ramona R. schluchzend. Sie räumte auch die angesprochenen Schläge und Beleidigungen ein, „da ist mir mal die Hand ausgerutscht“. Richtig emotional wirkt die Angeklagte erst in der Befragung durch ihren Verteidiger Andre Vogel. Sie habe sich bei Juri reifer und erwachsener gefühlt als bei ihren beiden ersten Kindern. Diese wurden vor rund zehn Jahren in Obhut genommen, weil der Angeklagten damals die Erziehungsfähigkeit aberkannt wurde (wir berichteten). „Ich wollte bei Juri alles richtig machen. Habe mich seit der Schwangerschaft wieder als vollwertiger Mensch gefühlt.“

Auf die Frage, woran sie die große Liebe festmache, die sie für Michael S. empfinde, sagte sie:„Er war immer für mich da, wenn es mir schlecht ging. Er hilft mir, schreibt mir auch jetzt viele Briefe.“ Für die psychiatrische Gutachterin war dies eines von vielen Zeichen, dass Ramona R. aufgrund ihrer Art der Persönlichkeitsstörung zu keiner tiefen emotionalen Bindung in der Lage sei. R. habe furchtbare Angst vorm Alleinsein, ob Tier oder Mensch, die Objekte an ihrer Seite seien austauschbar. Die Gutachterin hatte sich für eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik ausgesprochen.

Doch Vogel äußerte Zweifel an der Richtigkeit des Gutachtens und beantragte „auf ausdrücklichen Wunsch der Angeklagten“ ein weiteres psychiatrisches Gutachten. Die erste Sachverständige habe seine Mandantin nicht sorgfältig genug befragt, so Vogel. Staatsanwaltschaft und Nebenklage beantragten, dies abzulehnen. Nebenklagevertreter Thomas Görtzen begründete: „Nur weil das Ergebnis nicht stimmt, muss das Gutachten nicht falsch sein.“ Die erste Große Strafkammer entscheidet bis zum 17. Februar über den Antrag der Verteidigung. Danach sind die Plädoyers geplant. Ein Urteil wird Ende des Monats erwartet.

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