zur Navigation springen
Ostholsteiner Anzeiger

17. Dezember 2017 | 17:15 Uhr

Inklusion : Hofft Jannik vergeblich auf Malente?

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Ein Zwölfjähriger aus Benz würde trotz Handicap gerne die Schule an den Auewiesen besuchen – doch die Politik ringt mit möglichen Kosten für die Gemeinde

shz.de von
erstellt am 28.Mai.2014 | 15:00 Uhr

Jannik ist ein aufgeweckter Schüler. Er spielt Fußball, ist in der Jugendfeuerwehr und fegt leidenschaftlich gern mit dem Aufsitzmäher über den Rasen. Demnächst will der Fünftklässler auf die Schule an den Auewiesen in Malente wechseln: „Ich hab mich richtig gefreut, dass ich auf diese Schule gehen kann“, sagt der Zwölfjährige, der mit seiner Familie in Benz wohnt und derzeit noch in Schönwalde, einer Zweigstelle des Kastanienhofs Oldenburg, zur Schule geht.

Doch mittlerweile scheint es unsicher, ob er wirklich in Malente zu einer weiterführenden Schule gehen darf. Der Grund: Jannik leidet an einer Nervenerkrankung, die sich auf seine Muskeln auswirkt. Deshalb hat er Schwierigkeiten beim Treppensteigen und kommt leicht aus dem Gleichgewicht, wenn ihn jemand anrempelt. Die Gemeindeverwaltung will daher erst einmal gutachterlich ermitteln lassen, ob Janniks Sicherheit gewährleistet werden kann, falls in der Gemeinschaftsschule ein Feuer ausbrechen sollte.

Für das Gutachten steht im Entwurf für den Nachtragshaushalt ein Betrag von 20 000 Euro. Das erschien manchem Gemeindevertreter unverhältnismäßig viel (wir berichteten), zumal damit noch keine Umbaumaßnahmen finanziert sind. Es wurde diskutiert, ob die Gemeinde gezwungen werden kann, die nötigen baulichen Voraussetzungen zu schaffen, um einem körperbehinderten Kind die Teilnahme am Unterricht zu ermöglichen oder ob das Kind dann nicht eine andere Schule besuchen müsste. Der Finanzausschuss versah den Betrag erst einmal mit einem Sperrvermerk, bis diese Frage geklärt ist.

Doch bei der Diskussion im Finanzausschuss gingen die Ausschussmitglieder offenbar in einem Punkt von völlig falschen Voraussetzungen aus. Nämlich beim betroffenen Schüler selbst. Denn der ist zurzeit, anders als es in der Diskussion immer wieder hieß, keineswegs auf einen Rollstuhl angewiesen. Zwar hat Jannik zwei Rollstühle, einen mit Elektroantrieb und einen handbetriebenen. Doch die benutzt er zurzeit kaum: „Nur manchmal aus Spaß“, sagt Jannik – oder für längere Strecken.

Janniks Mutter, Bettina Modrow, erfuhr von den Überlegungen der Gemeindeverwaltung und des Finanzausschusses erst durch die Berichterstattung im Ostholsteiner Anzeiger. „Wütend und enttäuscht“ sei sie über die Diskussion. „Ich war auf 180.“ Schließlich habe man bereits am 21. Februar ein Koordinierungsgespräch geführt, an dem unter anderem die Schulleiterin der Aueschule, eine Vertreterin der Gemeinde als Schulträger sowie ihr Mann und sie selbst teilgenommen hätten. Danach sei eigentlich klar gewesen, dass Jannik in Malente zur Schule gehen werde.

„Das ist seelische Grausamkeit, was man dem Kind jetzt antut“, sagt die 45-Jährige. Ihr missfällt vor allem, dass sich niemand die Mühe mache, mit ihnen zu sprechen: „Die reden sich heiß für gar nichts, ohne überhaupt mit uns als Familie gesprochen zu haben.“ Ihr laufe nun langsam die Zeit weg. Der Beginn der Sommerferien sei nicht mehr fern, und sie wisse immer noch nicht, wo ihr Sohn zur Schule gehen könne, kritisiert die dreifache Mutter.

Sie hat bereits das Gespräch mit Schulleiterin Astrid Fock gesucht – gemeinsam mit Jannik. Als diese ihn gesehen habe, sei sie sehr überrascht gewesen, wie mobil er sei. Und sie habe ihm gesagt, dass die Lehrer ihn gerne an der Schule hätten. Doch der Ball liegt jetzt bei der Gemeinde als Schulträger. Das letzte Wort hätte im Streitfall der Schulrat des Kreises Ostholstein, Manfred Meyer. Der habe selbst vorgeschlagen, dass ihr Sohn die Schule in Malente besuchen solle, berichtet Janniks Mutter.

Dass Jannik das Zeug dazu hat, davon ist auch sein großer Bruder Marcel überzeugt. „Er würde das in Malente schaffen“, sagt der 24-Jährige. Denn er weiß, was Jannik zu leisten im Stande ist, etwa beim Sport: „Beim Fußballtraining wird er von den Erwachsenen wie ein normales Kind behandelt.“ Außerdem würde er in Malente einen Schulbegleiter zur Seite gestellt bekommen. Der soll ihm etwa den Ranzen abnehmen, damit Jannik die Treppen schafft. Und er soll zum Beispiel darauf achten, dass andere Kinder ihn nicht über den Haufen rennen.

Wahrscheinlich muss die Schule an den Auewiesen früher oder später ohnehin so umgebaut werden, dass hier auch Rollstuhlfahrer zur Schule gehen können. So fordert die bereits 2009 beschlossene UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, ein Bildungssystem zu schaffen, in dem Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden. Zu den Unterzeichnerstaaten gehört auch Deutschland.

In seinem Fall kann Malente den Umbau in aller Ruhe planen, ist Jannik überzeugt: „Das muss ja nicht von heute auf morgen gebaut werden“, sagt er und fügt hinzu: „Die haben ganz viel Zeit.“ Denn noch kommt er ganz gut ohne Rollstuhl klar. „Jannik ist ein Kämpfer“, sagt seine Mutter. Als er zwei gewesen sei, habe sie aus ärztlichem Mund gehört, er werde niemals laufen können.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen