Historiker ermittelt 29 Hexenprozesse in Eutin

Fürstbischof Johann Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorf.
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Fürstbischof Johann Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorf.

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26. März 2017, 17:14 Uhr

Als Dr. Rolf Schulte anschaulich erklärte, was es mit der „Wasserprobe“ auf sich hat, kam leichte Unruhe unter den 90 Zuhörern im vollbesetzten Saal der Landesbibliothek auf. Um zu ermitteln, ob jemand tatsächlich eine Hexe oder ein Hexenmann war, wurden dem Beschuldigten Arme und Beine überkreuz zusammengebunden – linker Arm mit rechtem Bein und umgekehrt –, um ihn dann in voller Bekleidung ins Wasser zu werfen. Versank die Person, war sie vom Verdacht reingewaschen und daher freizusprechen. Entgegen der landläufigen Meinung ertranken die Beschuldigten nicht, denn sie waren durch einen Strick gesichert. Der Scharfrichter habe sein Handwerk verstanden, berichtete Schulte in seinem Vortrag über Hexenverfolgung.

Doch wehe dem, der nicht unterging, sondern vom Wasser „abgestoßen“ wurde. Dem Wasser, mit dem man Dinge weihen konnte, oder das man zur Taufe nutzte, wurde die Magie zugesprochen, eine Hexe zu erkennen. Wer nicht unterging, war schuldig. Das geschah etwa Catharina Harnack aus Eutin am 2. Juni 1648. Da sie nicht im Wasser versank, unterzog sie der Scharfrichter einer „peinlichen Befragung“. Peinlich ist hier wörtlich zu nehmen, denn Pein ist ein anderes Wort für Schmerz, und das bedeutete Folter. Dafür gab es etwa Daumenschrauben oder Spanische Stiefel (Beinschrauben). Catharina Harnack gestand, dass sie eine Braut des Teufels sei und dass sie in der Walpurgisnacht mit anderen Hexen böse Pläne geschmiedet habe.

Menschen, deren Namen beim Verhör genannt wurden, seien oft ebenfalls verfolgt worden, erklärte Schulte. So entstand aus der Verfolgung einzelner Hexen ein Massenphänomen. Catharina Harnack wurde im Juni 1648 als Hexe verbrannt, vermutlich auf dem Galgenberg. Eine Familie, in der jemand der Hexerei beschuldigt war, trug einen Makel. So wurde auch die Tochter von Catharina später als Hexe verurteilt.

Zu Hexenverfolgungen kam es in ganz Europa. Es habe etwa 60  000 Fälle gegeben, wobei es sich bei rund einem Viertel um männliche Hexen gehandelt habe, berichtete Schulte. Das Zentrum war das Heilige Römische Reich Deutscher Nation mit 25  000 Verfolgten. Schleswig-Holstein war keine Hochburg dieser Ereignisse, Mecklenburg dagegen schon. Grund dafür ist möglicherweise die dort übliche Rechtsprechung durch die Gutsherren. Im Eutinischen ließ Fürstbischof Johann Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorf (1579- 1634) Mittäter, die unter der Folter benannt wurden, nicht verfolgen. Er bestimmte, dass die Folter kritisch zu prüfen sei, und verbot die Wasserprobe, denn er hielt sie für „abergleubisch werck“. Konfessionsübergreifend wurden die Hexen verfolgt. Selbst Martin Luther (1483–1546) duldete Hexenverbrennungen.

Im Bereich Eutin hat Schulte 29 Hexenprozesse zwischen 1575 und 1670 ermittelt. Hexen auf lodernden Scheiterhaufen erscheinen aus heutiger Sicht gruselig, aber für die Menschen, die diesem Spektakel zusahen, bedeuteten sie seelische Erleichterung. Es herrschte wirtschaftliche Not und große Angst vor allem, was unerklärlich war. Neben Kriegen waren Klimaschwankungen während der „Kleinen Eiszeit“ Grund für wirtschaftliche Not. Kurze nasse Sommer sorgten für schlechte Getreideernten, dem Hauptnahrungsmittel. Sie führten zu Hunger und Krankheit beim einfachen Volk und auch beim Vieh. Ob totes Pferd, verhungerte Kuh oder verstorbenes Kind – es war des Teufels Werk. Da man diesen nicht fassen konnte, übertrug man die Schuld auf die Bräute des Satans, die Hexen.

Nicht immer sei es zur Hexenverbrennung gekommen, erklärte Schulte. Er zeigte das Beispiel von Lehmke Vollendorf aus Fissau. Sie wurde beschuldigt, sie habe eine Kuh eingehen lassen, einen jungen Mann verzaubert und ein Pferd getötet. Am 9. Mai 1650 wurde sie aus Eutin verbannt, was einem Todesurteil auf Raten gleichkam, denn es herrschte am Ende des 30-jährigen Krieges (1618–1648) Hungersnot. Überleben war für Ausgestoßene kaum möglich.

Auch mit klischeehaften Vorstellungen räumte Dr. Schulte auf. Eine Hexe war nicht schön und rothaarig. Auch brauchte sie keine Warze auf der Nase. Wichtig in der Beurteilung der Hexen waren „die drei A“, denn alt, arm und allein waren die meisten Verfolgten. Sie hatten keine Lobby.

>  Aufgrund des großen Interesses wiederholt die Landesbibliothek den Vortrag am 21. Juli ab 19.30 Uhr.



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