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Ostholsteiner Anzeiger

24. September 2017 | 17:55 Uhr

Helsinki: Irgendwo ist immer ein Festival

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 30.Jun.2015 | 17:39 Uhr

Jetzt schreibe ich schon meinen letzten Bericht über mein Auslandsjahr in Helsinki. Die zehn Monate sind einerseits schnell vergangen, andererseits kenne ich die Stadt inzwischen so gut, dass es sich hier fast wie zuhause anfühlt.

Helsinki hat sich im letzten Monat noch einmal drastisch verändert. Seit es wirklich Frühling geworden ist (manche Finnen sprechen bereits von Sommer), ist in der Stadt immer was los. Irgendwo ist immer ein Festival, ein Stadtteilfest oder ein Markt. Außerdem sind so viele Menschen in der Stadt, wie ich sie in hier noch nicht gesehen habe.

Ab Anfang Juli verändert sich das Straßenbild dann wohl noch einmal, wenn die Helsinkier in den Sommerurlaub fahren. Die meisten von ihnen fahren wenigstens für eine oder zwei Wochen in die eigenen Mökki (Hütte). Helsinki gehört dann den Touristen.

Von Helsinki aus lassen sich viele attraktive Reiseziele gut erreichen, die ich ansonsten eher weniger auf dem Radar habe. Nach zweieinhalbstündiger Fährfahrt ist man bereits in Tallinn, das zuerst einmal mit einer mittelalterlichen Innenstadt lockt. Das spannende Tallinn liegt für mich aber jenseits der historischen Stadtmauern. Hier findet sich moderne Architektur, hippe Cafés und Restaurants und ein Rest von Sowjetunion-Atmosphäre.

Mit einer Gruppe Austauschstudenten haben wir von Tallinn aus auch noch die beiden anderen baltischen Hauptstädte erkundet: Riga, die Hauptstadt von Lettland und Vilnius, die Hauptstadt von Litauen. Beide Städte lassen sich gut und günstig mit Fernbussen erreichen.

Riga ist besonders für diejenigen Interessant, die Jugendstilarchitektur mögen. Dort ist die Dichte an Jugendstilbauten besonders hoch. Auf relativ kleiner Fläche finden sich gut 800 Jugendstilhäuser. Die große Zahl lässt sich dadurch erklären, dass Riga Anfang der 1920er Jahre in einem großen wirtschaftlichen Aufschwung war. Der neue Wohlstand sorgte für einen regelrechten Bauboom. Dieser sorgte bei mir wiederum dafür, dass ich mehr oder weniger mit offenem Mund durch die Straßen gelaufen bin und meine Reisegefährten vielleicht ein bisschen genervt habe mit meinen Ausrufen der Bewunderung über dieses Detail an der Fassade oder jene Verzierung am Balkon.

Meine österreichische Mitbewohnerin warnte mich liebevoll vor einer Nackenstarre vom vielen an den Fassaden hoch schauen. Obwohl die meisten Häuser sehr gut erhalten oder saniert sind, gibt es leider allerdings auch einige, die dringend substanzerhaltene Maßnahmen nötig hätten. Anscheinend fehlt allerdings das Geld dazu.

Etwa zur gleichen Zeit wie die meisten Jugendstilhäuser wurden in Riga auch neue Markthallen gebaut. Diese sind gigantisch und angeblich der größte überdachte Markt in ganz Europa. Es gibt eine Halle für Obst, eine für Gemüse, eine für Fleisch und eine für Fisch.

Vor den Hallen geht der Markt weiter. Die schiere Größe ist überwältigend und macht Riga einen Besuch wert. Von draußen sehen die Hallen aus wie alte Zeppelinhallen. Sie wurden nie als solche genutzt, die Dachkonstruktionen stammt aber von Zeppelinhallen außerhalb Rigas (Zeppeline innerhalb der Stadt zu haben war viel zu gefährlich), die man kostenökonomisch einfach dort abmontierte und auf die neuen Markthallen einfach wieder aufsetzte. Vilnius wiederum hat einen fast südeuropäischen Flair mit Straßencafés und ockerbraunen Fassaden. Besteigt man einen kleinen Berg, der an die Domkirche grenzt, kann man fast ganz Vilnius überblicken.

Zu Füßen des Berges fließt der Fluss Vilnelé. Auf der einen Seite des Flusses liegt das historische Zentrum, auf der anderen die moderne Neustadt mit Hochhäusern aus Glas und Stahl. Besonders an Vilnius ist das kleine Künstlerviertel Uzupio Respublika. Die Bewohner haben 1997 ihre Unabhängigkeit erklärt und eine eigene Verfassung geschrieben, die unter anderem jedem Bewohner das Recht auf Heizung und ein Ziegeldach im Winter, das Recht zu sterben, zu faulenzen und sich zu irren zuspricht. Des Weiteren müssen Katzen ihren Hausherren nicht lieben, ihm jedoch in schweren Momenten beistehen.

Angenehm in allen drei Städten ist, dass man in Euro bezahlen kann. Auch Litauen ist seit Beginn des Jahres Teil der Eurozone. So spart man sich lästiges Geldwechseln. Wohingegen jedoch in Tallinn fast jeder Englisch spricht, ist das in Vilnius und Riga nicht immer der Fall und man muss sich manchmal mit Händen und Füßen verständigen.

Ein weiteres Reiseziel, dass von Helsinki einerseits sehr nah ist und doch weit weg, ist St. Petersburg. Dorthin habe ich es nicht geschafft, obwohl man dem Zug dort in drei Stunden ist. Allerdings braucht man als Individualtourist ein Visum und die politische Stimmung zwischen Russland und Finnland ist im Moment ziemlich angespannt.

Meine finnischen Arbeitskollegen schätzen die Situation besorgniserregend ein und machen sich besonders wegen der neuen Regierung Sorgen über die künftigen Entwicklungen. Denn Teil der neuen Regierung und den Außenminister stellend ist die rechtspopulistische Partei der Basisfinnen (früher: die Wahren Finnen). Diese unterstützen zum Beispiel Finnlands Beitritt zur Nato, der die Situation zwischen Russland und Finnland sicherlich noch verschärfen würde.

Von Deutschland aus war Russland für mich immer ziemlich weit weg, doch für die Finnen stellt der östliche Nachbar zumindest gefühlt eine reale Bedrohung da. Immerhin hat Finnland eine 1300 Kilometer lange Grenze zu Russland.

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