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„Gummibärchen sind wie Sülze – nur süß“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 05.Feb.2014 | 00:31 Uhr

Sehr, sehr lange habe ich nichts mehr geschrieben. Selbstverständlich habe ich wieder viel erlebt, gesehen und gelernt.

Zu Anfang möchte ich anmerken, dass es mir mittlerweile erschreckend schwer fällt, Texte in grammatikalisch schönem Deutsch zu schreiben. Ich lebe nun seit fast sechs Monaten hier und fange langsam an, auf Estnisch zu denken. Nicht ausschließlich, Deutsch ist immer noch meine Muttersprache, aber ich ertappe mich immer wieder dabei. Und da ich hier nur mit anderen Austauschschülern Deutsch rede, die dieselben Probleme haben, merke ich, dass ich mittlerweile ein sehr einfaches Deutsch, durchsetzt von estnischen Wörtern, spreche.

Die Weihnachtszeit war eine sehr spannende Zeit. Vieles ist hier ganz anders als in Deutschland. Am meisten fällt das Fehlen des christlichen Aspektes von Weihnachten auf. Estland ist ein durchgehend atheistisches Land, eine Folge der langen Periode als Teil der kommunistischen Sowjetunion: Die orthodoxe Glaubensrichtung lehnen die Esten ab, weil sie so wenig wie möglich mit den Russen gemeinsam haben wollen. Der evangelische Glaube wurde in der UdSSR unterdrückt, sodass die Esten nach ihrer Unabhängigkeit nicht zu ihm zurückfanden. Weihnachten ist hier eher ein Fest der Familie und etwas, um „ein bisschen Licht und Freude in die winterliche Dunkelheit zu bringen“, wie mir eine Freundin erklärte.

Es gibt zum Beispiel kaum Adventskränze. Ich habe es aber nicht lassen können,selbst einen zu binden. In die Kirche geht so gut wie niemand, und Krippen werden auch nicht unter dem Weihnachtsbaum aufgebaut. Den Heiligen Nikolaus gibt es auch nicht, wohl aber „Päkkäpikkud“, kleine Helferchen des Weihnachtsmannes. Diese Wichtel werfen, je nachdem wie brav das Kind am Vortag war, etwas in die Socken, die über dem Kamin aufgehängt werden, oder in die Schuhe. In vielen Familien hängen die Kinder ihre Weihnachtssocken auch an die Fenstergriffe und hoffen auf Schokolade oder kleine Geschenke.

Mir haben die Päkkapikkad zu Hause Socken und Süßigkeit gebracht und einmal, als ich bei meiner Freundin
Julie übernachtet habe, lagen morgens von ihrer Mama selbstgestrickte Handschuhe in Estlandfarben auf meinen Schuhen. Wunderschön und sehr warm.

Was ich ebenfalls nicht wusste: Plätzchenbacken ist wohl typisch deutsch. Hier kennt das niemand. Man backt höchstens Pfefferkuchen. Dafür gibt es in der Weihnachtszeit viele Kuchen und estnische Spezialitäten: Blutwurst und Sülze.

Ich muss zugeben, dass ich Blutwurst richtig gerne mag. Wenn man sich überwindet und probiert, schmeckt sie sehr gut und kein bisschen „blutig“. Sülze werde ich
allerdings nicht vermissen: wie Gummibärchen, nur
mit schrecklichem Fleischgeschmack…

Der Kommentar meines Gastvaters zu meiner Aussage: „Falsch. Gummibärchen sind wie Sülze – nur süß. Ich verstehe nicht, warum die Deutschen das essen.“ Hier in Estland gibt es so gut wie keine Gummibärchen.

Mein Weihnachtsfest an sich war sehr unspektakulär und bestand vor allem aus Essen. Mehrere Braten, Kuchen, Gemüse, Salate, Gebäck, Sülze, Pralinen, Pfefferkuchen…

Meine Tante und einige andere Verwandte waren zu Besuch, und jeder hat ein kleines Geschenk bekommen. Wir hatten vorher ausgelost, wer wem etwas schenkt. Vorher musste man ein Weihnachtsgedicht aufsagen oder etwas singen. Ich habe „Oh Tannenbaum“ auf Deutsch, Englisch und Estnisch gesungen.

