Günter Machemehl: Künstler und Opfer des Zeitgeistes

Erst Arbeitsverbot, später das Diktat des Zeitgeistes: Günter Machemehl stieß mehrfach auf Widerstand.
Erst Arbeitsverbot, später das Diktat des Zeitgeistes: Günter Machemehl stieß mehrfach auf Widerstand.

Günter Machemehl, ein spätimpressionistischer Maler, der in Ostholstein gelebt hat, stellt die Kreisbibliothek mit einer neuen Ausstellung vor. Sie wird bis 2. Oktober zu sehen sein. In einer Zusatzveranstaltung am Dienstag, 8. September, um 19.30 Uhr wird darüber hinaus der Künstler, der mit Hermann Hesse und dem Brücke-Maler Karl Schmidt-Rottluff befreundet war, vorgestellt.

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03. September 2009, 03:59 Uhr

Eutin/ | Machemehl wurde 1911 in Schlawe (Hinterpommern) geboren, studierte von 1931 bis 1934 in Berlin Malerei an der Hochschule für Bildende Künste bei Friedrich Dannenberg sowie Kunstgeschichte und Philosophie an der Friedrich-Wilhelm-Universität. 1933 lernte er Hermann Hesse kennen und begann einen Briefwechsel mit dem von ihn hoch verehrten Autor, der bis zu dessen Tod fortgesetzt wurde.

Nach seiner Rückkehr nach Schlawe war Machemehl freischaffender Künstler, hatte Ausstellungen in Stettin, Halle, Görlitz, Köslin und in Berliner Galerien. Er war Mitglied des Pommerschen Künstlerbundes, pflegte Kontakte zu Max Pechstein und Lyonel Feiniger und befreundete sich mit Karl Schmidt-Rottluff, Gründungsmitglied des expressionistischen Künstlerbundes "Die Brücke". Es war eine Freundschaft, die Machemehl sehr geprägt hat und die bis an sein Lebensende dauern sollte.

Der junge Maler stand am Beginn einer viel versprechenden Karriere, er heiratete seine Frau Anne Liese und verlegte seinen Wohnsitz mit Atelier nach Labus am Jamundwer See, als ihn 1937 wie viele andere Künstler ein Verkaufs- und Ausstellungsverbot des NS-Regimes traf. Im Krieg geriet er in russische Gefangenschaft, wurde zur Zwangsarbeit im Raum Danzig geschickt.

Am 2. April 1946 erreichte das Ehepaar Machemehl mit einem Transport das Lager Lübeck-Pöpendorf und schließlich am 13. Juni Sierksdorf, wo es eine neue Heimat fand. In seiner ersten Schaffensperiode, bis 1945, sind etwa 400 Aquarelle entstanden, von denen nur 30 gerettet wurden.

Die Machemehls lebten in sehr beengten Verhältnissen, aber Günter Machemehl begann wieder zu malen, zuerst Motive der Erinnerung an Pommern ("Pappeln am See") und dunkle Bilder, die um das Thema der Vergänglichkeit kreisen ("Totenschädel", "Schwarze Malven", "Gestutzte Weiden"). Dann aber werden auch Motive der neuen Umgebung sichtbar, wie das Brodtener Ufer, Boote und Angler. 1947 adoptieren die Machemehls die im Krieg verwaiste Nichte Ingrid; auch die Kontakte zu Schmidt-Rottluff und zu Hesse werden wieder aufgenommen. Und ab 1951 kommen Karl und Emy Schmidt-Rottluff regelmäßig nach Sierksdorf, bewohnen dort, nachdem 1952 das Haus der Machenmehls fertig gestellt worden ist, jeden Sommer einen Anbau, in dem sich Schmidt-Rottluff ein Atelier eingerichtet hat.

Doch nach einer Zeit produktiven Malens in den ersten Sierksdorfer Jahren ließ Machemehls Schaffensdrang nach. Zwischen 1951 und 1956 entstand kein Bild. Krankheiten oder der anstrengende Hausbau mögen Gründe dafür gewesen sein, sicherlich auch die Enttäuschung darüber, dass seine Suche nach Ausstellungsmöglichkeiten weitgehend erfolglos blieb. Anfang der 60er Jahre werden zweimal seine Bilder für eine Jahresschau des Schleswig-Holsteinischen Künstlerbundes abgelehnt, woraufhin er seinen Austritt erklärt. Die Expressionisten mit ihrer überwiegend gegenständlichen Malerei waren inzwischen ins Abseits geraten, abstrakte Kunst war nun gefragt. Ähnlich Erfahrungen machte auch Max Pechstein 1953.

Den weit weniger etablierten Maler Machemehl traf diese Veränderung im Zeitgeist existenziell. Erst eine Reise nach Tirol (1956) und das Erlebnis der Alpenwelt inspirierten Machemehl wieder zum Malen. Er entwickelte eine neue eigene Mischtechnik unter Verwendung von Ölkreide, Wachsfarben und schwarzer Tusche, zugleich wurden die Formate seiner Bilder wesentlich kleiner. In den folgenden Jahren blieb die Berglandschaft sein bevorzugtes Motiv, daneben weiterhin die Landschaft an der Ostsee, Blumen und Porträts.

Mit knapp 59 Jahren starb Günter Machemehl am 3. Februar 1970. Er hinterließ mit etwa 1000 Bildern ein umfangreiches Oeuvre. Außer seinen Aquarellen und Bildern in Mischtechnik finden sich zahlreiche Skizzen, Vorstudien und Entwürfe, aber auch reizvolle Kleinkunst wie Illustrationen auf Briefen und Postkarten sowie mit Aquarellen gestaltete Buchumschläge. Zu all diesen Bereichen zeigt die Ausstellung in der Kreisbibliothek zahlreiche Beispiele, wobei alle drei Schaffensphasen Machemehls berücksichtigt werden.

Nach Machemehls Tod verwaltete seine Frau Anne Liese sein künstlerisches Erbe. Nun kam es fast jedes Jahr zu Ausstellungen, schon 1971 in Meran und Minden. Sie setzte sich in ganz Deutschland fort: in Hamburg, Kiel, München, Kassel, Bonn, Greifswald, aber auch in Husum, Travemünde, Burg auf Fehmarn und in Sierksdorf.

2005 übernahm die Tochter Ingrid und ihr Mann Erwin Jenett den künstlerischen Nachlass Günter Machemehls, nun kam es auch zu diversen Ausstellungen in Polen.

Erwin Jenett wird am Dienstag, 8. September, um 19.30 Uhr in der Kreisbiblio thek über Leben und Werk von Günter Machemehl berichten. Er bezieht dabei Zitate aus dem umfangreichen Briefwechsel des Malers mit ein. Jenett hat 2007 zusammen mit seiner Frau und Jürgen Graan den Briefwechsel mit Hermann Hesse als Buch veröffentlicht.

Die musikalische Begleitung am Flügel gestaltet Hedda Wehrmann. Anschließend bietet Erwin Jenett eine Führung durch die Ausstellung an. Der Eintritt ist frei.

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