Hebammen brauchen mehr Geld

Die Hebammen Mariam Strixner (von links) und Heike Strohschänke besuchten Birte Anika Fick, die am 3. Mai um 22.18 Uhr das 'Streikbaby' Lennard auf die Welt brachte.
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Die Hebammen Mariam Strixner (von links) und Heike Strohschänke besuchten Birte Anika Fick, die am 3. Mai um 22.18 Uhr das "Streikbaby" Lennard auf die Welt brachte.

550 Hebammen werden heute in Kiel zur Protest-Kundgebung vor dem Landeshaus erwartet - die Eutiner Hebammen sind dabei

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05. Mai 2011, 08:08 Uhr

Eutin | Seit Monaten setzt sich der Hebammenverband Schleswig-Holstein bei Krankenkassen und Politik dafür ein, dass die Vergütung der Rundumversorgung für Mutter und Kind angepasst und die drastisch gestiegenen Haftpflichtprämien reduziert werden. Der Vorwurf: Das Verhältnis zwischen Arbeitsaufwand und Verdienst ist in eine extreme Schieflage geraten. Die Existenz der Hebammen und die flächendeckende Versorgung der Gebärenden ist bedroht.

Mit einem landesweiten Streik in dieser Woche und die heute Vormittag stattfindende Protest-Kundgebung mit Marsch zum Kieler Landeshaus wollen die rund 550 Hebammen im Land auf die Missstände aufmerksam machen. In der Sana-Klinik Eutin sind alle 16 Hebammen freiberuflich tätig. Sie gaben dem OHA einen Einblick in ihre Arbeit.

"Eine 70- bis 90-Stunden-Woche ist bei uns normal", rechnet Andrea Schimmer vor. Wochenenden und Feiertage gebe es für selbstständige Hebammen nicht. Per Handy seien sie Tag und Nacht immer und überall erreichbar. Selbst für Probleme in ganz anderen Lebensbereichen wurden sie schon angerufen: "Abends um 22 Uhr rief mich eine Mutter an. Sie wollte wissen, wie man einen Milchstau bei einem Pudel beseitigen kann", schmunzelt Christina Fürst.

Täglich sind die Fachfrauen zwischen Travemünde und Heiligenhafen aber auch bis weit in die Kreise Plön und Segeberg unterwegs und betreuen Frauen in der Schwangerschaft. Durchschnittlich 30 000 Kilometer pro Jahr kommen zusammen. Sie beantworten Fragen zu schwangerschaftsbeglei-tenden Themen und "streicheln die Seele" bei allen anderen Sorgen, die das Wohlbefinden der Schwangeren beeinträchtigt. Hebammen beobachten und überwachen den Verlauf einer Schwangerschaft.

In Geburtsvorbereitungskursen helfen sie den Schwangeren sich körperlich und geistig auf die Geburt vorzubereiten, Ängste auszuräumen und sich auf die neue Lebenssituation einzustellen. Und während der Geburt, im Krankenhaus oder Zuhause sind sie an der Seite "ihrer" Schwangeren - egal wie lange der Nachwuchs braucht, um das Licht der Welt zu erblicken. "Das kann manchmal Tage dauern", sagt Miriam Strixner. Einen Schichtwechsel gibt es für die 16 freiberuflichen Geburtshelferinnen in Eutin nicht. Und auch nach der Entbindung begleiten sie bis zu acht Wochen die jungen Mütter und Väter. Dabei geht es um rein praktische Abläufe wie Säuglingspflege und Wickelmethoden aber auch Veränderungen in der Partnerschaft oder die richtige Ernährung für das Kind.

Diese Rundumbetreuung, mit Vorsorge, Kursen, Geburt, Wochenbett und Stillzeit zahlen die Krankenkassen. Hausbesuche werden pauschal mit 27 Euro pro Besuch vergütet. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass Fahrtzeiten und häusliche Gespräche zumeist mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Für Vorbereitungskurse gibt es 5,71 Euro pro Stunde und Schwangere, und für eine Klinikgeburt werden pauschal 237,85 Euro gezahlt. Zuschläge für Nacht- oder Wochenendarbeit gibt es nicht.

"Damit ist der Kühlschrank noch nicht gefüllt", sagt Andrea Schimmer. Denn diesen Einnahmen stehen Kosten für die eigenen Praxisräume, Energie, Kranken-, Renten-, Sozialversicherungen, Gebühren für Fortbildungen und Zusatzqualifikationen sowie Steuern und Versicherungen gegenüber. Hinzu kommen seit einem Jahr drastisch erhöhte Haftpflichtprämien in Höhe von jetzt 3689 Euro jährlich. Damit liegt laut Hebammen-Verband Schleswig-Holstein nach Abzug aller Kosten der durchschnittliche Stundenverdienst bei 7,50 Euro.

"Durch die 24-Stunden-Rufbereitschaft sind wir freiberuflichen Hebammen Alleinverdiener", sagt Christina Fürst. Die Lebenspartner und Ehemänner gingen nicht arbeiten, weil sie sich um die Kinder und den Haushalt kümmerten. Wenn es künftig keine finanzielle Anpassung gebe, würden einige Hebammen ihren Beruf aufgeben müssen. Die Option, sich von einer Klinik anstellen zu lassen, sei nahezu aussichtslos. Der Trend der Kliniken liege im Stellenabbau von angestellten Hebammen, um das wie in Ostholstein praktizierte Belegbettensystem zu forcieren.

"Die Lokomotivführer lassen beim Streik ihre Züge stehen. Wir haben lediglich die planbaren Sachen wie unsere Kursangebote und einen Infoabend in der Klinik gestrichen", sagte Andrea Schimmer. Ansonsten waren die Eutiner Hebammen unwesentlich weniger im Einsatz, da sie sonst Verdiensteinbußen gehabt hätten. Seit Streikbeginn am Montag wurden sechs Kinder in Eutin geboren. "Unser Ziel ist eine gute Bezahlung für eine verantwortungsvolle Arbeit", sagt Brigitte Wachholz.

www.hebammen-sh.de.

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