Hoffnung für die Kinder von Tierra Bomba

Der Blick von der Stiftung „Amigos del Mar“ aus: links die Häuser der einfachen Inselbewohner, am anderen Ufer die Skyline des Reichenviertels „Boca Grande“.
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Der Blick von der Stiftung „Amigos del Mar“ aus: links die Häuser der einfachen Inselbewohner, am anderen Ufer die Skyline des Reichenviertels „Boca Grande“.

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02. März 2017, 13:14 Uhr

Vom überdachten Hof und der angrenzenden Gemeinschaftsküche der Stiftung „Amigos del Mar“, zu deutsch „Freunde des Meeres“, blickt man auf die Skyline Boca Grandes, den luxuriösesten Stadtteil Cartagenas und ganz Kolumbiens. Dort wohnen die besser situierten Kolumbianer, ausgewanderte Europäer und US-Amerikaner, die sich ein Appartement in einem der Hochhäuser mit Blick auf das Meer leisten können.

Hier auf Tierra Bomba, zehn Minuten mit dem Motorboot vom Festland entfernt, leben 86 Prozent der Einwohner unter der Armutsgrenze. Die Bewohner, hauptsächlich Kolumbianer mit afrikanischen Wurzeln, deren Vorfahren zur Kolonialzeit als Sklaven aus Afrika verschleppt wurden, fühlen sich von der Regierung komplett vernachlässigt. Die Insel hat so viele Einwohner wie Eutin und es mangelt an allem: es gibt weder eine geregelte Strom- und Wasserversorgung, noch befestigte Straßen, geschweige denn Parkanlagen oder Sportplätze.

2011 kam Pedro Salazar auf die Insel. Der 29-Jährige kommt aus Cali, einer kolumbianischen Großstadt an der Pazifikküste. Er hat dort Audiovisuelle Kommunikation studiert. Er kaufte das Grundstück einer ehemaligen Hotelanlage auf Tierra Bomba. Ihr Standort auf dem Hügel, im Herzen des Dorfs, wurde ihr zum Verhängnis, da den meisten Hotelgästen das Ambiente und die Nähe zu den prekären Lebensumständen der Inselbewohner nicht gefiel. Dort, wo man von dem Elend der Inselbewohner nichts mitbekommt, ziehen die Strände Tierra Bombas durchaus Touristen an.

Wenn meine Mitfreiwillige Kimberly und ich freitags auf die Insel rüber fahren wollen, werden wir meist schon mit Angeboten zur Überfahrt auf die Insel belagert, bevor wir überhaupt aus dem Taxi ausgestiegen sind. Natürlich mit dem typischen „Gringo“-Aufschlag. Mit „Gringos“ sind hauptsächlich US-Bürger gemeint. Der Terminus ist meistens neutral, kann aber auch durchaus abfällig gemeint sein. Wenn wir allerdings erklären, dass wir zum „Mono“ wollen, reduziert sich der Preis schnell wieder auf ein Fünftel. Mono kann auf deutsch „Affe“, aber auch „Blonder“ heißen.

Monos Stiftung „Amigos del Mar“ besuchen täglich Kinder vor und nach der Schule, um Englisch zu lernen, Fußball zu spielen oder um mit Pedro und den Freiwilligen aus Luxemburg, Frankreich, Dänemark und der Schweiz zu basteln. Hierbei werden hauptsächlich recycelte Materialien verwendet: Blumen aus bemalten Eierkartons und Toilettenpapierrollen, mit Eierschalenmosaiken beklebte Weinflaschen, ein Spiegelrahmen aus Plastiklöffeln und das Logo – eine Welle im Meer – aus blauen und weißen Plastikdeckeln schmücken die Räume der Stiftung.

Es gibt generell ein großes Müllproblem in Kolumbien. Das Müllentsorgungssystem weist deutliche Lücken auf und die Menschen sind größtenteils nicht ausreichend über das Thema Umweltschutz informiert. Dort, wo die Lebensumstände am schwierigsten sind, wird dieses Problem besonders deutlich.

Bei „Amigos del Mar“ ist die Plastikverpackung der Kekse, die als Snack verteilt werden, die Währung und gilt als Preis für einen Becher Limonade. So sollen die Kinder lernen, ihren Müll korrekt zu entsorgen. Da Pedro begeisterter Wassersportler ist, fährt er mit einer Gruppe Kindern zweimal in der Woche ans andere Ufer, an den Strand von Boca Grande und bringt ihnen das Surfen bei.

2014 und 2016 war er mit drei von ihnen auf der „Panamerica de Surf“, einem Surfkontest in Peru, wo sie mehrere Surfbretter für die Stiftung gewannen. Pedros Mission ist es, den Kindern der Insel eine Perspektive und sinnvolle Beschäftigung zu geben und sie damit vor Kriminalität, Prostitution, Arbeitslosigkeit, früher Schwangerschaft oder der Rekrutierung für eine der Gruppierungen des bewaffneten Konflikts zu bewahren.

Die kleine Milagro, auf deutsch „Wunder“, ist taubstumm. Sie kann sich nur durch Laute, Gestik und Mimik verständigen. Wenn Pedro Musik über seine kleine Musikbox laufen lässt, hält sie sich das Gerät ganz dicht ans Ohr und tanzt vergnügt um die Tische herum. Sie scheint doch vereinzelt Klänge wahrnehmen zu können.

Alba arbeitet für drei Monate als Freiwillige bei „Amigos del Mar“. Sie wurde in Bogotá geboren und mit zwei Jahren von einer dänischen Familie adoptiert. Ihr richtiger Name ist eigentlich Pernille, aber da dies so klingt wie das spanische Wort für Putenkeule, nennen sie die Kinder hier nur bei ihrem zweiten Vornamen. Mit Blick auf Milagro, die sie auf ihrem Arm trägt, sagt sie: ,,Ich könnte eines dieser Kinder hier sein”. Wenn ich an ihre Worte denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut.

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