zur Navigation springen

Banger Blick nach Kiew : Hoffen auf den Erfolg der Revolution

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Gebannt verfolgt die Malenterin Oksana Stahlberg die Entwicklung in ihrer Heimat, der Ukraine. Ihr Schwager gehört zu den Demonstranten auf dem Maidan-Platz

shz.de von
erstellt am 23.Feb.2014 | 06:00 Uhr

Für Oksana Stahlberg ist es eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Angespannt verfolgt die Malenterin in dieser Woche im Fernsehen die Live-Berichterstattung über ihr Heimatland, die Ukraine. Was dort in den vergangenen Tagen passiert ist, kann sie kaum fassen. Dutzende Menschen wurden getötet, als Sicherheitskräfte gegen die Regierungsgegner vorgingen.

Vor zehn Jahren ist die Musikerin der Liebe wegen mit ihrer Tochter Alvina (25) nach Deutschland gezogen. Bei einem Auftritt hatte die 46-Jährige, die einst als Sologeigerin im Streichquintett der staatlichen Philharmonie Kiew spielte, ihren heutigen Mann kennengelernt. Auch ihre Tochter, die in Hamburg studiert, spielt Geige. Gemeinsam mit einer Pianistin treten Mutter und Tochter als Trio Voyage auf – erst vor wenigen Tagen kamen sie von einer Reise mit dem Kreuzfahrtschiff „MS Deutschland“ zurück, wo sie an Bord für die Passagiere aufspielten.

Täglich telefoniert Oksana Stahlberg mit ihren hochbetagten Eltern. Ihr Vater, einst Marineoffizier und später Architekt, ist 93 Jahre alt, ihre Mutter ist krank, leidet an Diabetes. Doch was um sie herum geschieht, bekommt das Paar, das über 60 Jahre verheiratet ist, noch mit – und zwar aus unmittelbarer Anschauung. Sie wohnen so dicht am Regierungsviertel, dass sie seit Beginn der Proteste Ende November vom Fenster ihrer Wohnung aus verfolgen können, was vor sich geht.

Die größten Sorgen macht sich die Oksana Stahlberg aber um Wiktor, den Mann ihrer jüngeren Schwester. „Er gehört vom ersten Tag an zu den Demonstranten auf dem Maidan“, berichtet sie über seine Beteiligung an den Protesten, die ihr Zentrum auf dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum Kiews, dem Maidan, haben. „Er hat schon genug riskiert, als er in Afghanistan war“, findet die Malenterin. Zu Sowjet-Zeiten kämpfte er an der Seite der Russen am Hindukusch.

Die Biografie des 45-Jährigen lässt eigentlich kaum vermuten, dass er zu den erbitterten Gegnern des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch gehört. Denn nach seiner Zeit als Soldat arbeitete er zunächst für den russischen Geheimdienst KGB und nach dem Fall des eisernen Vorhangs für das ukrainische Pendant SBU.
Als ehemaliger Afghanistan-Kämpfer ist er frühzeitig pensioniert. Zu Beginn der tödlichen Auseinandersetzungen am vergangenen Montag gelang es Wiktor, mit einer Gruppe von 15 Demonstranten in ein Wohnhaus zu flüchten. „Die Demonstranten hatten nichts, die Sicherheitskräfte gingen mit Schlagstöcken und Tränengas-Granaten auf sie los“, berichtet Oksana Stahlberg von einem Telefonat mit ihrem Schwager. „Ich habe Angst um ihn.“

Seit zehn Jahren habe es in der Ukraine keine Weiterentwicklung gegeben. „Es ist schrecklich, wenn du ein Zuhause hast, aber dich nicht zu Hause fühlst“, beschreibt Oksana Stahlberg das Lebensgefühl ihrer Familie. Wenn man in Kiew sei, merke man zunächst nichts davon. „Kiew ist eine moderne Stadt, man kann alles kaufen.“ Doch beim Blick hinter die Kulissen zeige sich, dass der Staat kaum funktioniere: Eltern müssten die Kitas selbst renovieren, und wer krank werde, könne sich nicht aufs Gesundheitssystem verlassen. Operationen oder Medikamente gebe es nur gegen Bares.

„Vor der Revolution habe ich gedacht, es gibt keine Zukunft in der Ukraine.“ Alles sei immer schlechter geworden. Jetzt habe sie die Hoffnung, dass sich irgendwann mit einem neuen Präsidenten etwas ändere, dass es eine Annäherung an die Europäische Union geben werde. „Die Ukraine ist ein tolles, interessantes Land. Die Grenze zur EU muss geöffnet werden.“

Doch wer soll das Land in die Zukunft führen? In den prominenten Boxweltmeister Vitali Klitschko setzt Oksana Stahlberg keine großen Erwartungen. „Er ist kein Politiker.“ Dennoch sei er im Aufstand gegen die Regierung eine wichtige Symbolfigur. „Bis heute ist es so, dass einfach Leute verschwinden. Ihn kann man nicht einfach verschwinden lassen, er ist weltbekannt.“

Hoffnungen setzt die Malenterin dagegen in die seit August 2011 wegen Amtsmissbrauchs inhaftierte, ehemalige Regierungschefin Julija Timoschenko. „Sie will sich nicht wie die anderen nur die Taschen vollmachen, sie denkt an die Zukunft des Landes“, glaubt Oksana Stahlberg. Vielleicht bekommt Timoschenko noch ihre Chance. Auf großen Druck unterzeichnete Präsident Janukowitsch gestern nicht nur einen Kompromiss mit der Opposition, der Neuwahlen im Dezember 2014 vorsieht. Das ukrainische Parlament beschloss auch mit großer Mehrheit, die Vorwürfe gegen die Ex-Regierungschefin nicht mehr als Straftaten zu werten.

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen