Heimatliche Gefühle in Südafrika

Im Kindergarten der Camphill School Hermanus geht es zur Zeit etwas chaotisch zu.
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Im Kindergarten der Camphill School Hermanus geht es zur Zeit etwas chaotisch zu.

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02. März 2017, 12:50 Uhr

In der Camphill School Hermanus hat das neue Schuljahr begonnen. Damit sind auch einige Veränderungen im Haus und in der Schule einhergegangen.

Pünktlich zum neuen Jahr ist ein neues Hauskind bei uns eingezogen. Sie heißt Camille, ist sechs Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Dadurch, dass wir jetzt noch ein weiteres Kind haben, das natürlich auch Betreuung braucht, hat sich die Verteilung der Kinder auf die Freiwilligen teilweise verändert. Ich habe jetzt noch ein zweites Kind dazu bekommen, um das ich mich am Anfang des Auslandsjahres, als noch nicht alle Freiwilligen da waren, auch schon einmal gekümmert habe. Jamie ist 19 Jahre alt (also eigentlich kein wirkliches Kind mehr) und hat auch das Down-Syndrom. Sie hat im Camphill quasi einen ganz besonderen Status, denn Jamie wurde vom Camphill adoptiert und lebt hier seit sie zwei Jahre alt ist. Ihre Eltern sind unbekannt. Wenn die anderen Kinder in den Ferien nach Hause fahren, macht Jamie „Urlaub“ im Camphill Village West Coast, in das sie wahrscheinlich auch Ende des Jahres, wenn sie 20 und damit zu alt für die Schule ist, umziehen wird.

Jamie ist relativ selbstständig, sie kann also alleine essen, sich alleine anziehen und duschen etc., aber sie benötigt Aufsicht, ich muss zum Beispiel aufpassen, dass sie ihre Kleidung in die Wäsche bringt, ihre Aufgaben im Haus erledigt und nicht zwei Stunden lang unter der Dusche steht. Außerdem verbringe ich natürlich auch die Nachmittage und Wochenenden mit ihr (und meinem anderen Kind Jessica). Jamie liebt es, zu schaukeln, zu schwimmen und laute Gospelmusik zu hören. Das sind die drei Dinge, die sie, wenn sie dürfte, den ganzen Tag machen würde. Da aber ein bisschen Abwechslung sein muss, machen wir auch Spaziergänge, malen oder unternehmen etwas mit anderen Kindern und Freiwilligen zusammen.

Manchmal ist es etwas schwierig, zwei Kinder unter einen Hut zu bekommen, weil die beiden ja sehr unterschiedlich sind und Jamie auch viel selbstständiger ist als Jessica. Trotzdem bin ich sehr froh, dass ich zwei so tolle Kinder habe, mit denen ich Zeit verbringen darf und die mir sehr ans Herz gewachsen sind.

Im Kindergarten gab es mit dem Beginn des neuen Schuljahres ebenfalls einige Veränderungen. Zwei unserer Kinder sind in die nächsthöhere Klasse, die Intermediate, gewechselt. Dafür haben wir aber vier Neuzugänge bekommen: Camille, unser neues Hauskind, und drei Kinder, die aus den umliegenden Townships kommen. Ein Junge spricht hauptsächlich Afrikaans und erst wenig Englisch. Da er auch mit uns Afrikaans spricht, ist mir wieder einmal aufgefallen, dass diese Sprache für uns Deutsche doch relativ leicht zu verstehen ist (auch wenn ich natürlich nicht auf Afrikaans antworten kann). In einigen Wörtern oder Redensarten ist auch eine große Ähnlichkeit zum Plattdeutschen zu erkennen, was bei mir als „Holsteiner Dorfkind“ immer irgendwie ein Heimatgefühl auslöst und mich an den hohen Norden erinnert.

Mit den neuen Kindern ist es bei uns auch etwas chaotischer geworden. Man merkt, dass die meisten bis vor kurzem anscheinend keine Regeln und keinen strukturierten Tagesablauf kannten. Auch der Respekt vor der Lehrerin oder vor uns Freiwilligen fehlt größtenteils, das Wort „Nein“ scheinen einige noch nie gehört zu haben. Leider fehlt den Kindern auch noch die nötige Sozialkompetenz, um gut mit den anderen Kindergartenkindern auszukommen und gemeinsam zu spielen.

Streitigkeiten enden schnell damit, dass gehauen oder getreten wird, dadurch ist die ganze Gruppe zur Zeit etwas unharmonisch und verlangt von uns erhöhte Aufmerksamkeit. Inzwischen lassen sich im Vergleich zum Jahresanfang aber schon einige kleine Verbesserungen erkennen und ich hoffe, dass sich die Kinder bald vollständig bei uns eingelebt haben.

Ende Februar hatten wir erst einmal eine kleine Auszeit von der Arbeit: Das „Halfterm“ stand an, ein verlängertes Wochenende, an dem die Kinder zu ihren Eltern nach Hause fahren. Wir haben die freie Zeit für Ausflüge genutzt. Zusammen mit zwei Freundinnen bin ich an einem Tag zum Cape Agulhas, dem südlichsten Punkt Afrikas, gefahren. Wir hatten strahlenden Sonnenschein und das Meer hat türkisblau geleuchtet, es war einfach nur atemberaubend. Neben dem obligatorischen Foto am Schild mit dem Hinweis „Sie befinden sich nun an der Südspitze Afrikas“ sind wir noch ein bisschen weiter am Wasser entlang gelaufen und zu einem alten Schiffswrack gekommen, das in der Sonne richtig malerisch aussah und etwas Verwunschenes an sich hatte.

An einem anderen Tag zeigte das Thermometer 34 Grad und wir beschlossen, dass man diese Temperaturen auf jeden Fall nicht ohne Wasser aushalten kann. Statt an den Strand zu fahren, haben wir einen Ausflug zu den „three dams“ gemacht. Das sind drei aufgestaute Wasserbecken, die auf in den Bergen liegen. Dort war es etwas kühler und man konnte schwimmen gehen, außerdem hat man einen tollen Blick auf die Umgebung.

Im März beginnt nun ja eigentlich der Herbst, ich hoffe, dass sich die sommerlichen Temperaturen noch eine Weile halten und wir mit den Kindern noch ganz viel Zeit in der Sonne und vor allem im Pool verbringen können, was allen Kindern und auch uns Freiwilligen immer viel Freude bereitet.

Eventuell zieht demnächst sogar noch ein weiteres neues Kind bei uns ein, das ist aber noch nicht ganz sicher, lassen wir uns also überraschen.

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