Haus mit „gesellschaftlicher Rendite“

Suchen Mitstreiter: (v.li.) Christian Bielke, Barbara Braasch, Sven Borgert, Kirsten Ullrich, Daniel Hettwich und Katja Helmbrecht.
Suchen Mitstreiter: (v.li.) Christian Bielke, Barbara Braasch, Sven Borgert, Kirsten Ullrich, Daniel Hettwich und Katja Helmbrecht.

Mietwohnprojekt in Selbstorganisation soll im „Kleinen Hotel“ in der Albert-Mahlstedt-Straße entstehen / Infoabend am 15. Juni

shz.de von
07. Juni 2018, 16:56 Uhr

Die Planungen und Vorarbeiten für ein Wohn- und Gemeinschaftsprojekt im „Kleinen Hotel“ in der Albert-Mahlstedt-Straße laufen auf Hochtouren. In der zweiten Jahreshälfte 2019 soll das Hotel in ein Wohnhaus umgebaut werden. Doch nicht ein gewöhnliches Mietshaus soll hier entstehen, sondern eine Gruppe von Enthusiasten möchte hier Raum schaffen, um in solidarischer Gemeinschaft wohnen und wirken zu können. Gestern stellte das Sechser-Team seine Pläne im Detail vor.

Die Initiatoren haben alle einen Hang zum gemeinschaftlichen Wohnen und wünschen sich eine vielfältige Bewohnerschaft – Alter, Herkunft, Konfession oder Vermögen seien nicht relevant. 15 bis 20 Personen könne sich ins Haus einmieten. Im Erdgeschoss sei eine Paar-Wohnung geplant, im Dachgeschoss könnte aus vier Appartements eine Dreier-WG werden mit einem Gemeinschaftsraum. Was im Haus passiert, „hängt ganz von den Mietern ab“, sagt Barbara Braasch. Gemeinsam mit ihren fünf Mitstreitern und weiteren Interessenten ist sie sicher, dass nur geringe Umbauten im Haus zu erledigen seien. Die flexible bauliche Struktur der zwei verbundenen Altstadthäuser biete die Möglichkeit unterschiedlich großer Wohn-Einheiten, sagt Katja Helmbrecht. Zudem verfüge das 2000 Quadratmeter große Doppel-Grundstück über ein rund 90 Quadratmeter großes Hinterhaus. Den Bewohnern sollen zusätzlich umfangreiche Gemeinschaftsflächen – Küche, Hauswirtschaftsraum, Wintergarten, Büro und Garten – zur Verfügung stehen. „Die umfangreichen und einladenden Gemeinschaftsflächen bieten ideale Voraussetzungen für vielfältige soziale, politische und kulturelle Angebote“, sagt Katja Helmbrecht.

Im Juli 2013 hatte das „Kleine Hotel“ eröffnet. In zwei miteinander verbundenen historischen Stadtvillen hatte Inhaberin Antje Maichl die 21 Zimmer mit insgesamt 37 Betten individuell ausgestattet. Doch die Gästezahlen waren rückläufig; im März hatte sie angekündigt, den Betrieb des Hotels nur noch bis zum Jahresende fortführen zu wollen (wir berichteten). Die Eutiner Wohnprojekt-Fans spitzten die Ohren, als sie von der Schließung hörten. Und durch direkte Kontakte erhielten sie den Zugriff aufs Hotel-Areal, bevor es überhaupt auf dem Markt auftauchen konnte. Ein Glücksfall im doppelten Sinne, denn die Aufteilung des Hotels spielt dem Wohnprojekt in die Hände. „Im Prinzip ist alles fertig“, sagte Katja Helmbrecht und spricht über die einzelnen Zimmer, die jeweils über eigene Bäder verfügen.

Seit vielen Jahren gibt es bundesweit die Netzwerkstruktur des so genannten Mietshäuser-Syndikats mit inzwischen mehr als 120 Hausprojekten, um die Wohnungsfrage nach anderen Werten zu organisieren. Um gemeinsam mit diesem Netzwerk das Wohn- und Gemeinschaftsprojekt in Eutin realisieren zu können, wurde extra der Verein Analog Eutin gegründet.

Das Eigentum am Hotel-Areal soll
in der Hand einer Haus GmbH liegen. Diese besteht aus dem Hausverein – also den Bewohnern – und dem Mietshäuser-Syndikat. Der Hausverein übernimmt die Geschäftsführung und alle das Projekt betreffenden Entscheidungen. Das Syndikat hat hingegen lediglich ein Vetorecht.

Über die Kaufsumme werde noch verhandelt, so Christian Bielke. Fest steht jedoch, dass für die Finanzierung des Projekts ein Bankkredit herhalten muss. Private Geldgeber sollen weitere Mittel bereitstellen. „Die Rendite ist eine gesellschaftliche Rendite“, sagt Bielke, denn außer einem geringen Prozentsatz gibt es für die Geldgeber nur das gute Gefühl zurück, ein soziales Wohnprojekt zu unterstützen. „Wohnen in der Stadt kontra Flächenverbrauch“ fasst es Bielke zusammen und spricht davon, dass es wichtig für das Funktionieren einer Stadt sei, Wohnraum wie den im „Kleinen Hotel“ zu schaffen. Die Mieten wiederum – angedacht sind neun Euro Kaltmiete pro Quadratmeter – sollen lediglich dazu dienen, den Bankkredit zu bedienen und eine kleine Rücklage zu bilden, ergänzt Daniel Hettwich.

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