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Ankunft von Flüchtlingen : „Herzlich willkommen in Eutin“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Einmal in der Woche empfängt ein Team ehrenamtlicher Helfer Flüchtlinge am Bahnhof und hilft ihnen bei den Behördengängen

shz.de von
erstellt am 05.Jun.2015 | 11:30 Uhr

Eutin | „Heute kommen 20 – so viele hatten wir noch nie“, sagt Gülcin Holtzermann fast ein wenig aufgeregt, als sie sich mit ihren ehrenamtlichen Kollegen gestern Vormittag am Bahnhof trifft, um die Flüchtlinge zu empfangen. „Wir wollen, dass sie nach all dem Erlebten eine erste positive Erfahrung bei ihrer Ankunft in Eutin machen können – und die Behörden unterstützen“, erzählt Barbara Rinke, die neben Harald Holthausen und Neuling Peter Behnke zum Willkommensteam in Eutin gehört. Mit am Gleis steht Christian Grantz, der Migrationsbeauftragte der Stadt Eutin, der auf „seine drei Eritreer“ wartet.

Der Zug rollt ein, der Bollerwagen steht bereit. Das Team freut sich. Sie wissen, was jetzt kommt – Männer, Mütter mit kleinen Kindern oder ganze Familien steigen aus und schauen sie mit großen Augen an. Einige haben einen Koffer dabei, andere nur eine Plastiktüte oder einen kleinen Rucksack. Die meisten von ihnen flohen aus ihrer Heimat vor dem Krieg, andere wegen wirtschaftlicher Not oder Perspektivlosigkeit – wie die junge Familie mit vier Kindern aus dem Kosovo. Und trotzdem lächeln alle, als sie aus dem Zug steigen. „Wir sind glücklich, dass wir es geschafft haben“, sagen diejenigen, die Englisch sprechen. Der Rest nickt und lächelt weiter.

Das Team stellt sich vor – auf Englisch, mit Hand und Fuß und mit vorbereiteten Zetteln in zahlreichen weiteren Sprachen. Die Koffer kommen in den Bollerwagen und werden in der Garage untergestellt, damit sie nicht der Ballast sind auf all den Behördengängen, die nun noch vor den Flüchtlingen liegen, bis sie die Tür zu ihrem neuen Zuhause auf Zeit aufmachen können.

Los geht’s, es ist halb elf. Nicht mehr lange und die deutschen Behörden haben Mittagspause. „Es gibt glücklicherweise mittlerweile die Absprache, dass die Mitarbeiter an solchen Tagen warten, bis wir mit den Flüchtlingen bei ihnen waren“, sagt Grantz.

Station eins: Die Ausländerbehörde. Hier müssen sich alle melden, da sie bisher nur in Neumünster registriert sind. Die Wartezeit überbrücken Getränke und kleine Snacks, die das Willkommensteam von der Tafel organisiert hat – und Shaban Peci. Der heute 33-Jährige war gerade einmal zehn Jahre alt, als seine Eltern mit ihm aus dem Kosovo nach Deutschland kamen – „auf der Flucht vor dem Jugoslawienkrieg“. Auf dem Behördenflur bemerkt er Verständigungsprobleme und bietet spontan seine Dolmetschertätigkeit an – nicht nur für diesen Tag.

Ohne Menschen wie ihn, funktioniert es nicht. Grantz bedankt sich und freut sich über den Kontakt. Ohne das Willkomensteam und Grantz geht es auch nicht, das wird schnell klar, wenn sprachliche Barrieren auf deutsche Vorschriften und Gesetze treffen.

„Seine Eritreer“ haben die Papiere. Während 17 der 20 Neuankömmlinge in verschiedenen Bussen in andere Gemeinden des Kreises steigen, marschiert Grantz mit den Dreien zum Ordnungsamt für die Wohnungszuweisung; zum Bürgerbüro zur Anmeldung in Eutin; zur Wohngeldstelle für das erste Geld nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und dann zur Sparkasse, um es abzuholen. Anschließend geht es zurück zum Koffer in der Garage, dann zur Wohnung und schließlich zeigt Grantz ihnen, wo sie einkaufen können, damit am Abend etwas Essbares im leeren Kühlschrank ist.

Die Zeit zwischen den einzelnen Stationen überbrücken erste zaghafte Gespräche auf Englisch. Michael, wie der Vorname eines 28-jährigen Eritreers übersetzt heißt, ist in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, Geschichtslehrer an einer Grundschule gewesen. „Ich möchte so schnell wie möglich Deutsch lernen, die Sprache ist der Schlüssel, um hier einen Job und ein gutes Leben zu haben“, sagt er. Er weiß, dass er und die beiden anderen Eritreer großes Glück hatten: Die italienische Küstenwache rettete sie vom Flüchtlingsboot, nachdem sie 13 Stunden ohne Wasser und Essen auf dem Meer trieben. Sein Bruder ertrank damals, im Oktober 2013, vor Lampedusa – als er das gleiche suchte, wie Michael – den Weg in ein besseres Leben.

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