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Ostholsteiner Anzeiger

24. Oktober 2017 | 11:14 Uhr

Hoffnung auf Frieden bleibt

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 07.Dez.2016 | 12:31 Uhr

Seit der Volksabstimmung Anfang Oktober sind knapp zwei Monate vergangen und im Stadtzentrum kampieren täglich hoffnungsvolle Befürworter des Friedensvertrags und freuen sich über redselige Besucher, die sich ebenfalls nicht mit dem Wahlergebnis abfinden wollen. Mehrere Friedensmärsche der Künstler- und Studentenbewegung wurden bislang organisiert, aber Kolumbien hat entschieden.

Am Tag der Abstimmung trieb Hurricane „Matthew“ gerade sein Unwesen in der Karibik und auch Cartagena war von schweren Regengüssen betroffen. Wenn es hier heftig regnet, und es regnet und gewittert derzeit nicht selten, sind viele Straßen unbefahrbar und zum Teil komplett überflutet. Es war also in mehrfacher Hinsicht ein grauer Tag für das Land. Mit sehr knapper Mehrheit stimmte die Bevölkerung bei geringer Wahlbeteiligung gegen das Friedensabkommen zwischen der Rebellenorganisation Farc und der kolumbianischen Regierung. Bei der Betrachtung des Ergebnisses fällt auf, dass die von dem bewaffneten Konflikt am meisten betroffenen Regionen zum Großteil für das Abkommen gestimmt haben.

Das Entsetzen hier bei einigen unserer Bekannten, überwiegend kolumbianische Studenten aus Cartagena, war und ist nach wie vor groß. Es ist „weltwärts“-Freiwilligen untersagt, sich im Gastland politisch zu engagieren. Und um ehrlich zu sein, denke ich, dass ich auch nach wie vor zu wenig über die Hintergründe der Konflikte in Kolumbien weiß, bevor ich mir ein fundiertes Urteil erlauben dürfte. Angesteckt von der Gruppe politischer Studenten, mit denen wir in unserer Freizeit viel Zeit verbringen, ist es allerdings schwierig, nicht doch eine gewisse Solidarität gegenüber den Befürwortern des Abkommens zu empfinden.

Natürlich waren die Volksabstimmung und die Chancen und Risiken des Vertrags im Voraus sehr häufig Thema unserer Unterhaltungen. Die kolumbianische Gesellschaft und Politik müsse in Bildung und nicht in Waffen investieren. Vielen Gegnern des Abkommens gehen die Zugeständnisse an die FARC, die der Vertrag beinhaltet, zu weit. Sie fordern eine Bestrafung der Guerillakämpfer und wollen ihnen keine politische Macht zusprechen.

Ein befreundeter Kolumbianer meinte einmal zu mir, er habe noch nie in Frieden gelebt. Besonders beeindruckt war ich auch, als einer der Studenten, nachdem er am Sonntag seine Bestürzung über das Wahlergebnis bei facebook geäußert hatte, („Colombia, te gusta la sangre (…), was so viel bedeutet wie: „Kolumbien, dir gefällt doch das Blut!“) dann die Gegner des Vertrags zum Café einlud, um zu diskutieren und sich ihre Argumente anzuhören. Meine Parteinahme geht soweit, dass ich lieber zu Taxifahrern mit einem „Sí por la Paz“ - „Ja zum Frieden“ auf der Heckscheibe ins Auto steige als zu welchen mit „Yo voto NO al plebecito“, die also bei der Volksabstimmung gegen das Friedensabkommen gestimmt haben. Die Friedensmärsche und Demonstrationen haben wir aus dem oben genannten Grund bis jetzt gemieden, solidarisch kleiden ich und meine Mitfreiwillige Kimberly uns dennoch in Weiß, wenn wir abends ins Zentrum fahren...

Als Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos den Friedensnobelpreis verliehen bekam, hat mich das irgendwie traurig gestimmt. Die sozialen Missstände in der kolumbianischen Gesellschaft sind nach wie vor deutlich erkennbar, aber er hat es geschafft, einen Friedensvertrag mit der Farc auszuhandeln, um den seit Jahrzehnten währenden Konflikt, der etwa 200  000 Menschen das Leben gekostet hat, zu beenden. Das Volk jedoch entscheidet mehrheitlich gegen den Frieden. Die öffentliche Debatte tendierte stark zu einem „Sí“-Entscheid für den Frieden und die Prognosen ließen Ähnliches verlauten. Nun lässt sich spekulieren, ob die Wahlbeteiligung aus diesem Grund so gering war und sich eher Protestwähler und Gegner des Abkommens aufgerufen fühlten, zur Wahl zu gehen.

Das Leben hier in Cartagena geht, soweit ich das beurteilen kann, für die meisten weiter wie bisher. Dazu muss man sagen, dass die Küstenregion auch kein direkt betroffenes Gebiet des gewaltsamen Konfliktes ist. Ein kolumbianischer Freund trägt sein Armband mit dem Slogan „Yo voto SÍ por la Paz“ („Ich stimme für den Frieden“) jetzt auf links gedreht, aber die Kinder von Actuar por Bolívar, der Stiftung, in der ich arbeite, singen weiter ihr Lied vom Frieden. Die Hoffnung bleibt, zumal die Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien fortgesetzt werden.

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