Helsinki: Stadt mit einem Design-Distrikt

Marimekko hat eine „eigene“ Tram in Helsinki.
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Marimekko hat eine „eigene“ Tram in Helsinki.

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13. Mai 2015, 12:40 Uhr

Langsam und zaghaft traut sich der Frühling nach Helsinki. Die Bäume sind zwar noch fast kahl, aber die Eisbrecherflotte liegt fest am Hafen vertäut und ich bin von der Tram auf ein klappriges, rosametallic Damenrad umgestiegen. Die ersten Cafés und Bars stellen ihre Tische und Stühle nach draußen. Es hat 7–9 Grad.

Die Finnen sind hart im Nehmen. Und dass gutes Wetter nicht unbedingt mit Glück und Zufriedenheit zu tun hat, beweist der kürzlich veröffentlichte World Happiness Report der UN, auf dem Finnland auf Platz sechs gekommen ist. Die Top-3-Plätze belegen die Schweiz, Island und Dänemark. Deutschland kommt ziemlich abgeschlagen auf 26.

Vielleicht ist ein Grund dafür, dass die Finnen so zufrieden sind, dass sie sich gerne mit schönen Dingen umgeben und stilvoll eingerichtet leben. Denn genauso wie saubere Seen und Saunen gehört für mich gutes Design zu Finnland.

Nordisches Design im Allgemeinen genießt europaweit einen guten Ruf. Es ist zeitlos, gradlinig und oft inspiriert von der finnischen Natur. Da Holz finnischer Rohstoff Nummer eins ist, spielt es natürlich auch im Design eine große Rolle. Einer der am weitesten verbreiteten Baumarten ist die Birke, die sich auch im Design oft wiederfindet.

Die Finnen geben dem Design immerhin einen so hohen Stellenwert, dass es in Helsinki einen ganzen „Design-District“ gibt. Rund um den Dianapark finden sich über 200 Anlaufpunkte, darunter Juweliere, Design- und Antiquitätengeschäfte, Modeläden, Museen, Kunstgalerien und Restaurants.

Es gibt da ein paar Klassiker, die ich bisher in jedem finnischen Haushalt gefunden habe. Dazu gehört auf jeden Fall Geschirr von Arabia, darunter mindestens eine Mumin-Sammeltasse. (Wer die Mumins nicht kennt: Die freundlichen, weißen Wesen, die ein bisschen wie ein Nilpferd aussehen, wurden von der finnland-schwedischen Autorin Tove Jansson erfunden und genießen in Finnland Kultstatus).

Zum Standardrepertoire gehören außerdem Gläser oder Vasen von Littala. Am berühmtesten ist hier wohl die von Alvar Aalto entworfene Vase, die mit ihren runden, welligen Formen ein bisschen an den Umriss eines Sees erinnert.

Aalto war Architekt und Designer, lebte von 1898 bis 1976 und ist international einer der berühmtesten Finnen. Wer ein bisschen mehr Geld in der Tasche hat, kann sich ein berühmtes Möbelstück aus der Feder Aaltos zulegen.

Um das ganze schöne Geschirr nicht mit der Hand trocknen zu müssen, haben die überaus praktisch veranlagten Finnen den Geschirrabtropfschrank erfunden. Dieser hängt über der Spüle in der Küche und das Geschirr kann dort einfach zum Trocknen reingestellt werden. Sind die Türen geschlossen, sieht es wunderbar ordentlich aus. Obwohl Geschirrspüler natürlich heutzutage auch in Finnland weit verbreitet sind, findet sich dennoch in fast jeder Wohnung ein Geschirrabtropfschrank, auch bei uns im Studentenwohnheim.

Haustextilien wie Geschirrhandtücher, Topflappen oder Bettwäsche kann wahlweise von Finnlayson (natürlich auch mit Mumin-Muster erhältlich) oder Marimekko sein. Marimekko ist in Deutschland hauptsächlich für ihre großformatigen Blumenmuster aus den 60er Jahren bekannt.

Außerdem beliebt sind die Ringelshirts von Marimekko, die es seit 1968 gibt. Das Design soll passend für alle Menschen unabhängig von Größe, Alter und Geschlecht sein. Die parallelen Streifen stehen für Gleichberechtigung. Über 70 Prozent der Produkte von Marimekko werde in der EU gefertigt und ein Großteil der Stoffe wird in einer Fabrik in Helsinki bedruckt.

Zu guter Letzt darf in keinem finnischen Haushalt eine Schere (entweder der Klassiker in Orange oder wahlweise mit Muminmuster) von Fiskars fehlen. Trotz unterschiedlichen Markenbezeichnungen gehören sowohl Ittala als auch Arabia zum Fiskars-Konzern. Fiskars ist übrigens ein Dorf im Südwesten Finnlands, in dem der Konzern gegründet wurde.

Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass es den Finnen wichtig ist, sich stilvoll einzurichten, denn sogar bei anderen Studenten, die ja meistens nicht so viel Geld haben, habe ich oben genannte Dinge gefunden. Ein gewisser Grad an Patriotismus gehört allerdings auch dazu. In Finnland entworfene oder hergestellte Produkte haben allgemein ein gutes Renommee.

Kleidungstechnisch auffällig ist, dass die viele Finnen, sobald es regnet, Gummistiefel anziehen. Das beliebteste Model ist der Klassiker von Nokia, den es in vielen unterschiedlichen Farben gibt. Denn Nokia, die Firma, die bekannt für Mobiltelefone ist, kommt ursprünglich aus der Gummiproduktion und stellt Gummistiefel schon viel länger her als Handys. Die bunten Gummistiefel bringen für mich wenigstens ein bisschen Farbe in triste Regentage, und ich muss sagen, dass sie wirklich sehr bequem sind.

Eine weitere Auffälligkeit ist jetzt im Frühling schon fast wieder verschwunden: In den dunklen Monaten trug fast jede und jeder an Mänteln und Taschen einen Reflektor.

Diese gibt es in allen Möglichen Formen und kommen recht modisch daher. Die Finnen behaupten, dass der Reflektor eine finnische Erfindung sei. Leider konnte ich dafür nicht wirklich Belege finden, aber es stimmt das Reflektoren hier weit verbreitet sind. In Lappland werden sogar die Hörner der Rentiere mit reflektierender Farbe angestrichen um sie im Straßenverkehr besser sichtbar zu machen.

In Tallinn, der estnischen Hauptstadt, die sich gut für einen Tagesausflug eignet, gibt es in den Wintermonaten sogar einen Reflektortragepflicht. Von Helsinki aus ist sowieso das gesamte Baltikum gut zu erreichen und auch Riga und Vilnius lohnt es sich zu besuchen. Mehr davon will ich in meinem nächsten Bericht schreiben.

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