Haus und Familie in der Frühen Neuzeit

Eine Hutmacher-Familie in einer zeitgenössischen Darstellung. Kinderarbeit war vollkommen normal.
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Eine Hutmacher-Familie in einer zeitgenössischen Darstellung. Kinderarbeit war vollkommen normal.

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21. November 2009, 03:59 Uhr

Erst seit einigen Jahrzehnten beschäftigt sich die historische Wissenschaft mit der Erforschung des Alltagslebens der Menschen, mit der Betrachtung ihrer Lebensweisen in vormoderner Zeit. Der Verfasser hat für den nachstehenden Artikel diese Erkenntnisse verwertet.

Vor 300 Jahren, in der Frühen Neuzeit, war Eutin mit knapp 2000 Einwohnern eine behagliche kleine Residenzstadt der Fürstbischöfe aus dem Hause Gottorf. Das Stadtgebiet war aus der mittelalterlichen Enge des einstigen Stadtgrundes hinausgewachsen, im Süden über das Lübsche Tor die Lübecker Straße entlang und im Norden über das Sacktor, das um 1520 gebaut worden war.

Vor diesem erweiterten Stadtgebiet lag die Stadtfeldmark, das Weide- und Ackerland der Bürger. Das Stadtbild wurde beherrscht von der hoch aufragenden St.-Michaelis-Stadtkirche. Etwas abseits lagen die Schlossanlagen mit dem Eigenleben des Hofes.

BebauungGegenüber diesen mächtigen Bauwerken erschienen die Bürgerhäuser nur klein. Die Lücken in der Bebauung, die die großen Stadtbrände, zuletzt der von 1689, verursacht hatten, waren größtenteils wieder geschlossen, wobei die Häuser nunmehr auf fürstbischöfliche Anordnung mit Ziegeln gedeckt werden mussten, um neuen Großfeuern vorzubeugen.

Die meisten Häuser waren ein- oder eineinhalbgeschossige Fachwerkbauten. Beispiele typischer Handwerker- und Wohnhäuser jener Zeit sind heute noch das Haus Markt 13 (erbaut 1745) und das Haus Ihlpool 10 (erbaut 1773). Aber es gab auch stattlichere Häuser, für die die zweigeschossigen Fachwerkgiebelhäuser Markt 10 (erbaut um 1700) und Lübecker Straße 8 (erbaut 1782) beispielhaft sind. Hinter den Häusern waren Gärten und Ställe, auch sogenannte Buden; kleine einfache Häuser, in denen ärmere Menschen wohnten.

Die städtischen Bauern, die sich im Gegensatz zu den ländlichen Bauern Ackersmann oder Baumann nannten, besaßen größere Häuser in der Art der niedersächsischen Bauernhäuser, also mit Grootdöör und großer Diele. Ein letztes solches Haus in Eutin ist Haus Weidestraße Nr. 28. Auch Scheunen gab es im Stadtgebiet.

Einheit von Wohnen

und ArbeitDas Leben in diesen Häusern unterschied sich wesentlich von dem heutigen. Das ganze Haus war eine soziale Einheit von Leben, Wohnen und Arbeiten, denn die handwerkliche Tätigkeit wurde im Hause vollzogen, wobei die Wohnstube oft zugleich die Werkstatt war. Es gab also keine Trennung von Wohnen und Arbeiten.

Alle Mitglieder des Hauses - Eltern, Kinder, Verwandte, Gesellen und Lehrbuben - waren am Arbeitsprozess beteiligt. Über ihren eigenen Arbeitsbereich hinaus, der den Haushalt, den Garten und das Kleinvieh umfasste, war die Hausfrau oft auch an der Arbeit des Mannes beteiligt, wie umgekehrt er auch ihr bei ihren Tätigkeiten behilflich war.

Schon früh wurden die Kinder zur Arbeit herangezogen. Kinderarbeit war eine Selbstverständlichkeit und wurde als Vorbereitung auf das spätere Berufsleben verstanden. Da das Wohnhaus auch Werkstatt und Verkaufsstelle war, stand der Zutritt jederzeit für jedermann offen. Begrenzte Geschäftszeiten gab es nicht. Bei gutem Wetter wurde übrigens vor dem Hause gearbeitet.

Durch die Fenster konnte man in die ebenerdigen Zimmer gucken, denn Gardinen kamen erst viel später auf. So konnte die Nachbarschaft oder auch die geistliche Obrigkeit jederzeit kontrollieren, ob ein geordnetes Leben geführt wurde. Diese Öffentlichkeit der Lebensverhältnisse ist uns heute ganz fremd. Aber sie war in der Frühen Neuzeit selbstverständlich, besonders in einer typischen Handwerker- und Ackerbürgerstadt wie Eutin.

