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Zwangsvollstreckung in Süsel : Haus verloren wegen 6000 Euro: „Ein echt beschämender Vorgang“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Eine Frau ist ihr Haus los: Wegen 6000 Euro zog die Verwaltung eine Zwangsvollstreckung bis zum bitteren Ende durch.

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erstellt am 05.Mai.2017 | 12:04 Uhr

Süsel/Eutin | „Das ist eine riesige Schweinerei, da sind sich alle Fraktionen in der Gemeindevertretung einig.“ In der Kommunalpolitik der Gemeinde Süsel (Kreis Ostholstein) herrscht „dicke Luft“, der Groll richtet sich sowohl gegen die Stadt Eutin als auch gegen den ehrenamtlichen Bürgermeister Holger Reinholdt (Freie Wähler Süsel).

Auslöser ist eine Zwangsvollstreckung, die von der Verwaltung gegen eine Hausbesitzerin in der Gemeinde angestrengt und bis zum bitteren Ende durchgezogen worden ist. Wegen knapp 6000 Euro – davon 3000 Euro Straßenausbaubeitrag, Steuerschulden und aufgelaufene Zinsen sowie Verfahrenskosten – wurde ein komplettes Anwesen versteigert. Die Betroffene ist verzweifelt: „Da wurde eben mal mein Vermögen halbiert.“

Schuldlos ist die allein lebende Frau nicht. Auf offizielle Schreiben hat sie nicht reagiert. „Ich war einfach überfordert“, sagt sie, dazu hätten sowohl private als auch Probleme am Arbeitsplatz beigetragen.

Die Tragweite des Geschehens wurde ihr offensichtlich viel zu spät klar. Anmerkung eines Verfahrensbeteiligten: „Das Kind liegt so was von im Brunnen, dass da nichts mehr zu retten ist.“

Ein Problem bei der sh:z-Recherche: Es handelt sich um ein noch nicht abgeschlossenes Verfahren. Deshalb haben weder die Stadt Eutin, noch Bürgermeister Holger Reinholdt auf Nachfrage dazu alle Fragen beantwortet. Offizielle Mitteilung der Stadt Eutin, die vor zehn Jahren die Verwaltung der Gemeinde Süsel mit übernommen hat: „Wir können bestätigen, dass es in dieser Sache ein Vollstreckungsverfahren gibt. Allerdings läuft das Verfahren zur Zeit, deshalb dürfen wir uns inhaltlich dazu nicht äußern.“ Ähnlich reagiert Bürgermeister Holger Reinholdt auf die Fragen.

Im Amtsgericht Eutin ist das Anwesen Ende April rechtsgültig versteigert worden. Die Immobilie war mit einem Verkehrswert von 286.000 Euro ins Versteigerungsverfahren gegangen und einem Bieter für 143.000 Euro zugesprochen worden.

Die Ironie der Geschichte: Es gibt neben der Forderung der Gemeinde noch etwa 90.000 Euro an offenen Hypotheken, aber die Banken haben die Versteigerung nicht betrieben. Sie werden ihr Geld aus der Zwangsversteigerung ebenso bekommen wie die Gemeinde die 6000 Euro. Für die Eigentümerin wird auch noch etwas übrig bleiben – aber Haus und Grund sind weg. „Alles, was ich hatte, ist weg. Ich bin total verzweifelt,“ schilderte sie unter Tränen.

Gewiss: Sie hat erst reagiert, als es zu spät war. Aber musste es wirklich zu einer Zwangsversteigerung kommen? „Der Bürgermeister hätte das Ganze noch abbiegen können“, ist Adrianus Boonekamp überzeugt. Der Vorsitzende der CDU-Fraktion ist wegen des Vorganges sowohl auf Holger Reinholdt als auch auf die Verwaltung sauer: Das Verfahren der Zwangsvollstreckung sei ohne Kenntnis der Gemeindevertretung erfolgt – und es sei angesichts der geforderten Summe ein Unding.

Reinholdt sagte, dass er von dem Verfahren der Zwangsversteigerung erst erfahren habe, als sich die Frau hilfesuchend an ihn gewandt habe. Da sei es allerdings zu spät gewesen. Er habe als Reaktion im gemeinsamen Ausschuss von Stadt Eutin und der Gemeinde sehr deutlich gesagt, dass die Gemeindevertretung künftig über solche Verfahren frühzeitig informiert werden wolle.

Die Fraktionen sehen unterdes noch eine Reihe von offenen Fragen, die in erster Linie der Bürgermeister beantworten soll. Wolfgang Schümann, wie der Bürgermeister Mitglied der Freien Wähler, spricht von einem „echt beschämenden Vorgang“. Holger Reinholdt werde sagen müssen, ob er diesen Vorgang wirklich nicht habe verhindern können.

Boonekamp fürchtet, dass in dem Verfahren der Zwangsversteigerung für die Betroffene nicht mehr viel zu retten ist. Vielleicht könne man den Zeitraum, den sie im Haus bleiben kann, noch etwas hinauszögern. Auf jeden Fall werde die CDU-Fraktion darauf drängen, dass die Frau wenigstens in eine Wohnung der Gemeinde ziehen könne und ihr das Schicksal der Obdachlosigkeit erspart bleibe. „Und auch in dieser Frage sind wir uns in allen drei Fraktionen einig.“

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