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Haus des Gastes: Stadtvertreter rechnen mit „alternativen Fakten“ ab

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

shz.de von
erstellt am 24.Feb.2017 | 00:32 Uhr

Die Diskussion um den Bürgerentscheid des Haus des Gastes erreichte in der Stadtvertretung am Mittwochabend eine neue Qualität: Von alternativen Fakten war die Rede, Vorwürfe des Lügens wurden laut. Zu viel Trump oder verhärtete Fronten? Die Stadtvertreter sprachen sich – bis auf die FWE – wie erwartet gegen die Sanierung des Haus des Gastes aus. „Der Standort hat Potenzial für eine angepasste Hotelansiedlung mit Außengastronomie. Eutin wird weder einen Hotelklotz noch Eigentumswohnungen zulassen“, verlas Bürgervorsteher Dieter Holst den Abstimmungszettel der Stadtvertretung.

Sigrid Jürß, eine von drei Vertretungsberechtigten der Bürgerinitiative (BI) zum Erhalt und zur Sanierung des Haus des Gastes (HdG), legte in ihrer Stellungnahme den Fokus auf die Geschehnisse seit 2015: Es habe einen erfolgreichen Bürgerentscheid 2015 für den Erhalt des Hauses gegeben, aber nichts passierte seitens der Stadt. Statt erhaltende Maßnahmen wurden schädigende erlaubt, als es im Sinne der Stadt war, so Jürß. „Für die Renovierung als Büro und Wohnung zur Landesgartenschau stand Geld bereit. Die Schäden, die der Caterer hinterließ, sind bis heute nicht behoben.“ Bis heute halten die Stadtvertreter außer der Freien Wähler an einem Abriss fest, obwohl ein Hotelinvestor noch nicht in Sicht sei: „Wie lange wollen Sie noch auf einen warten?“, fragte Jürß in Richtung Stadtvertreter. Aus Sicht der BI brauche Eutin das HdG, weil es Toiletten und eine kleine Gastronomie an der Stadtbucht sowie kleine Räume für Vereine sonst nicht gebe. „Die Substanz ist in Ordnung. Die Stadt hat das Haus und den Außenbereich so vernachlässigt, dass die Kosten für eine Instandsetzung heute geringer hätten sein können. Der Brunnen wurde sogar abgerissen, obwohl es den Entscheid zum Erhalt gab.“

Mit Blick auf die zahlreichen Dementis, die die Nennung einer Liste mit potenziellen interessierten für das HdG hervorbrachte, sagte Jürß: „Wir entschuldigen uns bei allen, die unabsichtlich in die Nähe der BI gerückt worden sind.“

Jürß kritisierte erneut das Gutachten der Stadt, das BI–Unterstützer im Vorfeld von den Zuschauerrängen „Gefälligkeitsgutachten“ nannten: „Die 2,8 Millionen Euro enthalten Maßnahmen, die von der BI nie gefordert worden sind.“ Die Renovierungsarbeiten betragen aus Sicht der BI 504  000 Euro, darin seien energetische Maßnahmen und solche für die Barrierefreiheit enthalten. Alle Fraktionen – ausgenommen der Freien Wähler – bezweifelten indes die Seriosität der Berechnungen, wenn es sich um Sanierungen für ein öffentlich zugängliches Gebäude handeln solle.

Jürß zitierte mehrfach aus vorbereitenden Sanierungsgutachten aus den Jahren 2013/14, die die Bedeutung des Haus des Gastes betonen und wonach beide Veranstaltungsorte – die Reithalle und das Haus des Gastes – mit prozentualer Förderung benannt werden. „Was sie nie dazu erzählen, ist das Schreiben vom 2. Dezember 2014, in dem das Innenministerium der Stadt für eine Doppelförderung der Reithalle und des Haus des Gastes eine Absage erteilt“, sagte Monika Obieray stellvertretend für die erkrankte Christiane Balzer in der Stellungnahme der Grünen zu den „alternativen Fakten“ der BI. Ebenso verschweige die BI laut Grünen, dass der Betrieb des HdG bei Förderung mindestens 25 Jahre aufrecht erhalten bleiben müsse, sonst drohe die Rückzahlung der Fördergelder. „Sie legen wider besseres Wissen veraltetes Material vor“, warf Obieray der Bürgerinitiative vor.

Jürß hingegen stellte abschließend klar: „Die Stadt entscheidet über die Höhe der Sanierungskosten. Ein Ja muss nicht bedeuten, dass Sie 2,8 Millionen Euro ausgeben“, sagte Jürß in Richtung der Stadtvertreter. Die BI wolle keine Luxussanierung mit Eichenparkett, sondern eine solide werterhaltende Instandsetzung mit Möblierung und ansprechender Außenanlage. Jürß forderte stellvertretend für die BI die Stadtvertreter auf: „Klären Sie die Bürger über eine Alternativlösung und deren Kosten auf. Sie können sich jederzeit umentscheiden. Die BI reicht Ihnen dafür heute die Hand.“

Gabriele Appel (SPD) zollte dem rhetorisch guten Vortrag der BI-Vertreterin Respekt und fragte zugleich: „Wo waren sie all die Jahre, als wir das Gemäuer in den Ausschüssen bewegt haben?“ Appel zweifelte wie alle anderen Fraktionen an der Seriosität der Kostenberechnungen der BI. Überrascht hatte Appel mit ihrer Aussage: „Wir würden es nur mit einfachen Mitteln in Stand setzen für eine Sommernutzung.“ Monika Obieray (Grüne) rief alle Wahlberechtigten ab 16 Jahre dazu auf, beim Entscheid mitzumachen, „nur so können Sie sicherstellen, dass die Schlossterrassen saniert werden. Lassen Sie sich nicht von alternativen Fakten verwirren.“

Jens-Uwe Dankert (FDP) nannte das Sanierungskonzept der BI „lebensfremd“, sein Vertrauen in die BI sei nach den Dementis bezüglich der Listen verloren gegangen. „Wir brauchen keinen Hotelklotz und wir wollen kein Geld in das Haus des Gastes stecken“, so Dankert. Matthias Rachfahl (CDU) erteilte Jürß’ Aussage, es gebe kein Nutzungskonzept für die Reithalle, eine Abfuhr: „Das ist eine schallende Ohrfeige für all diejenigen, die sich tatkräftig dafür eingesetzt haben. All ihre Nutzungsideen entstammen doch aus der Vorlage für die kleinen Räume, die wir in der Reithalle herrichten wollen.“ Das Toiletten und Gastronomie an dem Ort notwendig seien, sei unstrittig. „Aber wie das genau aussieht, müssen wir überlegen“, so Rachfahl. Von einem Pavillon war die Rede.

Bürgermeister Carsten Behnk wurde noch deutlicher: „Ihr Papier ist ein Witz. Sie stehen auf Treibsand und entziehen ihrem Begehren jeglichen Boden, wenn Sie die Menschen glauben lassen, Udo Stücker könne seine Pläne vom gläsernen Anbau verwirklichen. Den wollen sie nämlich laut Fragestellung erhalten und nicht abreißen.“

Entschieden wird am 7. Mai. Beide Seiten hoffen auf einen fairen Wahlkampf.

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