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„hääyöaie“ – sowas fordert Sprechmuskeln

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 14.Okt.2014 | 11:11 Uhr

Finnland genießt in Deutschland allgemein einen guten Ruf. Besonders das finnische Bildungssystem wird oft gelobt. Dann gibt es auch noch das klare und stilvolle finnische Design und aktuell natürlich auch finnische Literatur (siehe gerade vergangene Frankfurter Buchmesse).

Trotzdem gilt Finnland auch als ein bisschen verrückt. Konnte man doch auch im Ostholsteiner Anzeiger schon von ehefrauentragenden, luftgitarrespielenden und handyweitwerfenden Finnen lesen. Für mich klang das nach genau der richtigen Mischung, um ein Jahr in Helsinki zu leben. Die Reaktionen auf meinen Plan, ein Jahr lang im nördlichsten EU-Mitgliedsland zu studieren, fielen allerdings eher skeptisch aus: „Aber es ist so kalt da. Und dunkel. Und die Finnen sind doch so introvertiert. Und im Sommer kannst du nicht schlafen und die Mücken fressen dich auf.“ Ich finde es gerade spannend, dem mitteleuropäisch-gemäßigten Matsch-Winterklima den Rücken zu kehren und hoffentlich einen Winter voller Schnee und einen Sommer voller Licht zu erleben. Zehn Monate werde ich in Helsinki studieren und Praktika machen.

Bei der Einführungsveranstaltung für die Austauschstudenten wurde uns erklärt, dass sich Finnland (auf finnisch Suomi) durch drei „S“ auszeichne: Sauna, Salmiakki und Sisu.

In die Sauna gehen gehört in Finnland ganz einfach zum Alltag. Die Finnen veranstalten auch nicht so ein Gewese darum. Fast jedes Wohnhaus hat eine Sauna. Auch bei mir gibt es eine Sauna, die an vier Tagen in der Woche geöffnet ist. Gesaunt wird, wie jede und jeder es als angenehm empfindet, nackt und nach Geschlechtern getrennt. Das hat nichts mit Prüderie zu tun, sondern ist einfach für alle Beteiligten entspannt.

Eine weitere Leidenschaft gibt es in Finnland für Salmiakki, also besonders starkes und salziges Lakritz. Entweder wird es leidenschaftlich geliebt oder leidenschaftlich gehasst. Ich gehöre zur ersten Kategorie und stehe immer wieder staunend wie ein Kind vor den Süßwarenregalen im Supermarkt. Denn es gibt unendlich viele Varianten von Lakritz und auch andere
wunderbare Süßigkeiten und Schokolade. Natürlich gibt es auch Lakritzschokolade.

Das dritte „S“ ist etwa schwerer zu erklären. Sisu lässt sich nicht übersetzen und ist eine mentale Eigenschaft, die angeblich nur die Finnen haben. Wer Sisu hat, ist stark, mutig, widerstandsfähig und ausdauernd. Er oder sie übersteht den kältesten und dunkelsten Winter und hält es in der heißesten Sauna aus.

Es gibt auch eine Süßigkeitenfirma, die Sisu heißt. Sie stellt Weingummipastillen mit besonders starkem – wie sollte es auch anders sein? – Lakritzgeschmack her.

Ich würde den drei „S“ gerne noch ein viertes hinzufügen: Sprache. Die Sprache ist natürlich für jedes Volk identitätsstiftend. Trotzdem ist Finnisch eine besondere, hochkomplexe Sprache, die etwa 4,7 Millionen Menschen sprechen und die mit unserer so gar keine Ähnlichkeit hat. Finnisch gehört zur finno-ugrischen Sprachfamilie, hat 15 verschiedene Fälle (im Deutschen gibt es vier), Vokalharmonie und Stufenwechsel. Dafür gibt es kein grammatikalisches Geschlecht und keinen Futur.

Eine finnische Schriftsprache wurde erst Mitte des 16. Jahrhunderts von Mikael Agricola eingeführt, der in Deutschland bei Martin Luther studierte und das neue Testament ins Finnische übersetzte. Damit die finnische Bevölkerung dieses Werk aber überhaupt lesen konnte, musste Agricola erst einmal eine Schriftsprache entwickeln.

Die Finnen sind sehr stolz darauf, dass alles so ausgesprochen wird, wie es geschrieben wird. Ich bezweifle, dass das die Dinge einfacher macht.

Beim Aussprechen von „hääyöaie“, was soviel heißt wie Hochzeitsnachtsplan, bekomme ich Sprechmuskelkater. Wo viele europäische Sprachen in meinen Augen merkwürdig aussehen und klingen, wenn man sie rückwärts schreibt und liest, macht das im Finnischen keinen Unterschied.

Obwohl ich die Sprache unerklärlicherweise poetisch und liebenswert finde, lerne ich kein Finnisch, sondern Schwedisch. Denn ich studiere an einer schwedischsprachigen Hochschule. Schwedisch ist neben Finnisch offizielle Amtssprache in Finnland. Etwa 5,5 Prozent der Bevölkerung geben Schwedisch als ihre Muttersprache an. Es gibt schwedische Schulen, Theater und Radiosender. Auf der zu Finnland gehörenden Inselgruppe Åland ist Schwedisch sogar die einzige Amtssprache. Die Zweisprachigkeit lässt sich auf die Geschichte Finnlands zurückführen. Über 500 Jahre lang gehörte Finnland zu Schweden, war danach ein Großfürstentum im Russischen Reich und erlangte erst 1917 die Unabhängigkeit. Einen entsprechend unbeliebten oder wenigstens zwiespältigen Status hat also Schwedisch allgemein in der Gesellschaft. Ich finde die Zweisprachigkeit bewundernswert und bin bisweilen ein wenig neidisch auf meine finnlandschwedischen Kommilitonen, die mindestens fließend Schwedisch und Finnisch und sehr gut Englisch sprechen.

Einen besonderen Stellenwert hat in Finnland auch die Natur. Das verhältnismäßig kleine Volk liebt es, seine ausgedehnten Sommerferien in der finnischen Natur zu verbringen – und das vorzugsweise in der eigenen Mökki. So heißen die meistens sehr schlichten Sommerhäuser auf Finnisch.

Und das ist absolut verständlich, denn die Natur ist tatsächlich wunderschön hier. Mit den vielen Seen, Wäldern und Felsen fühle ich mich beim Wandern ein bisschen wie Ronja Räubertochter. Auch von Helsinki erreicht man nach einer Stunde Fahrt mit Zug und Bus den Nuuksio Nationalpark, in dem man wunderbar seine Sonntage verbringen kann. Das Wappentier des Parks ist das vom Aussterben bedrohte Flugeichhörnchen, dessen Population dort besonders groß ist. Leider konnte ich noch keines entdecken. Auf Erkundungstour lässt es sich aber auch sehr gut in Helsinki gehen. Die Hauptstadt ist mit gut 600 000 Einwohnern mit Abstand die größte Stadt Finnlands und hat ein vielseitiges Kulturangebot. Darüber werde ich nächsten Monat berichten.

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