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Ostholsteiner Anzeiger

23. Oktober 2017 | 01:43 Uhr

Hobby hängt am Elektromotor

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der 51-jährige Olaf Hartmann hat Rückenprobleme und kann deshalb seinem Hobby, dem Angeln, nicht mehr nachgehen

von
erstellt am 25.Feb.2015 | 14:37 Uhr

Der 51-jährige Olaf Hartmann aus Prasdorf ist seit seinem vierten Lebensjahr leidenschaftlicher Angler. Doch 31 Berufsjahre im Gleisbau haben seinen Rücken kaputt gemacht, bestätigen ihm auch die Ärzte. Das Herausfahren mit dem Ruderboot auf den Dobersdorfer See wurde immer beschwerlicher.

Neben Olaf Hartmann sind auch andere, meist ältere Angler in seiner Anglergemeinschaft „Goden Fang“ aus Tökendorf aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen beeinträchtigt, ihrem Hobby nachzugehen. Starke Winde auf dem See, aber auch die körperlichen Gebrechen lassen langes und Kraft zehrendes Rudern nicht mehr zu. „Einige Mitglieder, die ihr Boot nicht mehr rudern konnten, sind bereits aus dem Verein ausgetreten“, sagte Olaf Hartmann.

Er hatte Glück: Fünf Jahre lang durfte Hartmann schon mit Hilfe eines Elektromotors am Ruderboot seinem Hobby im Angelverein zu „Testzwecken“ nachgehen. Doch jetzt bangt er um die bereits im September 2014 beim Kreis Plön beantragte Verlängerung der Genehmigung. Sie zu verlieren bedeutet auch für ihn das Ende seines geliebten Hobbys.

Der Dobersdorfer See ist ein ansehnliches Gewässer, das der Landessportfischerverband (LSFV) Schleswig-Holstein von der Forstverwaltung Dobersdorf für die Anglergemeinschaft „Goden Fang“ Tökendorf und den AV Schlesen gepachtet hat. Von der Forstverwaltung liegt dem LSFV als Pächter seit 2007 auch eine schriftliche, heute immer noch aktuelle Erlaubnis vor, den Dobersdorfer See mit zwei Booten und der Hilfe von Elektromotoren zu befahren. Das wird auch zur Ausübung der Fischereiaufsicht gemacht. Doch die Wasserbehörde des Kreises Plön fordert nun von Olaf Hartmann, eine auf ihn persönlich von der Forstverwaltung ausgestellte Genehmigung, dass er den See mit einem Elektromotor befahren darf. Daran hat sich bis gestern auch nichts geändert, bestätigte Björn Demmin, Sprecher des Kreises Plön, die Forderung der unteren Wasserbehörde.

Wird Hartmann Opfer der Bürokratie? „Als Inhaber eines fischereilichen Erlaubnisscheins bin ich Nutzer eines eigentumsgleiches Rechtes auf dem See“, schreibt er der Wasserbehörde. Er bezieht sich auf einen so genannten „Rudererlass“ des Ministeriums für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MELUR) vom April 2014 an die unteren Wasserbehörden. Darin steht, es sei Ziel der Landesregierung, Menschen mit Behinderungen zu unterstützen. Der Grundsatz der Barrierefreiheit sei dabei einer der Leitgedanken.

„Die Genehmigung zum Befahren des Dobersdorfer Sees mit zwei elektrobetriebenen Motorbooten wurde zum Zwecke der Fischereiaufsicht erteilt“, sagte LSFV-Geschäftsführer Robert Vollborn. Die mit dieser Aufgabe einhergehende Verpflichtung, einen der Größe und Beschaffenheit des Gewässers entsprechenden artenreichen, heimischen und gesunden Fischbestand aufzubauen und zu erhalten sowie die Gewässerfauna und -flora in und am Gewässer zu schonen und zu schützen, rechtfertige den Einsatz von Motorfahrzeugen in der begrenzten Zahl. So sei es auch in den Kreisen Herzogtum Lauenburg und Segeberg geregelt.

