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Ostholsteiner Anzeiger

18. November 2017 | 05:29 Uhr

Haus des Gastes als Denkzettel für Stadt

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Stimmungsmache der Bürgerinitiative: Es geht längst nicht mehr nur um das Haus des Gastes / Gut 60 Interessierte kamen zur Infoveranstaltung, darunter auch Gegner

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2017 | 00:28 Uhr

Abreißen oder erhalten? Wie die Mehrheit der wahlberechtigten Eutiner entscheidet, steht nächsten Sonntag fest. Dass es längst nicht mehr nur um den Erhalt des Haus des Gastes geht, ist einigen erst vergangenen Freitag klar geworden. Auf ihrer vorletzten Infoveranstaltung rief die Bürgerinitiative öffentlich dazu auf, der Stadtpolitik einen Denkzettel zu verpassen und deshalb für den Erhalt des Hauses zu stimmen. „Wenn Sie sich am 7. Mai für oder gegen den Erhalt des Haus des Gastes entscheiden, dann entscheiden Sie sich auch für oder gegen die aktuelle Stadtpolitik. Wenn Sie dieser katastrophalen Stadtpolitik die rote Karte zeigen wollen, dann stimmen Sie am 7. Mai mit Ja“, rief Sigrid Jürß die gut 50 Anwesenden am Ende ihrer Rede im Neudorfer Hof auf. Applaus folgte. So sahen das offenbar viele.

Anfangs waren es gut 60 Zuhörer – nur eine handvoll von ihnen war unter 50, der Großteil 70 und älter. Einige verließen noch während der gut einstündigen, hauptsächlich auf Lübeck bezogenen Rede von Wolfgang Neskovic, Bundesrichter a.D., den Neudorfer Hof, in dem die Veranstaltung stattfand. „Das ist mir zu lang. Ich wollte was von Eutin hören“, sagte eine der Damen im Gehen.

Fast alle waren an diesem Abend mit einem Entschluss gekommen, nur wenige wirklich unentschieden. Aber die Stimmungsmache der Bürgerinitiative gegen die „katastrophale Stadtpolitik“, wie Jürß betonte, kam gerade bei den Neulingen der Veranstaltung nicht gut an. So beim einstigen Kommunalpolitiker aus Lütjenburg, Rainer Krug (76): „Ich finde so eine Veranstaltung sinnvoll, aber ich finde nicht gut, dass hier Wahlkampf gemacht wird. Die Schönfärberei der Stadt kritisiert Neskovic, aber dass die Prospekte der BI auch geschönt sind, wird verschwiegen.“ Er war gekommen, um sich die Meinung der Befürworter und Gegner anzuhören, hielt aber wegen der Länge und „Art und Weise des Vortrags“ nicht durch, wie er sagte.

Ulrike Jotter (57) sah das ähnlich: „Was hier gemacht wird, ist pure Parteipolitik. Ich stimme der Kritik an der Stadt zu, aber das Haus des Gastes ist mit Sicherheit nicht der richtige Weg, diese zum Ausdruck zu bringen.“ Sie sei gegen den Erhalt, „es ist potte hässlich und seit zig Jahren leer“. Eine 55-Jährige wollte, wie etliche Besucher der Veranstaltung, ihren Namen nicht in der Zeitung lesen: „Ich bin gegen den Erhalt, auch wenn einzelne Argumente für die BI sprechen aber die Art und Weise des heutigen Abends geht unter die Gürtellinie.“ Eine unentschlossene 60-Jährige wertete den Abend als „sehr informativ, aber jetzt brauche ich noch die Argumente der Stadt für den Abriss, um mir eine richtige Meinung bilden zu können“.

Erwartungsgemäß waren die Befürworter an diesem Abend stärker vertreten. Viele waren sogar selbst bei der Einweihung des Hauses Ende der 60er Jahre dabei gewesen, schwelgten auf Nachfrage in Erinnerung an „die schöne alte Zeit“. Edda Preuß (74): „Das ist der schönste Fleck, den wir in Eutin haben. Da haben wir so oft im Café gesessen.“ Helga Clasen (88) fügte hinzu: „Und Boule gespielt.“ Beide BI-Mitglieder haben die Hoffnung, dass sich einer der möglichen drei Betreiber, die die BI-Sprecher nannten, bereit erklärt, wieder ein Café einzurichten. Die Namen der drei Interessenten kannten die Mitglieder auf Nachfrage jedoch nicht.

„Wir brauchen bezahlbare Vereinsräume“, forderte eine älter Dame.

Doch diese Gründe zählten für Abrissbefürworter wie Eike Diller (Grüne) nicht: „Ich bin für den Abriss, weil die Eutiner schon in den 80er und 90er Jahren durch ihre Nichtnutzung gezeigt haben, dass sie das Haus gar nicht brauchen.“ Er hofft auf ein demokratisches Ergebnis durch eine hohe Wahlbeteiligung. Diller: „Das Schlimmste, was passieren kann: Es wird saniert, kein Betreiber gefunden und dann steht es wieder leer.“ Björn Bünning (37) war einer der wenigen Jüngeren im Saal und für den Abriss des Hauses, „weil der Erhalt nicht zukunftsträchtig und nicht enkelfähig ist. Es geht hier offenbar nur darum, die Wut und den Protest gegenüber der Politik Ausdruck zu verleihen.“ Wenn dies der Weg sei, einen Entscheid zu solchen Folgekosten zu gewinnen, „sollten einige BI-Mitglieder mal in sich gehen und sich fragen, ob dies wirklich alles so richtig war“, sagte Bünning.

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