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Ostholsteiner Anzeiger

21. August 2017 | 01:14 Uhr

Heilige, Mythen und Chimären

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Lykien in der Türkei begeistert mit antiken Städten, verträumten Küstendörfern und den schönsten Stränden des Landes

Erdogan Özdemir drosselt die Geschwindigkeit seines Bootes, lehnt sich über die Reling und schaut auf das flache Wasser. Nur wenige Meter trennen das Boot vom Ufer Kekovas, einer kleinen, der türkischen Südküste nur wenige 100 Meter vorgelagerten Insel. „Seht Ihr dort die Ruinen?“, ruft Erdogan seinen Gästen zu. Im glasklaren Wasser sind die Mauerreste und Säulen der „versunkenen Stadt“ gut zu erkennen. Sie sind Jahrtausende alt und gehören zum antiken Dolikhiste. Durch Erdbeben versanken Teile der Insel und mit ihr die Stadt. Sogar der antike Hafen ist in zwei Meter Tiefe zu erkennen.

Nun driftet Erdogan ab und schippert einigen aus dem Wasser ragenden Sarkophagen entgegen, die sich an der nahen Festlandküste bei Kaleköy befinden. Kaleköy ist ein türkisches Küstendörfchen wie aus dem Bilderbuch, was daran liegen mag, dass man es nur per Boot oder zu Fuß erreicht. Über dem Örtchen erhebt sich das antike Simena, dessen Festungsanlage von der untergehenden Sonne in ein sanftes Licht gehüllt wird.

In der Nähe sucht der Skipper eine kleine, einsame Bucht zum Übernachten auf. Das Meer ist jetzt ganz still. Immer wieder strecken Meeresschildkröten ihre Köpfe aus dem Wasser. „Das sind unechte Karettschildkröten. Die stehen unter Schutz und existieren schon seit über 100 Millionen Jahren“, erklärt Erdogan, der gerade mit frisch aufgebrühtem Tee an Deck kommt. Während die Gäste den romantischen Sonnenuntergang genießen, bereitet Erdogan in der kleinen Bootsküche frischen Fisch, Tomatensalat, Oliven und Fladenbrot fürs Abendessen vor.

An solch einem idyllischen Ort ist es nur schwer vorstellbar, dass sich gerade einmal eine Autostunde entfernt Zigtausende Touristen an der
Türkischen Riviera in All-Inclusive-Hotelburgen und am Strand drängeln.Neben der teils felsigen Küste der Lykischen Halbinsel verhinderten auch die unzähligen antiken Ruinenstädte aus griechischer und römischer Zeit sowie die geschützten Meeresschildkröten, dass hier viele Strände und Buchten mit Massenhotels zugebaut wurden. Ein Beispiel hierfür ist der kleine Ort Cirali. Statt großer Hotelkomplexe wie im nahen Kemer reihen sich hier inmitten von Orangen- und Zitronenhainen kleine Herbergen am Strand auf.

Bewaffnet mit Taschenlampen wandern Touristen nachts über einen steilen und steinigen Pfad zu den berühmten Feuerfeldern von Chimaira auf 250 Meter Höhe hinauf. Es handelt sich um kleine Erdlöcher, aus denen permanent Feuer austritt. Der Blick aufs Meer ist von hier oben traumhaft, und das Feuer verbreitet eine romantische Atmosphäre. Heute weiß man, dass die Flammen von Erdgasen genährt werden. Doch in der Antike ging man davon aus, das Feuer stamme von einem feuerspeienden Ungeheuer, der Chimäre, das tief im Olympos haust.

Viele Wanderer erklimmen tagsüber die „Höhle des Monsters“, den 2300 Meter hohen Olympos-Berg. Andere Tagesausflügler nehmen die völlig überteuerte, aber schnelle Gondel, um die beeindruckenden Panoramablicke vom Gipfel zu genießen. Olympos heißt auch die lange Zeit völlig vergessene antike Ruinenstadt aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, die sich überwuchert von Schlingpflanzen spektakulär an einem kleinen Fluss hinter dem Strand von Cirali ausbreitet.

