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Ostholsteiner Anzeiger

16. Dezember 2017 | 23:57 Uhr

Große Kunst vor leeren Stühlen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Das Festival Classical Beat präsentierte Musik mit außergewöhnlich hohem Niveau, verpasste aber das Ziel, junge Leute anzusprechen

von
erstellt am 06.Jun.2017 | 11:17 Uhr

Ein neues Festival ist geboren: Classical Beat. Es sollte Brücken schlagen zwischen alter und moderner Musik, zwischen „reifen“ und jungen Musikern, zwischen Kontinenten und zwischen grauhaarigem und jungen Publikum. Alles ist wahr geworden – mit einer Ausnahme: „Es ist uns nicht gelungen, viele junge Leute anzusprechen,“ räumte Initiator Hans-Wilhelm Hagen freimütig ein.

Das gilt besonders für einen Abend mit fulminanter Musik, die einen weiten Bogen spannte und Sonnabend im Saal der Schlossterrassen den Schlusspunkt unter die Konzerte in Eutin setzte. Nicht einmal 80 Zuhörer erlebten Musik auf außergewöhnlich hohem Niveau, und junge Leute ließen sich Sonnabend fast an einer Hand abzählen. Dabei das Festival mit der Aktion Konzertmanager den Kontakt zur Weber-Schule, zur Beruflichen Schule und zum Lübecker Domgymnasium geknüpft. In Kooperation mit dem Hamburger Musik-Projektentwickler „Tonali“ gaben die Geigerin Marina Grauman, die Cellistin Laura Moinian und der Pianist Viktor Soos Solo-Konzerte in den Schulen, und am Sonnabend präsentierten sie in den Schlossterrassen mit atemberaubender Virtuosität und makellosem Zusammenspiel Ludwig van Beethovens Klaviertrio op. 97, genannt „Erzherzog-Trio“.

Den Bogen von 1811 zur aktuellen Zeit spannte der Percussionist Doug Perry (USA) mit Solo-Stücken und einer modernen Komposition namens „LIgNEouS für Marimba und Streichquartett“ von Andy Akiho. Das rhythmisch betonte, rasante Stück interpretierten Doug Perry und das Lübecker DeLia Quartett zusammen – eine weitere Glanzleistung, die freilich tradierte Hörgewohnheiten herausforderte. Den letzten Part, Tanzmusik mit sphärischen Klängen von Computer und Cello und dem treibenden Rhythmus eines Schlagzeugers lieferte das Lübecker Trio Aggregat.

Ein Brückenschlag funktionierte auch mit einem Nachwuchsensemble: Fünf Schüler der Musikschulen Ostholstein, Lübeck und Nyköbing absolvierten einen Workshop mit Doug Perry und dem künstlerischen Leiter des Festivals, Etienne Abelin. Perry arbeitete mit den jungen Leuten zur Improvisation, Abelin präsentierte das in New York vor 30 Jahren entwickelte Sound-Painting (Klangmalerei), bei dem ein Dirigent durch Anweisungen per Handzeichen ein musikalisches Werk spontan komponiert. Die Schüler traten sowohl in den Schlossterrassen als auch nachmittags im Garten am frischen Wasser auf. Ihr Abschlusskonzert am Sonntagnachmittag im Lübecker Hansemuseum litt unter Regen. Rund 100 Gäste hatten dort morgens ein vorletztes Konzert mit Pianist Kai Ono, dem DeLia Streichquartett Elektrokünstler Kaan Bulak, Doug Perry und Etienne Abelin verfolgt.

Ein erstes Fazit: Vor allem die Zahl junger Besucher bei den meisten Veranstaltungen war enttäuschend: Das gilt für 400 Gäste bei einer Disconacht in der Lübecker Golanwerft ebenso wie für den Sonnabend und den Donnerstag in den Eutiner Schlossterrassen. Ein „Selbstgänger“ war ein Discoabend am Timmendorfer Strand.

Die Kalkulation des Festivals sei vorsorglich nicht mit Einnahmen aus Kartenverkauf erfolgt, sagte Hagen dem OHA. Der vergangenes Jahr in Ruhestand getretene Eutiner Bankdirektor hatte die Stiftung „Neue Musik-Impulse“ gegründet und damit das Festival angeschoben.

Die Erfahrungen des ersten Classical Beats würden für eine Neuauflage nächstes Jahr ausgewertet. Im Mittelpunkt stehe dabei natürlich die Frage, warum es nicht gelungen sei, junges Publikum anzusprechen. Eines sei allerdings klar: Die am Festival Beteiligten seien entschlossen, weiter zu machen. Vielleicht könne man dafür Einrichtungen gewinnen, in denen sich die Begleitkosten zum Beispiel für die Technik reduzieren ließen. Ergo: Das erste Classical Beat soll nicht das letzte gewesen sein.

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