In meinem Geschenk waren Socken (alle Esten haben Socken bekommen) und eine Theaterkarte. Ich finde es sehr schön, dass es keine „Geschenkeschlacht“ gibt, wie ich sie aus Deutschland gewohnt war. Es ist hier üblich, nur ein kleines, aber liebgemeintes Geschenk zu bekommen.

Wir sind spätabends noch auf den Friedhof gefahren und haben Kerzen für verstorbene Verwandte angezündet, was eine estnische Tradition ist. Das war ein wunderschöner Anblick. Auf dem großen Stadtfriedhof von Tartu brannten auf jedem Grab ein bis fünf Kerzen, und viele Menschen liefen mit noch mehr Kerzen in den Händen schweigend zwischen den Bäumen entlang. Noch schöner wäre es bei Schnee gewesen, aber es war auch so sehr beeindruckend.

Silvester gab es immer noch keinen Schnee. Da der 31. Dezember auch der Geburtstag meines kleinen Gast-Bruders ist, haben wir zu Hause Sushi gegessen. Ich hatte eine Freundin eingeladen. Es wurde viel ferngesehen (estnische Tradition) und um 23.40 Uhr sind wir in die Stadt gefahren, um auf dem Rathausplatz das Feuerwerk zu bewundern.

Dumm nur, dass man mit dem Auto zehn Minuten in die Innenstadt braucht und dann noch einen Parkplatz finden muss. Vier Minuten vor Mitternacht sind wir Richtung Rathaus losgerannt. Nun muss man wissen, dass fast alle Menschen aus ganz Tartu und Umgebung um Mitternacht auf dem Rathausplatz und am Flussufer sind. (Vermutlich waren 20 Prozent aller Esten dort versammelt, so viele gibt es ja nicht.) Es kam, was kommen musste: Wir haben uns in der Menschenmenge aus den Augen verloren. Da das fast allen Esten an Silvester passiert, nenne ich es jetzt auch mal eine Tradition.

Den Jahreswechsel habe ich damit verbracht, mich an die Kapuze meines ältesten Gast-Bruders zu klammern und nach den anderen Ausschau zu halten. Es war trotzdem sehr lustig, das Feuerwerk war wirklich schön und ich habe viele Umarmungen von fremden, angetrunkenen Esten bekommen Ach ja, mehrere Klassenkameraden und Bekannte habe ich auch getroffen, Tartu ist einfach winzig. Später hat sich die ganze Familie am Auto wiedergefunden und wir sind nach Hause gefahren.

Bis vor vier Wochen hatten wir den wärmsten Winter seit langem. Weihnachten ohne Schnee sind sehr, sehr ungewöhnlich in Estland. Es war wirklich schreckliches Wetter, kalt, aber nass. Die Sonne scheint – wenn überhaupt – nur von 8.30 bis 15.30 Uhr (Palju õnne, in dieser Zeit sitze ich in der Schule).

Aber dann kam endlich Schnee. Nicht viel, aber es ist alles weiß. Seit mehreren Wochen haben wir wunderschönes klares, kaltes Wetter. Tagsüber Sonnenschein und minus 15 Grad, nachts sternenklar oder ein bisschen Nebel bei bis zu minus 27 Grad. Meine zwei Kilometer Fußweg laufe ich natürlich trotzdem.

Ich wollte schon immer wissen, wie kalt minus 30 Grad sind. Nun ja, ich nehme an 27 Grad zählt auch: es ist wirklich kalt. Man kann es sich etwa so vorstellen, als ob man bei minus 10 Grad nur in Strumpfhose und Regenjacke unterwegs ist. Wenn man Schnupfen hat, friert einem die Nase regelrecht zu, außerdem hatte ich vereiste Wimpern, Haare, Mütze und Schal.

Aber man lernt, sich einzupacken. Außerdem gewöhnt man sich daran. Ich komme bei einstelligen Minustemperaturen mittlerweile wunderbar ohne Mütze und Handschuhe zurecht.

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