Der LSFV bemüht sich schon seit vielen Jahren um die Erlaubnis zur Verwendung von Elektromotoren für behinderte Menschen in Schleswig-Holstein – leider ohne Erfolg. „Die viel beschworene Barrierefreiheit gibt es bisher offensichtlich nur an Land“, sagte Peter Heldt, Präsident des 39  000 Mitglieder starken Verbandes. Und an Land gelten Elektrofahrzeuge als ökologisch sinnvoll und naturverträglich.

Fest steht: Die Nutzung von Motoren ist derzeit grundsätzlich an die privatrechtliche Genehmigung des Grundeigentümers sowie die wasserrechtliche Genehmigung der unteren Wasserbehörden gebunden. Vollborn: „Die Prozeduren der Genehmigung entfernen sich zunehmend von den realen Bedürfnissen der Gesellschaft, so auch von den Anglern.“ Ihm erscheint es unklar, warum eine private Genehmigung ausdrücklich für eine bestimmte Person ausgestellt sein muss, wenn sie sich bisher auf eine kleine Gruppe bezog, zu der der Antragsteller zweifelsfrei gehört.

Deshalb möchte der LSFV für alle Fischereirechtsinhaber einheitliche, vergleichbare und umsetzungsfähige Nutzungen der Boote und Motoren rechtssicher entwickeln und gleichzeitig gesellschaftliche Grundbedürfnisse mit beachten. „Wir streben deshalb nicht die vollständige Freigabe jeglicher Motoren für alle Nutzungen an, sondern zeitgemäße Regelungen für alle Beteiligten“, sagte Peter Heldt. Einzelfall-Entscheidungen werde es immer geben müssen.

Nicola Kabel, Sprecherin im Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MELUR), sagte: „Eine generelle Befreiung für Elektromotoren ist nicht möglich, auch nicht für Menschen mit Behinderung.“ Das Befahren von Seen mit Motorfahrzeugen sei als Gewässerschutzregelung genehmigungspflichtig. Wegen der Gefahr der Einträge von Öl und Benzin in das Gewässer oder Gefahren durch höhere Geschwindigkeiten von Motorbooten etwa im Vergleich zu Ruderbooten, aber auch zur Gewährleistung des Erholungsbedürfnisses der Bevölkerung und zum Schutz von Natur und Landschaft.

Schon hier zeigen sich offenkundig Missverständnisse: Benzin gibt es in Elektromotoren gar nicht. Und schneller als Ruderboote sind sie auch nicht zwangsläufig – dafür aber sicherer: denn während ein Ruderer an das Heck seines Bootes blickt hat ein Bootsführer mit Elektromotor den Bereich vor seinem Boot im Blick. Das kann für andere Wassersportler, aber auch Pflanzen und Tiere ein wesentlicher Unterschied sein.

Eine landeseinheitliche Regelung für den wasserrechtlichen Vollzug sei allein schon wegen der unterschiedlichen örtlichen Gegebenheiten an den Seen nicht realisierbar, sagte Kabel weiter. Die unteren Wasserbehörden hätten bei der Prüfung der Einzelanträge diese Gegebenheiten rechtlich zu würdigen. Kabel: „Hierzu gehört auch, die Gesamtheit der bisher erteilten und noch zu erwartenden Genehmigungen mit einzubeziehen.“ Auch müssten sie prüfen, ob etwa Naturschutzgebiete oder andere sensible ökologische Bereiche betroffen seien.

„Kurzfristig ist mit einer Entscheidung über den Antrag von Olaf Hartmann nicht zu rechnen“, schüttet Kreissprecher Björn Demmin Wasser in den Wein. Der Antrag befinde sich mit weiteren noch in der Prüfungsphase. Aktuell werde ein Prüfkatalog entwickelt, der das immer noch bestehende generelle Verbot für Elektromotoren mit den Vorgaben des MELUR-Erlasses in Einklang bringen und eine verlässliche Entscheidungspraxis ermöglichen solle. Demmin: „Ob in Ausnahmefällen für Menschen mit Behinderungen eine Genehmigung erteilt werden kann, wird anhand des noch abzustimmenden Prüfkataloges dann rechtssicher entschieden werden können.“

Diese Regelung für den Kreis und damit eine Grundlage für eine Entscheidung – auch über den Antrag von Olaf Hartmann – wird aber auf jeden Fall rechtzeitig zum Beginn der Angelsportsaison vorliegen.  



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