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Ostholsteiner Anzeiger

17. Oktober 2017 | 23:03 Uhr

Glaubenssuche – ein langer Weg

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 24.Dez.2013 | 00:33 Uhr

Lange habe ich mich gar nicht darum gekümmert. Ich war zwar, wie nahezu jedes Kind
meines norddeutschen Mittelstandsmilieus der 1960er und 1970er Jahre, getauft und konfirmiert worden, getreulich angeleitet von denen, die mich in Liebe und Konvention aufzogen. Doch irgendwie trug ich so gar keinen Glauben an „Gott“ in mir. Die Empfindung, glaubensmäßig unbehaust zu sein, machte einen großen Teil meiner jugendlichen Gestimmtheit aus. Andere meines Alters taten sich in der kirchlichen Jugendarbeit hervor, erlebten dort erste Liebesgeschichten, besuchten Kirchentage, von denen sie durch offenbar metaphysische Gemeinschaftserlebnisse beseelt zurück kehrten.

Für die eine oder den anderen sollte sich in dieser Zeit sogar der spätere Weg als Pastorin, Pastor abzeichnen. Und ich? Ging reiten, machte viel Sport. Fühlte mich irgendwie minderbemittelt, als hätte ich - wie im Mathe-Unterricht - rein gar nichts begriffen.


Kind der Aufklärung


Der junge, noch herzergreifend unorientierte Mensch hält es nicht lange aus, nirgendwo dazu zu gehören, sofern er nicht eine Identitätskrise riskieren will. Also beschloss etwas in mir (mein Verstand war's nicht), dass ich mich vielleicht als unsentimentales Kind der Aufklärung sehen könnte. Ich begann herumzublättern bei den Großen dieser Schule, nichts Ernstes, mir fehlte die Geduld.

Aber ich brauchte eine Heimat, Himmelherrgott! Immerhin konnte ich erst mal andocken und so tun, als ob ich etwas Eigenes bei Kant, Rousseau, Descartes begriffen hätte. So wähnte ich mich also vorbehaltlich angekommen in der allerersten selbstgewählten Tradition meines jungen Erwachsenenlebens: als Agnostikern. Erstaunlicherweise kamen mir diese Aufklärer bald ebenso schwer verständlich vor wie die religiös Erfassten.


Die Kälte an der Uni


Auch zu dieser Entwicklung verhielt sich die Welt hauptsächlich indifferent. Mach' doch, was Du willst, schien sie zu sagen. Die Welt - die sich einerseits wie selbstverständlich um meine Anbindung an die christliche Tradition gekümmert, mich dann aber seelsorgerisch völlig in Frieden gelassen hatte - zeigte sich mir nun, etwa im geisteswissenschaftlichen Studium, als kühler, strikter No-nonsense-Club: „Glaube nur, was Dir bewiesen wurde. Verinnerliche unbedingt die wissenschaftliche Etikette, wie wir sie Dir beibringen! Bezweifle nicht, dass nur existiert, was unser System durchlaufen hat und für relevant befunden wurde.“ Niemals würde ich dies in Zweifel ziehen! Ich war doch ein Blatt im Wind.

Als sich die generelle seelische Schieflage bei mir verfestigte, etwa mit Mitte 20, schlüpfte ich eines Tages unter der Glocke des wissenschaftlichen Exkurses hervor. Nun las ich im Übermaß Rilke, Hölderlin, Novalis, schrieb selbst Verse - winzige Worthöhlen, in denen ich stundenlang in Gesellschaft meines Spiegelbildes verharren konnte. Ich schaute in die Sterne, ohne mehr als intergalaktische Hoffnungslosigkeit zu sehen. In der Friedensbewegung erlebte ich, wie es ist, eine Mission zu spüren und zu handeln, wenn auch nur klitzeklein! Meine sehr linke Truppe deklarierte, nach Klinkenputzen und durch Überwältigungsargumente erlangten Unterschriften, tatsächlich einen Straßenzug in Hamburg-Hoheluft zur Atomwaffenfreien Zone! Das stand jedenfalls auf den Schildern, die wir anbrachten. Im friedensbewegten Getreibe tauchten einige für mich sichtbare Kirchenmenschen auf, etwa Dorothee Sölle. Interessant, wollten wir das selbe?

Das Wort „Spiritualität“ bereicherte meinen Wortschatz und belebte meine Fantasie. Es gab also andere Schulen als unsere Kirche(n)? Wirklich alle interessanten Leute wurden damals zu Sanyassins: in Orange gekleidete Bhagwan-Anhänger, dauerstrahlend, aber irgendwie doch auch vom Irrsinn geküßt? Ich hatte eine Heiden-Ehrfurcht vor ihrer Entschlossenheit zum beseelt Werden, mir aber fehlte die Traute zum Sich-auf-links-drehen-lassen.


Beklemmung


Ja, so gingen die Jahre dahin. Weder der Besuch von Kathedralen noch der von Kapellchen brachte Linderung. Im Gegenteil: Betrat ich eine Kirche, so spürte ich nichts als Beklemmung. In der Kälte der Einschüchterungsarchitektur und dem ungeheizten Geruch wartete nämlich der Tod auf mich - da! Das grauenvolle Abbild des Folteropfers! Bloß weg hier. Während meine allgemeine Weltaneignung langsam voran kam, war ich glaubenstechnisch verlorener denn je.

Das jüngste spirituelle Obdach, dem ich mich etwa ab 40 anverwandeln konnte, ist in der Humanistischen Psychologie zu Hause. Ich erlebte die tiefe Selbstbefragung im Zweiergespräch (je nach Gegenüber ja auch oft ein einsames Geschäft) und die konstruktiv konfrontative wie ungeahnt gemeinschaftsstiftende Wahrhaftigkeitsdynamik von Gruppen. Wegen dieser Erfahrungen glaube ich heute an den heißen Entwicklungswunsch von uns Menschen - hin zu Frieden und Wohlwollen. Habe ich gerade „glaube ich“ geschrieben? Na bitte.


Etwas klingt nach


Beim Gott der Kirche bin ich noch immer nicht angekommen, und ich sehe auch wenig Chancen. Ich fühle mich unwohl, wenn liebe Gesellschaft mich zu Weihnachten in eine Andacht drängt und ich nicht klar genug bin, Nein danke zu sagen. Ich bestaune Menschen, die Heiligabend unfallfrei das Vaterunser aufsagen, vorm Altar heiraten, ihre Toten dort verabschieden, aber sonst keinen Gedanken an ein Mitgehen in der Gemeinde hegen. Sie machen sich wahrscheinlich einfach nicht so viele Gedanken wie ich. Ihre Gedankenlosigkeit bekümmert mich. Andererseits: Seit Jahren lesen wir uns Heiligabend draußen unter den Sternen die Weihnachtsgeschichte vor, und ihre Worte klingen in mir nach, auch wenn ich bei „… keinen Raum in der Herberge…“ an afrikanische Flüchtlinge in Lampedusa denken muss und bei „… und Friede auf Erden…“ nicht an Ruhe, sondern an Syrien.

All das Gesagte wäre missverstanden, wenn es als Appell an die Kirche gedeutet würde, sich endlich zu bewegen und all die verlorenen Schäfchen doch bloß wieder einzufangen. Die Menschen suchen sich ganz von selbst, was sie brauchen. Im Moment scheint das nicht die Kirche zu sein. Einfangen geht sowieso nicht. Ich zum Beispiel würde nur ganz von allein kommen, oder eben auch nicht.


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