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Ostholsteiner Anzeiger

17. Oktober 2017 | 12:00 Uhr

Hunde stehen nicht auf der Speisekarte

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 07.Dez.2016 | 12:27 Uhr

Wenn man in seinem nunmehr dritten Monat in China is(s)t, dann sollte einen eigentlich nicht mehr viel schockieren können. Immerhin verspeist man ja täglich Hund, Katze, Nasenbär und andere Haustiere...

Erst einmal: Nein! Wir essen hier nicht jeden Tag solche Abstrusitäten. Der Durchschnittsbewohner von Yunnan hält sich eher einen meistens süßen, eher kleinen Hund, als ihn zu verspeisen. Wenn man die meisten auf das Thema anspricht, reagieren sie schockiert: Hunde seien doch nicht zum Essen da.

Aber zum Glück kann aufatmen, wer ein Vorurteil hegt: Einige Freiwillige haben mir berichtet, sie hätten schon Hund kosten dürfen – und auch Esel soll auf der Speisekarte gestanden haben. Außerdem soll Hund in der Provinz Jiangxi fest in der Fleischauswahl verankert sein, wurde mir zugetragen.

Hier in Pu’er verhält sich das etwas anders, aber das Grundprinzip dürfte in China, wenn nicht sogar in vielen ostasiatischen Ländern das Gleiche sein: Wenn man an einer Straße entlanggeht, stößt man früher oder später auf mehrere Straßenstände, an denen es verschiedene Spezialitäten gibt, darunter gegrillten Tofu, frittierte Bananen oder auch frittierte Kartoffeln.

Typisch für Yunnan ist der Klebereis, aus dem man sich dann aus diversen Zutaten (wie Kartoffeln, Fleisch oder Bambus) sein ganz eigenes Geschmackserlebnis zusammenstellen kann. In gewisser Weise ist dies also schon der „Döner Yunnans“. Diese Spezialität fanden wir auch vor kurzer Zeit abends an unserer Tür hängen: Wir hatten uns mit einem Mitarbeiter beim Supermarkt „Walmart“ schon vor längerer Zeit angefreundet – und dieser dachte sich, dass man uns mal einen Gefallen tun könnte.

Er war mit uns auch schon Angeln. Das hat aber wenig mit unserer Art des Angelns zu tun: In China fährt man an einem schönen Sonntag zu speziell angelegten Tümpeln, kauft sich dort eine einfache Plastikangel, schmeißt den Haken in den Tümpel und wartet einen Moment, bis die massenhaft im Wasser schwimmenden Fische anbeißen – so zumindest die Theorie. Deutsche scheinen aber aufgrund ihrer (vielleicht angeborenen) Begeisterung für Geduldsangeln nicht in der Lage zu sein, von diesem schnellen Nektar des Erfolges kosten zu dürfen.

Nach knapp eineinhalb Stunden hatten wir beinahe einen Fisch gefangen – und unser Begleiter war schon fix und fertig mit den Nerven. Chinesen laden in solchen Situationen alle Schuld auf sich, selbst, wenn es auf einmal anfangen würde zu regnen oder das Ende der Welt vor der Tür stünde: Sie würden sich ohne Unterlass entschuldigen. So haben wir uns dann bereits geangelte Fische bestellt und verspeist. Natürlich mit Stäbchen. Es verwundert manche Chinesen, dass es Ausländer gibt, die Stäbchen halbwegs elegant benutzen.

Wenn uns der Hunger auf etwas Größeres als nur ein paar gegrillte Stückchen Tofu überkommt, sind die Möglichkeiten sehr vielfältig: Wir könnten unseren Reiskocher (dieses Gerät gibt es in China so wie in Deutschland die Kaffeemaschine – also nahezu überall) benutzen oder wir könnten in das Viertel gegenüber der Universität gehen und uns dort an diversen „Buden“ gütlich tun: Diese verfügen auch über Sitzplätze und einen Stromanschluss. Hier bleibt dann die Qual der Wahl zwischen Reis mit diversen Beilagen, einer Nudelsuppe (bei der dann auch wieder die Wahl zwischen diversen Nudelsorten besteht) oder „Shaokao“, dem chinesischen Grillfleisch. Dies ist wohl das identitätsstiftendste Gericht für jede Region: Egal, wo man hinkommt, man kriegt zu hören, hier sei das Shaokao am besten, am schärfsten, am süßesten,… und es ist wirklich überall anders! Schon wenn man 300 Kilometer durch Yunnan fährt, was in China eine Winzigkeit ist, ist das Shaokao komplett anders.

Viele Buden betreiben auch mehrere Gewerbe gleichzeitig: Mittags gibt es Reis und abends Shaokao. Viele Studenten verbinden das Shaokao-Gelage mit einem Besäufnis und bestellen mehrere Liter (hauchdünnes) chinesisches Bier dazu.

Beim Lesen könnte es einem vielleicht so vorkommen, als würden wir immer nur essen, genug scheint es zu geben – und der Preis stimmt auch: eine Nudelsuppe kostet einen Euro (sieben Yuan), der Shaokao-Abend lässt sich mit dem Doppelten bestreiten. Aber wir machen natürlich auch noch was anderes als für Essen Geld auszugeben: Wir werden zum Essen eingeladen.

So hatte vor kurzem eine (mittlerweile) gute Freundin und Studentin Geburtstag, und wir waren mit ihr essen. Dann geht man in ein Restaurant mit drehbaren Glasplatten. Yunnan ist für seine Minderheiten bekannt. Wenn man essen geht, dann häufig in ein Restaurant, in dem minderheitentypische Gerichte serviert werden: Diese sind dann meistens noch schärfer als das normale Essen (das es auch schon in sich hat) oder auch gerne mal sehr süß – und dies wird dann auch meistens mit den Fingern oder mit Handschuhen gegessen.

Am Anfang des Monats hat es uns nach Laodabao, ein kleines, sehr ursprüngliches Dorf, verschlagen. Es ist dafür bekannt, dass die dort lebenden Angehörigen der Lahu Christen sind und sie die Gitarre von den westlichen Missionaren übernommen und in ihre Lieder integriert haben. Wir waren eigentlich dort, um für eine Werbung gefilmt zu werden. Jeder Abend artete jedoch in ein mächtiges Gelage aus, bei dem auch ordentlich Reiswein floss.

Dieses Teufelsgebräu scheint bei den Angehörigen der Minderheiten nicht viel auszulösen, dafür bei Ausländern umso mehr. Und natürlich will ein jeder mit einem anstoßen, die Damen können dem relativ leicht entkommen, als Mann hat man jedoch keine Chance.

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