zur Navigation springen

Kino in Eutin : Hören, was im Film zu sehen ist

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Vorpremiere für den Film „Auf den zweiten Blick“ im kommunalen Kino Binchen. Regisseurin Sheri Hagen diskutierte mit dem Publikum. Blinde wünschen sich mehr Filme mit Audiodeskription.

von
erstellt am 07.Okt.2013 | 04:00 Uhr

Einen ungewöhnlichen Kinoabend erlebten rund 100 zumeist sehbehinderte Besucher am Sonnabend im Eutiner kommunalen Kino Binchen: Dort präsentierte die Berliner Regisseurin Sheri Hagen ihren Film „Auf den zweiten Blick“. Das Besondere daran: Der Film ist mit einer Audiodeskription, einer akustischen Beschreibung der Handlungsabläufe, ausgestattet. Das Publikum reagierte am Ende mit kräftigem Beifall für den „Hörfilm“.

„Das ist tolle Inklusion“, war auch Hela Michalski, Ansprechpartnerin für Hörfilme im Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein (BSVSH), begeistert. Der Verein hatte die Filmvorführung organisiert und dafür unter seinen Mitgliedern in Ostholstein, Plön und Kiel kräftig Werbung für die Vorpremiere gemacht.

Hela Michalski erinnerte an die UN-Behindertenrechtskonventionen, nach der Deutschland seit 2009 verpflichtet ist, allen Bürgern barrierefreien Zugang zum Geschehen im öffentlichen Raum zu ermöglichen. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender würden das Recht mittlerweile umsetzen. An Theatern und Kino sei es aber noch die Ausnahme. Michalskis Wunsch an die Landespolitik: Es sollte mehr Wert auf Barrierefreiheit gelegt werden. Und außerdem: Bei Filmförderungen des Landes müsse Audiodeskription zur Auflage werden.

„Es wäre schön, wenn alle Filme mit Audiodeskription ausgestattet sind – auch Blockbuster aus den USA“, meinte Bettina Wagner aus Kiel. Denn Blinde und Sehbehinderte seien auf eine Bildbeschreibung angewiesen. Von „Auf dem zweiten Blick“ erhofft sie sich, dass damit das Thema Blindheit einem breiten Publikum vorgestellt wird.

„Für Sehende ist der Film eine Herausforderung“, meinte Filmverleiher Eduard Barnsteiner, der sich auf besondere Filme spezialisiert hat. Denn Sehende würden bei dem mit einer offenen Audiodeskription (für alle hörbar) vorgestellten Film doppelte Impressionen erleben. Zum Einen die selbst gesehen Bilder, zum Anderen die von einem Sprecher vermittelten Beschreibungen.

In Sheri Hagens Episodenfilm begegnen sich im winterlichen Berlin sechs, auf den ersten Blick unterschiedliche, sehende und sehgeschädigte Menschen. Sie lernen, mit dem zweiten Blick, die Chance auf Zweisamkeit kennen.

„Wir Sehenden müssen die Barrieren zwischen den Menschen abschaffen“, betonte Hagen nach der Vorstellung. Die in Nigeria geborene, als Elfjährige nach Deutschland gekommene Schauspielerin schrieb auch das Drehbuch zum Film, in dem sich Liebe über alle kulturellen Unterschiede und über seelische und körperliche Barrieren hinwegsetzt.

Hagen selbst bezeichnete sich als Geschichtensammlerin. Die Erlebnisse der Filmfigur „Kay“ - einer jungen Frau, deren Freund sich nach einem Unfall von ihr trennte – entsprechen wahren Begebenheiten. Diese Geschichte fand Hagen interessant, so dass sie sie um das Thema Blindheit erweitert habe. „Ich wollte Sehenden den stinknormalen Menschen mit seinen Lebenshintergründen zeigen“, erklärte sie.

Bereits im Vorjahr wurde der Streifen mit dem Filmpreis des 23. Internationalen Filmfestes Emden-Norderney, 2013 mit dem Preis des 4. Kirchen- Filmfestivals Recklinghausen ausgezeichnet. Der Film läuft am Donnerstag dieser Woche bundesweit in den Kinos an, im „Binchen“ gibt es am kommenden Sonnabend, 12. Oktober, um 16 Uhr eine zweite Vorführung.





zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen