„Ich frage nicht, wie lang’ ich noch hab“

Zwischenstopp der Deutschlandtour: Hans Böge wurde in Eutin von Margret Möller empfangen.
Zwischenstopp der Deutschlandtour: Hans Böge wurde in Eutin von Margret Möller empfangen.

Krebspatient Hans Böge (73) radelt durch Deutschland, um anderen Mut zu machen und Spenden für arme Erkrankte zu sammeln

shz.de von
30. Mai 2018, 00:10 Uhr

Sein Humor ist trocken, sein Engagement ungebrochen, sein Lebenslauf gezeichnet von Krebs: Hans Böge (73) radelt unter dem Namen „Opa Hans“ als Botschafter für den guten Zweck und gegen den Krebs. Als Betroffener will er informieren und aufklären, Mut machen und zum Hinschauen animieren.

Gestern stoppte Böge vor seiner Weiterfahrt nach Lübeck auf dem Eutiner Marktplatz, um sich in das Goldene Buch der Stadt einzutragen. „Ich finde das eine Ehre, nicht alle sind bereit mich zu empfangen und mir zuzuhören“, sagte Böge. Eutin ist es. Bereits zur Landesgartenschau kam er angeradelt und wurde vom Bürgervorsteher Dieter Holst eingeladen, doch noch mal zum Eintrag ins Goldene Buch zu kommen, um die Aktion publik zu machen. Gesagt, getan. Margret Möller empfing Böge nun gestern vorm Rathaus als stellvertretende Bürgervorsteherin: „Ich bin total beeindruckt von dieser Leistung und seinem Einsatz für die Sache. Jeder Mensch kann an Krebs erkranken und es ist wichtig, Menschen, die Hilfe brauchen, zu unterstützen.“

Böge radelt sein Leben lang, für die Aufklärung über die eher unbekannte Art des Mundhöhlenkrebs radelt er seit seiner eigenen Diagnose. Er will in Hauptstädten, Regierungssitzen, Pflegeheimen und Rathäusern nicht nur darauf aufmerksam machen, dass es diese Krankheit gibt, sondern auch für den Verein „Auszeit für die Seele“ Spenden sammeln, die es ermöglichen, in Grundsicherung gefallenen Erkrankten und ihren Familien eine Woche Urlaub zu finanzieren. „Es ist wichtig, damit die Kinderherzen in dieser schweren Zeit auch einmal wieder etwas zum Lachen haben“, sagte Böge. Und er weiß, wovon er spricht.

Er war zwölf Jahre alt, da starb sein Vater an Leukämie. Ein Jahr darauf verlor er seine Mutter wegen Unterleibskrebs. Das Waisenkind nahm ein benachbarter Bauer auf, der damals eine billige Arbeitskraft brauchte. Mit 15 Jahren ging er zu Verwandten nach Berlin, weil er sich nicht weiter ausbeuten lassen wollte. Bis zur Rente arbeitete er dort bei einer Flughafengesellschaft und kam danach in seine alte Heimat zurück – nahe Reher (Kreis Steinburg).

2009 begleitete er einen Freund, „dessen Leben nicht so gut verlaufen war“, von dessen Diagnose Zungenkrebs bis zum Tod und merkte, wie schwierig es war, mittellos gute Therapien zu finden und „vor allem dann auch hinzukommen“. Im Jahr danach, am 13. August 2010, sein Freund war gestorben, bekam Hans Böge selbst die Diagnose Zungenbodenkrebs. „Ich hab im ersten Moment gedacht, mein Leben ist zu Ende“, erinnert er sich. Ein Operations- und Therapiemarathon begann. Ein Teil der Zunge wurde entfernt, aus dem Unterarm ein neues Stück geformt. Lebensmut gab ihm neben seiner Familie das Radeln. „Ich habe schon immer Freude am Radfahren gehabt und das hat mir in dieser Zeit neue Kraft gegeben“, sagt Böge. Radfahren sei, das empfahlen ihm alle Ärzte, das Beste, das jeder Patient selbst gegen die Krankheit machen könne. „Ich war seit meiner Jugend sozial eingestellt und wollte Menschen in Notlagen helfen. Als die Idee kam, Spenden für Betroffene zu sammeln und gleichzeitig Informationen über die Erkrankung im Land zu streuen, überlegte er nicht lange. Die aktuell begonnene Tour durch Deutschland – 2000 Kilometer in drei Wochen – führt Böge bis nach München, durch das Saarland und wieder nach Hause. Gute 10 000 Kilometer radelt er im Jahr. „Ich frage nicht, wie lang’ ich noch habe. Wenn es so weit ist, fall ich einfach um. Und bis dahin, mach ich das, was mir Spaß macht und anderen hoffentlich Mut“, sagte Böge.

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