Um 1700 gab es hier fast 200 Handwerkerfamilien, wobei sich die genaue Zahl nicht ermitteln lässt, da viele Bewohner gleichzeitig zwei oder mehrere Tätigkeiten ausübten, zum Beispiel Bäcker und Brauer, Schlachter und Leineweber, Musikant und Höker (Kleinhändler). Auch die städtischen Bauern übten noch einen Nebenberuf aus, zum Beispiel Ackersmann und Branntweinbrenner oder Ackers- und Zimmermann (nach Bürgerverzeichnis von 1728).

Die FamilieGanz anders als heute war auch der Familienbegriff in der Frühen Neuzeit. Wir verstehen heute unter Familie nur die sogenannte Kernfamilie, also Eltern und Kinder. Damals aber bildete die Wohn- und Lebensgemeinschaft des "ganzen Hauses" als unterste soziale Einheit die Familie, also alle Bewohner: Eltern mit Kindern und Stiefkindern, die noch lebenden Großeltern, unverheiratete Tanten und andere Verwandte oder Verschwägerte; auch das Gesinde, Lehrbuben und Gesellen gehörten mit zur Familie.

Dieser Einheit von Wohn- und Arbeitsbereich stand der "Hausvater" (pater familias) vor. Er war der Hausherr, also Herr des "ganzen Hauses", und führte das Hausregiment mit allen Rechten (bis zum Züchtigungsrecht), Pflichten und Verantwortungen. Er vertrat die (so erweiterte) Familie in der Öffentlichkeit und gegenüber der Obrigkeit, er sorgte patriarchalisch für den Schutz und ihr Wohlergehen.

Das HausDas Haus selbst war ein allgemein anerkannter Schutz- und Friedensbereich. Hausfriedensbruch wurde daher hart bestraft. Ein Schlag auf eine Person im Hause wurde ungleich härter bestraft als ein Schlag auf der Straße; ebenso ein Einbruch härter als Straßenraub. Sogar ein Schimpfwort ins Haus gerufen, so wird berichtet, galt als Verletzung der Ehre des Hausherrn und damit auch als Hausfriedensbruch.

So lebten Familie und Hausgemeinschaft im Schutze des Hauses. Es war üblich, möglichst viele Kinder zu haben, denn die Kindersterblichkeit war hoch, nicht zuletzt wegen der unzureichenden hygienischen Verhältnisse. Über die Hälfte aller Kinder starb vor dem 10. Lebensjahr. Kinder waren aber wichtig als billige Hilfskräfte bei der Arbeit und später für die Altersversorgung der Eltern.

Die Frau allgemein war dem Manne rechtlich gleichgestellt, im öffentlichen Leben ihm allerdings nachgestellt. Stadtdeputierte konnte sie nicht werden. Dennoch gab es angesehene Handwerksmeisterinnen, und sollte der Hausherr sterben, nahm die Hausfrau in jeder Beziehung seine Stellung ein.

Heiraten durfte erst, wer im Stande war, einen eigenen Haushalt zu führen. So konnten Gesellen, wenn sie nicht Meister wurden, auch keine Ehe eingehen. Daraus erklärt sich gerade in einer Handwerkerstadt wie Eutin eine hohe Zahl an Junggesellen.

Ältere Junggesellen wurden Hagestolz genannt. Bei der Einwohnerzählung 1791 hatte Eutin über 400 Gesellen, die mit im "ganzen Haus", also der Hausgemeinschaft, lebten.

Diese soziale Einheit des "ganzen Hauses" löste sich im 19. und. 20. Jahrhundert auf. Die "bürgerliche Familie", reduziert auf Eltern und Kinder, schirmte sich von der Öffentlichkeit der früheren Zeit ab und legte Wert auf einen eigenen abgeschlossenen und privaten Wohnbereich. Gardinen vor den Fenstern sind Ausdruck dieser Einstellung. Hausangestellte und oft auch die eigenen Kinder erhielten ihre eigenen Zimmer. Arbeits- und Wohnbereich wurden grundsätzlich getrennt.

An die Stelle der ungeschriebenen Rechte des Hausherrn und der Zünfte trat jetzt in Eutin das kodifizierte Recht der fürstbischöflichen Justizkanzlei; an die Stelle der einengenden Zunftbestimmungen die Gewerbefreiheit. Damit war eine Entwicklung zum modernen Staat eingeläutet.

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