Gott sei Dank

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shz.de von
12. Oktober 2018, 12:03 Uhr

Die Vögel verlernen allmählich das Singen, das haben britische Forscher festgestellt. Es ist einfach zu laut geworden in ihrer Umgebung. Die Vögel hören sich dann selbst nicht mehr und haben darum Schwierigkeiten beim Lernen. Aber ohne Singen finden sie keinen Partner; andere lernen einfach nur die Geräusche, die sie hören: Alarmanlagen, Autohupen und Handys. Wenn ich morgens die Vögel vor meinem Schlafzimmerfenster höre, fällt mir diese Zeitungsmeldung ein, und ich werde ein bisschen traurig darüber, dass Vögel einfach ihr Wesen verlieren und nur noch nachahmen können, was sie woanders gehört haben.

Ist das auch bei uns Menschen so?

Kann es sein, dass wir Menschen in den letzten Jahrzehnten ein wenig von unserem Wesen verloren haben, oder von dem, was ganz natürlich zu uns gehört? Manchmal finde ich, dass manches zu selbstverständlich geworden ist, was sich nicht von selbst versteht: Essen, Trinken, Dach über dem Kopf, Kleider, Gesundheit... Es ist natürlich schön, dass wir das alles haben, und ich freue mich daran. Aber eigentlich ist es ja überhaupt nicht selbstverständlich; eigentlich ist das alles, wenn wir nur einmal kurz woanders hinschauen, ein Wunder.

Und ein Recht auf das alles habe ich womöglich auch nicht. Und wenn ich das denke, dann befürchte ich manchmal, dass Menschen und auch ich allmählich das Danken verlernen als das Selbstverständlichste von der Welt.

Für mich gehört das Danken zu unserem ganz eigenen Wesen, wie das Singen zum Wesen der Vögel gehört. Es wäre schade, wenn Menschen immer mehr das Danken verlernen würden und sich so zurückziehen von anderen oder nur noch nachahmen, was andere machen oder sein lassen. Sich beschweren fällt doch oft gar nicht so schwer, da dürfte das Danke sagen manchmal etwas leichter sein. Es ist ja eigentlich schon mehr als genug, wenn wir nur einfach ganz ernst meinen, was so oft nebenbei dahingesagt wird: „Gott sei Dank“. Wirklich besitzen können wir doch nur das, wofür wir schon gedankt haben.

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