Ein Traumstrand wie der fast 14 Kilometer lange Strand von Patara wäre ebenfalls schon längst mit Hotels und Restaurants zugepflastert, würden sich hier keine antiken Ruinen befinden oder die Schildkröten nicht jeden Sommer hier am Stand ihre Eier legen. So gibt es nur wenige kleine, aber traumhaft ruhige Pensionen und Restaurants, in denen es vorkommen kann, dass die Speisekarte im Gegensatz zur türkischen Riviera um Antalya nicht in Deutsch geschrieben ist.

Direkt hinter dem Strand, der zu den schönsten der Türkei zählt, liegen in einer Dünenlandschaft versteckt die Ruinen des antiken Patara, einst eine der wichtigsten Städte im Lykischen Bund. Ein riesiges Amphitheater, römische Therme, Salzlager, ein Triumphbogen, Säulengänge und das erst vor kurzem wieder aufgebaute Parlamentsgebäude der Lykier bezeugen noch heute die große Bedeutung Pataras.

Auf fast 1000 Meter Höhe liegt mitten im Güllük Dagi
Nationalpark die sagenumwobene Totenstadt Termessos. Kaum ein antikes Amphitheater dürfte solch spektakuläre Panoramablicke auf die Berge und die Küste Antalyas bieten wie die Theaterruinen von Termessos. Nicht weniger beeindruckend sind die rund 1000 über die Hänge und Felsen verteilten antiken Sarkophage.

Während man hoch hinaus muss, um die Ruinen der antiken Totenstadt zu bestaunen, schwimmt man in Phaselis einfach über sie hinweg. Immer wieder entdeckt man beim Schwimmen und Schnorcheln im alten Hafen der antiken Ruinenstadt historische Gebäudereste und Säulen im glasklaren Wasser.

Historische Gebäude findet man auf der Lykischen Halbinsel sogar noch in den modernen Küstenstädtchen selber. Das idyllische Hafenstädtchen Kas machen viele Urlauber zu ihrer Basis, um von hier aus Tagesausflüge wie zur Kaputas-Bucht zu unternehmen. Der schneeweiße Strand mit seinem türkisblauen Wasser gehört neben dem leider vollkommen überlaufenen Ölüdeniz-Strand zu den schönsten Küstenabschnitten Lykiens.

Ins Hinterland lockt die mehrere Kilometer lange Saklikent-Schlucht. Je tiefer man hineingeht, desto beeindruckender ist sie. An einigen Stellen ragen die Felswände bis zu 300 Meter in die Höhe, sind aber nur etwa zwei Meter voneinander entfernt. „Die Saklikent-Schlucht ist wirklich beeindruckend. Noch spannender finde ich aber Kayaköy. Dieser Ort hat etwas ganz Besonderes“, verrät Erdogan Özdemir. Was er damit meint, wird schnell klar: Kayaköy ist eine Geisterstadt. Die ehemaligen Bewohner waren in der Mehrheit Griechen und mussten die Türkei nach dem Griechisch-Türkischen Krieg (1919-1922) schlagartig verlassen. Etwas Trauriges, aber gleichzeitig auch Einnehmendes liege in der Stille und Leere, die in den verlassenen Gassen und Häusern der Geisterstadt zu spüren sei, sagt Erdogan.

Nun hört er auf zu erzählen und schließt die Augen. Ganz ruhig liegt sein Boot in der einsamen Bucht nahe der „versunkenen Stadt“ Kekova. Nur die gelegentlich auftauchenden Meeresschildkröten sind noch zu hören, bevor die Gäste von Erdogans Geschichten über den Heiligen Nikolaus und Feuer spuckende Chimären träumen.

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erstellt am 29.Okt.2013 | 00:31 Uhr

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