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Ostholsteiner Anzeiger

18. August 2017 | 16:42 Uhr

Hussein Mirzaiy hat ein klares Ziel

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

19-Jähriger aus Afghanistan absolviert eine Fachverkäufer-Lehre bei der Eutiner Bäckerei Klausberger / Der junge Mann ist von Abschiebung bedroht

Für Bäckermeisterin Anja Klausberger und ihren Mann Hans-Peter Klausberger war es ein guter Tag, als sich 2016 Hussein Mirzaiy aus Afghanistan bei ihnen um eine Ausbildung bewarb. Der 19-Jährige begann Anfang November sein erstes Lehrjahr auf dem Weg zum Fachverkäufer im Nahrungsmittelhandwerk, Fachbereich Bäckerei, und er hat klar ein Ziel vor Augen. „Wir haben uns über die Bewerbung sehr gefreut“, erklärt Hans-Peter Klausberger im Hinblick auf den herrschenden Fachkräftemangel, „Bäcker suchen mehr als es Bewerber gibt.“

Also lud man Hussein zu einem dreitägigen Praktikum ein. „Das reicht aus, um zu sehen, ob jemand mit den Kollegen harmoniert, ob er sich selbst die Ausbildung so vorgestellt hat und ob es mit der Sprache funktioniert, das alles kann man nach drei Tagen schon sagen“, erklärt der Chef. Bei ihm entscheiden die Mitarbeiter mit darüber, wer eingestellt wird, da Kollegen mit einer Ausbildereignungsprüfung die Lehrlinge ebenso ausbilden wie Chef und Chefin. Von den 48 Mitarbeitern ist ein Lehrling in der Backstube, fünf lernen im Verkauf. Offenbar stimmte die Chemie, und auch die deutsche Sprache beherrscht Hussein sehr gut.

Damals, nach seiner Ankunft in Eutin, zog er in die Wohngruppe des Kinderschutzbundes für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ein und belegte bei der
VHS Lübeck sechs Monate einen Deutschkursus. An der Kreisberufsschule Eutin erwarb er den Hauptschulabschluss. Zwei Tage die Woche geht er nun in die Berufsschule, wo er auch Backen lernt, drei Tage ist er im Betrieb.

„Ich bin nicht der beste Schüler, eher so mittel“, schmunzelt Hussein. „Ich habe schon viel gelernt, was man lernen muss: Kunden bedienen, kassieren, Warenpräsentation, Fachkunde, viel Theorie.“ In Lübeck in der überbetrieblichen Ausbildungsstätte hat er gerade eine Woche verbracht, um sich auf die Abschlussprüfung vorzubereiten. Dort lernt man die Praxis: Ware zu dekorieren, Verkaufsgespräche zu führen.

„Es gibt schwierige Kunden, eilige Kunden, man muss immer freundlich sein, der Kunde ist König, egal, ob er schräg ist, oder nicht“, weiß Hussein. Klausberger findet es schade, dass es in der Berufsschule zwar Englischunterricht, aber keinen Deutschunterricht gibt, denn das wäre sinnvoll. Bemerkenswert findet er, dass Hussein die Lehre begonnen hat, obwohl er jetzt weniger Geld bekommt als mit reinem Flüchtlingsstatus. Da er kein Bleiberecht habe, gebe es keine Berufsausbildungsbeihilfe (BaB). So hat Hussein nur seine Ausbildungsvergütung (Lohn) und erhält die Hälfte der Miete als Wohngeld.

Mit Hilfe seines Ausbildungsbetriebs hat er Klage gegen einen Abschiebebescheid eingereicht. „Ich rechne damit, dass er die Ausbildung zu Ende macht und danach zwei Jahre Duldung erhält“, sagt Klausberger. „Wir bilden ja aus, um die Stellen besetzen zu können. Es ist wichtig, dass ausgebildete Fachkräfte in Deutschland bleiben können. Es ist eine sichere Arbeit, und das trifft auf alle Handwerksberufe zu.“ Hussein kann sich ein Zurück nicht vorstellen. „Ich möchte gern hier in Deutschland bleiben. Mein Wunsch ist es, nach der Ausbildung eine eigene Filiale oder Cafeteria zu führen“, sagt er, der vor dreieinhalb Jahren seine Heimat wegen des Krieges verließ. Seine Eltern und Brüder flohen ebenfalls und leben im Iran. Irgendwann, das ist sein Traum, würde er gern seine Eltern nach Deutschland holen. Außer Hussein bildet der Betrieb Ali Ismaeli (23) zum Bäcker aus. Er ist im dritten Lehrjahr und hat im Sommer Prüfung. Klausberger will
ihn übernehmen. Außerdem schnuppert aktuell ein Praktikant aus Ägypten in den Bäckeralltag hinein.

Morgen lesen Sie: Nabil Othmany aus Syrien lernt das Friseurhandwerk.

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erstellt am 12.Apr.2017 | 13:42 Uhr

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