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Ostholsteiner Anzeiger

23. November 2017 | 23:09 Uhr

Glasfaser – aber nicht für alle?

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Die Gemeinden Süsel, Altenkrempe und Kasseedorf bildeten das erste Aktionsgebiet der ZVO-Breitbandsparte mit dem Vertriebspartner TNG Stadtnetz. Die geforderte Anschlussquote von 60 Prozent sei erreicht worden, lautete die Nachricht – aber Sagau, Stendorf und Freudenholm wurden ausgeschlossen. Der OHA-Autor Marc Dobkowitz lebt in Sagau. Er ist erbost. In diesem persönlichen Beitrag erklärt er, warum das so ist.

von
erstellt am 20.Okt.2017 | 11:34 Uhr

Der Markt hat versagt. Das ergab eine Markterkundung im Jahr 2016 und so gründeten 29 Gemeinden in Ostholstein die Breitbandsparte im Zweckverband Ostholstein (ZVO). In der Solidargemeinschaft der Kommunen sollte Glasfaser bis ins Haus nun auch dem letzten Gehöft in den „weißen Flecken“ das schnelle, zukunftsfähige Internet bringen.

Der Clou dabei: Das Netz gehört dem ZVO und die Gemeinden kassieren nach Tilgung der Kredite noch Konzessionsabgabe. Pluspunkt für den Bürger: Das öffentlich geförderte Netz muss allen Anbietern auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt zugänglich sein. Wie beim Strom kann nach Belieben gewechselt werden, was die Verträge hergeben. Das Netz kommt aber nur, wenn 60 Prozent der Haushalte anschließen.

Anfang vergangener Woche kam die positive Nachricht: ZVO und Netzbetreiber TNG Stadtnetz kündigten an, dass der Ausbau im ersten Vermarktungsgebiet beginnen könne, die Quoten wurden erreicht. Super!

Aber was stand da weiter hinten, nachdem sich die Verbandschefin Gesine Strohmeyer über die solidarische Leistung aller Bürger für ein bürgereigenes und freies Netz gefreut hatte? Sagau, Stendorf und Freudenholm gehören nicht dazu. Als Sagauer, der sich bis zuletzt für ein freies und öffentliches Netz eingesetzt hatte, wollte ich es nicht glauben.

14 Tage zuvor hatte mir meine Bürgermeisterin noch einen Brief geschickt und alle Bürger zu solidarischem Verhalten aufgerufen. Wir sollten nicht an uns denken, sondern auch an andere, die sonst vielleicht kein Internet bekommen.

Auf den Ausschluss der zwei Ortsteile angesprochene Gemeindevertreter zucken jetzt mit den Schultern. Es sei halt schade und man könne da beim besten Willen nichts machen. Im Übrigen seien die Sagauer selber schuld, denn sie hatten sich zu 80 Prozent für einen Anschluss durch die Stadtwerke Eutin (SWE) entschieden.

Sie glaubten von Anfang an nicht daran, dass der Ausbau durch den ZVO kommt. Ich aber glaubte an die Beschlüsse und die damit verbundenen Aufträge der Kasseedorfer Gemeindevertretung. Und bis zuletzt machten ZVO und TNG immer wieder deutlich: „Wir schließen jedes Gehöft an, das ist schließlich unser Auftrag.“ Ich glaubte weiter an die Solidarität unter 29 Gemeinden.

Torsten Hindenburg, beim ZVO für das Breitband zuständig, erklärte mir: Die Stadtwerke seien schuld am Ende der Solidarität. Und der Eutiner Bürgermeister.

Aber was habe ich damit zu tun? Ich hätte wohl meinen Nachbarn die Vertragsunterlagen der SWE aus den Briefkästen ziehen müssen, bevor sie unterschreiben können. Oder welchen Beitrag zur Solidarität hätte ich erbringen müssen?

Heute weiß ich: Nichts hätte ich tun können, denn die Cluster, in denen die Quote von 60 Prozent erreicht werden muss, legen ZVO und TNG selbst fest, und zwar nachdem sie wissen, wie
viele Anträge vorliegen. Und die Gemeinde Kasseedorf
hat die Hürde nicht genommen, so die Auskunft des ZVO.

Die Solidarität der Gemeinde Altenkrempe mit weit über 60 Prozent hat geholfen. Und natürlich Freudenholm und Sagau, weil man das Kabel zu ihnen sparen kann. Nun ist aus Solidarität der volkswirtschaftliche Aspekt geworden. Man könne doch nicht sinnlos Gelder in der Erde versenken für nur ein oder zwei Häuser. Komisch, ich hatte immer gemeint, genau darin bestehe der Solidargedanke. Die „fetten Cluster“ finanzieren die „mageren“. Nun werden die Mageren abgehängt und die Fetten füllen die Säckel von ZVO und TNG. Und wer daran schuld ist, wurde mir auch gleich gesagt. Diesmal von der Bürgermeisterin. Gemeindevertreter, die sich nicht intensiv genug für das Glasfasernetz eingesetzt oder der Solidarität den Rücken gekehrt und ihren Gutshof bei den SWE angeschlossen hätten. Und das ist jetzt die Rechtfertigung dafür, achselzuckend zuzusehen, wie andere nun sogar aktiv aus der Solidargemeinschaft ausgeschlossen und von öffentlicher Infrastruktur abgehängt werden? Am Ende bin aber auch ich selbst schuld, weil ich mein Häuschen fernab von Landesstraßen ganz im Westen der Gemeinde gebaut habe. Hinter den Hügel und Wäldern kommt lange nichts mehr. Wer hierher kommt, muss sich dazu entscheiden. TNG hat sich dagegen entschieden. Holzkaten hat da mehr Glück. Zwar auch nur ein Antrag bei einer Hand voll Häuser, aber eben mitten drin. Da muss das Kabel für die Solidargemeinschaft und Gewinnmaximierung durch. Dann nimmt man auch den einen Kunden noch mit.

Ich gebe nun bei den schuldigen SWE meinen Antrag ab und werfe einen Blick auf die Immobilienanzeigen. Vielleicht gibt es ja etwas zentraleres als Sagau.




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